Man kennt das aus der eigenen musikalischen Sozialisation: Man lernt einen Song kennen, verliebt sich in ihn, schwört ihm ewige Treue und nach einer intensiven, aber in der
Regel doch alles andere als ewigen Phase der gegenseitigen Wertschätzung, wird er nach und nach immer öfter im Shuffle-Mode übersprungen bis er irgendwann den Weg allen
Irdischen geht und in der Versenkung verschwindet. Mein Song für die Ewigkeit heißt „Fields Of Athenry“, die Band Dropkick Murphys und unsere gemeinsame Phase der Wertschätzung
nähert sich inzwischen trotz aller gegenteiligen Erfahrungen dem „Ewigkeits“-Status.
Magisch... Überhaupt sind die Murphys um ihre Doppelspitze aus Sänger Ken Casey und Basser Al Barr mit einigen Stücken vertreten, die mal das eherne „irgendwann nervt alles“-Gesetz brechen können. Live ist die Folkpunk-Institution aus Boston sowieso legende, denn wenn der grundehrliche Arbeiterklassenethos, der sich als roter Faden durch die Bandgeschichte zieht, von mächtigen Dudelsackkaskaden in eine pogohungrige und feierwütige Menschenmenge gefeuert wird, spritzen Schweiß und Funken. Dass die US-Iren für ihr aktuelles Album „Going Out In Style“ nicht nur Platz 19 der deutschen Charts erobern, sondern sogar den „Boss“ persönlich zu einem Stelldichein bewegen konnten, zeigt sowohl den kommerziellen, als auch den künstlerisch-ideologischen Standard, den die Band inzwischen hat.
Anfang 2012 beehren die Murphys nun endlich mal wieder heimische Gefilde und spielen immerhin 5 Shows auf deutschem Boden. Wer einem anständigen, Guinness-geschwängerten Pogo nicht abgeneigt ist, wer die Revolutionsromantik liebt, die das traditionelle Liedgut der irischen Einwanderer transportiert oder schlicht und einfach einer verdammt hart arbeitenden Klasseband anschauen möchte, sollte einer dieser leider viel zu seltenen Gelegenheiten dringend wahrnehmen.
27.01.2012 - Hannover - AWD Hall
29.01.2012 - Berlin - Columbia Halle
30.01.2012 - Leipzig - Haus Auensee
01.02.2012 - Ludwigsburg - Arena
06.02.2012 - Düsseldorf - Mitsubishi Electric Halle
Tickets für die Shows gibt es u.a. auf www.eventim.de oder an allen CTS-Vorverkaufsstellen.
Till Erdenberger

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Alle beliebten Features der Mario Kart-Serie sind vorhanden: klassische Strecken, Cup-Modi und Wettkämpfe, die bekannten Charaktere wie Mario, Yoshi, Bowser oder Todd können gewählt oder der eigene Mii-Charakter ins Cockpit gesetzt werden. Das Spiel bietet einen spannenden Mix aus klassischen Elementen, die Mario Kart seit 15 Jahren so erfolgreich machen, und neuen Features, die das Spiel immer wieder neu und abwechslungsreich erscheinen lassen. Wer sich zum ersten Mal ins Mario Kart traut, den erwartet eine Rennwelt mit vielen verschiedenen Strecken und Herausforderungen.
Bunte Optik, viele Details
Wie üblich bei der Mario-Serie erscheint das Spiel in bunter Optik, so verspielt und fantasiereich, dass sie für das Kind im Manne auch in der 7. Generation noch was fürs Auge bietet. Und dennoch gilt: Form follows function, denn hier stehen nicht die Bildwelten, sondern der Spielspaß im Vordergrund. Der ist aufgrund der vielen liebevoll gestalteten Details absolut vorhanden. Das Spiel läuft zudem ohne größere Ladezeiten und ohne Aussetzer. Wer online zockt, sollte jedoch über eine gute Internetverbindung verfügen.
Denn bei „Mario Kart 7“ können Spieler die Vorteile der Internetverbindung nutzen. Sie können in Online-Rennen gegen bis zu 11 Spieler aus der ganzen Welt oder gegen Ihre Freunde antreten. Außerdem können sie Räume für Ihre Freunde einrichten und sich über Text-Chat unterhalten, während sie auf andere Rennfahrer warten.
Wer nicht online spielen will, fordert Computergegner heraus. Die Fähigkeiten der Gegner lassen sich dabei so einstellen, dass Anfänger keinesfalls frustriert werden. Je erfahrener der Kartfahrer wird, je stärker kann er seine Gegner dann werden lassen.
Neue Fahrzeuge, andere Steuerung
Erstmals können Wohnzimmer-Rennfahrer auch auf zwei Rädern durch die verschiedenen Welten von Mario Kart rasen. Die Bikes sind noch wendiger als die Karts und geben einen Geschwindigkeits-Schub, sobald der Fahrer nur auf dem Hinterrad Gas gibt. Im Kopf-an-Kopf-Rennen ein Vorteil. Allerdings können die Bikes auch leichter weggerammt werden als das klassische vierrädrige Kart.
Das Fazit
Egal ob erfahrener Spieler oder Anfänger, egal ob jung oder alt: Der Rennspaß kann mit Mario Kart sofort loslegen. Nintendo 3DS-Besitzer, die das Spiel noch nicht haben, freuen sich garantiert, wenn es unter dem Weihnachtsbaum liegt.
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Für diesen Text von Blank-Autor Stefan Kalbers sollte man sich Zeit nehmen, denn hier geht es um Besinnlichkeit. Im wahren Sinne des Wortes.
Und wann stehen für einen Reality-Check die Sterne günstiger als im Advent, am Ende eines Jahres, wenn man sich selbst mit der bitteren Wahrheit, dem Großen und Ganzen,
wenn man sich selbst mit dem eigenen Anspruch konfrontiert. Im März erscheint Kalbers neues Buch „Flecken“ im Unsichtbar Verlag.
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Wenn sich jemand in den vergangenen Jahren diametral zur Stimmung an den Weltmärkten entwickelt hat, dann ist es der Erfurter Clueso. Denn der ist jüngst – mit großer
Kontinuität als gesunder Basis – endlich durch die Decke gegangen. Gold- und Platinauszeichnungen hängen inzwischen als stabile Wertanlagen an der Wand des Liedermachers und
Altmeister Udo Lindenberg hat sich den jungen Mann bekanntlich als Duettpartner gesichert.
Gerade ist Clueso von einer Tour zurück gekehrt, die ihn rund ein halbes Jahr durch Deutschland geführt und für ausverkaufte Hallen allerorten gesorgt hat. Und irgendwie war das ja auch ein bisschen voraus zu sehen, denn der Künstler – bürgerlich Thomas Hübner – ist einfach schon immer smarter, talentierter, netter und wohl auch fokussierter auf sein Tun, als viele andere. 15-jährig 1996 als MC beim "Erfurt Projekt 1996" gestartet, entwickelt er sich nämlich allmählich vom Sprechgesang weg und ist spätestens seit seinem 2008er-Album "So sehr dabei" dem Geheimtipp-Status entwachsen. Inzwischen ist der Thüringer so etwas wie nationales Kulturgut geworden, ist er doch ein Künstler, auf den sich irgendwie alle einigen können. Zu elegant ist seine Lyrik, zu unangreifbar sein Wesen und vor allen Dingen zu stark seine Kunst. Jetzt lädt der Gefeierte zum Jahresausklang die Fans zu sich nach hause ein – dorthin, wo alles begann.
Den Nikolaustag dieses überaus erfolgreichen Jahres begeht der Erfurter wie es sich gehört bei sich zuhause – und lädt bei dieser Gelegenheit gleich zur ganz großen Sause. Denn am 6.12. findet in seiner Erfurter Kreativzentrale, dem Zughafen, die nächste Auflage der Telekom Streetgigs statt. Der Zughafen ist nicht einfach eine Konzertlocation, sondern vielmehr das "zu Hause" des Künstlers, sein kreatives Wohnzimmer, wo er nicht nur seine eigene Musik schafft, sondern auch andere talentierte Musiker fördert. Nur an diesem speziellen Abend wird Clueso die Pforten auch für eine kleine Anzahl seiner Fans öffnen und eines seiner selten gewordenen ganz intimen Konzerte spielen. Denn während zuletzt 9.000 in Oberhausen auf ihn warteten, wird es diesmal deutlich kleiner und damit trotz eines halben Jahres voller Liveshows wohl der außergewöhnlichste Konzertabend des Jahres für den so gefeierten Clueso.
Ihr müsst euch nicht grämen, dass ihr offensichtlich den Vorverkauf verschwitzt habt: Tickets gab es wie immer bei den Telekom Streetgigs nur zu gewinnen (um künftig keine Chancen mehr zu verpassen: bookmarkt euch www.telekom-streetgigs.de)! Wir haben aber hier noch mehr als ein Trostpflaster für die Telekom(munikations)- und Musikfreunde unter den BLANK-Lesern. Denn man hat uns ein – Achtung, sperriger Begriff – „Mobile Music Pac – Street Gigs Edition IV“ zur Verlosung übergeben. Und das Dranbleiben trotz der Bandwurm-Produktnamens hat sich gelohnt, denn dahinter verbirgt sich ein Nokia 500 (inklusive 3 Wechselcovern, Digitalkamera mit 5 Megapixeln und Videos in HD-Qualität und kostenloser, weltweiter GPS-Navigation). Dazu gibt es die „Street Gigs – Best Of“ DVD Vol. IV mit allen Highlights der Street Gigs. Wow... Und zu allem Überfluss gibt es noch 5 Songs gratis obendrauf. Zur Überwindung der Clueso-Trauer vielleicht? Schick uns bis zum 10.12. eine Mail mit dem Betreff „Ich wollte zu Clueso“ an verlosung[at]blank-magazin.de und du könntest der Glückliche sein!

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Vergessen der Moment, in dem man zur Konfirmation sein erstes Hemd geschenkt bekam, das bestenfalls nur drei Nummern zu groß war, denn es sollte ja eine Zeitlang halten.
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Vielleicht daher die zwischenzeitliche pubertäre Ablehnung eines Kleidungsstückes, das sowohl Punks als auch Banker schmücken kann. Wir verlosen 5 Hemden der deutschen Marke SIGNUM, deren Tradition bis in die goldenen Zwanziger zurückreicht. War man einst bekannt für das 'Wirtschaftswunderhemd' und als Hemdenlieferant für die Hippiegeneration, so produziert SIGNUM heute individuelle, zeitlose und doch zeitgeistige Hemden, die egal ob unter dem Jackett oder einfach lässig ohne getragen, stets der perfekte Begleiter zu jeder Gelegenheit ist. Der smarte Mix aus Casual und edler Klassik, die dezenten Farben und die vielen liebevollen Details machen die aktuelle SIGNUM Hemdenkollektion HW 2011/12 zu einem echten Hingucker.
Mehr Infos unter: www.signum-fashion.de

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„Es ist nicht schwer, zu komponieren. Aber es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen.“ (Johannes Brahms)
Weil just in den letzten Wochen so besonders viel im Brahms´schen Sinne gelungener Kram meinen Weg gekreuzt hat, will ich euch gerne mal
ein paar der Platten vorstellen. Ein paar sind aktuell, ein paar haben mit einem kleinen Umweg den Weg wieder zu mir zurück gefunden. Aber alle haben das gewisse Etwas,
das mir jetzt schon sagt, dass sie ordentlich abgehangen sind und den Test der Zeit bestehen werden oder es schon getan haben. Zugegeben, ein Innovationspreis wird sich mit
dieser Zusammenstellung wohl nicht gewinnen lassen. Aber ich traue allen Vertretern dieses Ensembles zu, dass sie auch für den einen oder anderen von euch zu einem treuen
Begleiter werden können. Los geht's...
Chuck Ragan ist in den letzten Jahren zu so etwas wie dem "großen, alten Mann" einer jungen US-amerikanischen Folkbewegung geworden. Auf inzwischen vier Alben arbeitet sich der Mann mit dem unglaublich physischen Gesangsstil nun schon an den Ideen, Standards, Geschichten und Emotionen einer lange – zumindest für europäische Ohren – verschüttet geglaubten musikalischen Tradition ab.
Ragan, der sich als Sänger der Indiepunk-Heroen Hot Water Music (deren Relevanz sich mir allerdings nie erschloss) Ikonenstatus erarbeitet hat, hat auf "Feast Or Famine" (von 2005) zwölf Nummern versammelt, die allesamt eines verbindet: Der Kopf dahinter hat etwas zu erzählen und lässt sich davon verdammt nochmal nicht abbringen. Allein "American Burritos", "The Boat" oder "For Broken Ears" versammeln – vorgetragen von Hardest Working Man in Showbusiness zusammen mit zumeist nicht mehr als Kontrabassisten und Violinisten – mehr Emotionen und Vitalität als andere Bands in ihr komplettes Oeuvre zu packen imstande sind. Auch die beiden nachfolgenden Scheiben sollten dringend mal angetestet werden, an die Eindringlichkeit dieser Vorstellung kommen sie allerdings nicht ganz ran. Ausgelöst wurde der Chuck Ragan-Revivalimpuls übrigens durch die gerade zuende gegangene "Revival Tour", für die der Sänger Kollegen im Zeichen des Folk versammelt hat, die allesamt ebenfalls dieser Tage erstklassige und überaus empfehlenswerte Soloalben an den Start gebracht haben. (Dave Hause – Resolutions, Brian Fallon als "The Horrible Crows" – Elsie und Dan Andriano – Hurricane Season).
www.chuckragan.com.Nun gut, wenig kontrovers und man muss aufpassen, dass man sich nicht dem Vorwurf aussetzt, hier auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Dennoch: Ich verlasse das sichere Nest des Liebhabertums und stelle diese Platte in den gebührenden (Klang-)Farben vor. Denn den Broilers gelingt mit "Santa Muerte" endgültig das, was sich schon auf dem Vorgänger "Vanitas" angedeutet hatte: Die erfolgreiche Kombination einer betonschweren, teerfarbenen Bodenständigkeit, exotisch- progressiv-frech daher kommender Instrumentaleinsätze und einer textlichen Ambitioniertheit, die mal mit mit kunstvoller Einfachheit komplexen Alltag beschreibt und dann auch wieder andersrum daher kommt. Dieses Werk ist nichts für musikalische und gesellschaftspolitische Analphabeten, sondern für eine intellektuell ambitionierte, am politischen und sozialen Diskurs interessierte Zuhörerschaft. Aber wisst ihr was? Schluss mit dem Geschwurbel. Denn "Santa Muerte" ist eine Platte, die von vorne bis hinten mit ganz wenigen Ausnahmen viel Spaß macht. Und auch wenn sie manchmal etwas verkopft daher kommen mag, so ist dieser Gedanke nie Selbstzweck, sondern zwingt den Zuhörer, sich nicht nur mit der Form, sondern auch dem Inhalt der Songs auseinander zu setzen. Denn zwischen Bläsersätzen, die hier so geschmackvoll arrangiert und effektiv wie noch nie zuvor in der Broilers-Laufbahn, lauert hinter jeder Ecke Botschaft und Aufforderung zu irgendwas. Vorsicht, diese Platte ist durch und durch politisch – und zwar, weil alles politisch. Außer vielleicht der schieren musikalischen Freude und Fülle an auditiven Gedanken, die auf "Santa Muerte" verarbeitet sind. Anspieltipps: "Weckt die Toten", "In ein paar Jahren", "The World Is Yours (Nicht)", "Tanzt du noch einmal mit mir".
www.broilers.de.Mit dieser und der nächsten Scheibe wird es ein bisschen exotischer und ich wette, mindestens eine der beiden Bands wird bei euch nur Fragezeichen produzieren. Und weil das so schade ist, will ich euch beide vorstellen. Los geht es mit den Kordz und die räumen in Sachen Exotenbonus voll ab, auch wenn sie den eigentlich weder wollen noch brauchen. Die Band um Sänger und Mastermind Moe Hamzeh kommt aus dem Libanon und wenn sich das große Raunen unter den Rockfreunden gelegt hat, bleibt in der Regel eine große Neugier zurück. So war es auch bei mir, als ich meine Finger an diese Platte bekommen habe. Und man bekommt eigentlich genau das, was man erwartet – zumindest musikalisch: Eine Band, die handwerklich über alle Zweifel erhaben agiert und darüber hinaus selbstbewusst und mit großer Finesse immer wieder völlig klischeebefreit und gut dosiert das kulturelle Erbe ihrer Heimat zitiert. Ansonsten ist "Beauty And The East" eine Platte, deren Titel das selbstironischste Element ist. Denn inhaltlich wird hier durchaus schwere Kost geboten, auch wenn es wider Erwarten eher unpolitisch zugeht. Dass Sänger und Texter Moe kein luftiger Springinsfeld ist, trieft aus jeder Zeile der Texte, die sich häufig mit den ganz großen Fragen ("The End") beschäftigen. The Kordz liefern hier ein lebendig-melancholisches Album ab, das gerade für mitteleuropäische Ohren unheimlich viel unheimlich unaufdringlich zu Entdecken bereit hält. Und am Ende des Tages vor allem eines ist: Ein verdammt gutes Stück Rockmusik!
www.thekordz.com.Meine dänische Zweitlieblingsband – noch deutlich vor Volbeat – hört auf den Namen Carpark North und ist vielleicht dem einen oder anderen hier schon ein Begriff. Das Trio spielt elektronisch beeinflussten, stets etwas poppigen Rock und ist gerade in der Heimat schon weit mehr als ein Geheimtipp – bei uns lassen sich die Herren jedoch eher selten blicken und auch ihr Album "Lost" ist, zumindest so weit ich das mitbekommen habe, ziemlich unter Wert gelaufen. Dabei ist "Lost" so etwas wie eine Art Best Of der frühen Jahre, denn hier sind nicht nur feine Ohrenschmeichler wie das saustarke "More" und das beinahe an Kraftwerk gemahnende "Shall We Be Grateful" versammelt, sondern auch mit "The Beasts", "Transparent And Glasslike" und "Human" die drei stärksten Hits ihres Dänemark-Debüts "All Things To All People", das hierzulande nicht erschienen ist und nur per Import zu kriegen war. Und möglicherweise liegt genau hier die Krux (und der Grund, warum oben zwei Alben stehen): Denn die drei letztgenannten Nummern wurden für das deutlich für eine kommerziellere Zielgruppe produzierte "Lost" auf Linie gebracht und so ihrer Ecken und Kanten beraubt. Nicht falsch verstehen, starke Songs bleiben starke Songs. Aber wenn man die Originale und ihre sperrige Intensität kennt, dann fehlt hier deutlich was. Deshalb empfehle ich – wenn die Chance besteht – doch den Griff zum "Original". Denn hier kracht, knallt und fließt es noch einen ganzen Zacken energischer als auf "Lost". Zieht euch mal auf Youtube "The Beasts" und "Transparent And Glasslike" in den Liveversionen rein und es werden wohl keine Fragen offen bleiben.
www.carparknorth.dk.Till Erdenberger

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Als im November 1991 ihr Album „Riskin´ It All“ auf den Markt kommt, stehen D-A-D auf dem Zenit ihrer Popularität und unmittelbar vor dem weltweiten Durchbruch.
Der Branchenriese Warner hatte den Dänen den bis dato bestdotierten Vertrag vorgelegt, den je eine Band dieser Größe unterschrieben hatte.
Die Fachpresse wählte das Album auch folgerichtig auf Platz 1 ihrer Soundchecks.
Heute, beinahe auf den Tag genau 20 Jahre nach „Riskin´ It All“ und zahlreiche kreative Höhen und manche geschäftliche Tiefen später, stehen die Dänen wieder auf dem Treppchen der Fachmagazine. Und zwar mit einem brandneuen Album, das wohl so etwas wie die perfekte Symbiose aus dem vielbeschworenen und von Fans wohl beinahe aller Künstler immer wieder gewünschten „Old School“-Faktors und dem bandtypischen Willen zur stetigen Selbsterneuerung geworden ist. DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK heißt die Platte und erntet bei denen, die sie schon vor dem offiziellen Release am 11.11. hören durften Begeisterung. GUITAR spricht von einem „Sack voller Topliga-Hooks, die allesamt auf diesem Niveau keine andere Band in Europa schreiben kann“, das ROCKS sagt, dass „D-A-D lange nicht stärker und besser gerockt hätten“ und das RockHard sieht in den zwölf Stücken „einen echten Befreiungsschlag, sprich die Rückkehr zu früheren Großtaten“. Puh... Da kann und will man nicht widersprechen. Sänger Jesper Binzer beschreibt diese „Rückkehr“ bildreich: „Auf DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK haben wir alle Häutchen von der Zwiebel gezogen und den Kern freigelegt. Wir waren während wir die Songs geschrieben haben ständig auf Tour. Vielleicht hat uns das den Glauben an und die Lust auf einfachen, aber geschmackvollen Rock´n´Roll zurück gegeben hat.“
Entstanden ist das Album zwischen November 2010 und Oktober 2011 in mehreren Sessions in Frankfurt (im studio23) und in Kopenhagen, der Heimatstadt der Band. „Leider beeinflusst das Reisen unseren Blick auf uns und unsere Arbeit nicht mehr. Es hat uns aber sehr geholfen, uns in Frankfurt, in einer neuen Umgebung also, völlig auf die Songs und die Arbeit konzentrieren zu können, ganz ohne mit dem Alltag daheim konfrontiert zu sein. Außerdem ist das Essen in Frankfurt viel besser“, erklärt der Frontmann schmunzeln zum „Warum Frankfurt?“. Und während man an letzterem grundsätzlich Zweifel anmelden darf, kann man die erste Aussage bedenkenlos stehen lassen. Denn die neuen Songs klingen gleichermaßen durchdacht wie gut abgehangen. „I Want What She´s Got“, „Breaking Them Heart By Heart“ und „Fast On Wheels“ gehen direkt beim ersten Hören ins Ohr, „We All Fall Down“ ist mit seinem wunderschönen Outro eine neue Referenz für die leidenschaftliche Gitarrenballade und die restlichen Nummern reihen sich unter dem Label „Das Beste aus allen Welten“ in diesen Reigen ein. Und weil es immer so blöd ist, das eigene Produkt abzufeiern, lassen wir hier einfach nochmal die Kollegen von der Fachpresse ran: „ Auf „The Last Time In Neverland“ haben die konservativsten Anhänger der Dänen zwei Dekaden warten müssen: Schubkraft, Riff und Lässigkeit waren lange nicht mehr so fest im Hardrock verankert.“ Und wenn die das sagen, können wir uns ja eigentlich entspannt zurück lehnen und die Musik das Gespräch führen lassen.
Wie fokussiert und überzeugt die Musiker von ihrem Material schon seit einem frühen Zeitpunkt waren, zeigt die Tatsache, dass man sich früh auf eine kleine Anzahl an Stücken
entschieden hat, die dann sukzessive weiter ausgearbeitet wurden. Eigentlich eine untypische Arbeitsweise, wählte man für den Vorgänger „Monster Philosophy“ noch aus rund 40 verschiedenen Songs aus.
Heraus gekommen ist nun im November 2011 schließlich ein Album, das Gitarrist Jacob Binzer dazu verleitet, ihm das Prädikat „unser wahrscheinlich bestes seit langem“ verleiht. Leider eine (zu) oft gehörte Phrase, im Falle der stets selbstkritischen D-A-D aber ein ernst zu nehmender Hinweis darauf, dass das Album zumindest in der Bandhistorie schon jetzt tatsächlich einen Ehrenplatz einnimmt. Nochmal Jesper Binzer: „Wir haben uns für DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK sehr früh auf etwa 14 Ideen festgelegt und an diesen Songs immer und immer wieder sehr hart gearbeitet. Und ich denke, dass diese Art, Dinge immer wieder neu anzugehen, ein guter Weg ist, lebendig und kreativ zu bleiben.“ Nach 20 Jahren immernoch den Geschmack von Fans und Fachpresse zu treffen, ohne sich dabei ständig selbst zu zitieren, spricht für diese These. „DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK“ ist eine Belohnung für alle Rockfans, für alle Freunde von tonnenschweren aber stets lebendigen Riffs und ... eigentlich doch alle, die sich und ihren Ohren selbst was Gutes tun möchten. Und das sagen noch nicht mal wir...
Das Album ist bereits online vorbestellbar (z.B. bei EMP im Paket mit einem exklusiven T-Shirt oder bei Amazon mit einem signierten Miniposter) oder ab dem 11.11. beim Händler eures Vertrauens erhältlich.
D-A-D – DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK
Releasetermin: 11.11.2011
Im Februar könnt ihr euch von den legendären Livequalitäten der Dänen überzeugen. Denn dann sind sie ausgiebig in Deutschland unterwegs und ihr könnt sie euch hier anschauen:
ICS Festival Service GmbH presents: Fast On Wheels 2012
05/02/2012 – Frankfurt, Batschkapp
06/02/2012 – Nürnberg, Hirsch
07/02/2012 – Stuttgart, Roehre
08/02/2012 – Berlin, Postbahnhof
09/02/2012 – Osnabrück, Lagerhalle
10/02/2012 – Hannover, Musikzentrum
11/02/2012 – Bochum, Zeche
12/02/2012 – Köln, Luxor
16/02/2012 – München, Backstage
17/02/2012 – Schweinfurt, Stattbahnhof
27/02/2012 – Saarbrücken, Garage
03/03/2012 – Hamburg, Markthalle
Tickets gibt es für rund 22 Euro auf www.metaltix.com oder unter 04627 – 18 38 38.
Till Wilhelm

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Casper hat eine Geschichte zu erzählen. Seine eigene. Die hat auch mit dem Sprechgesang-Mutterland USA zu tun, in dem er aufwuchs. Doch Glaubwürdigkeit soll hier kein Thema
sein. Sein eher schüchterner Look kollidiert auf schöne Art und Weise mit dem aufrüherischen Element seiner Texte, seiner schmutzigen Stimme und den Videos, wie z.B. in dem
Song "Der Druck steigt", eine schön geschnittene und doch provinzielle Widerstandsposse, die u.a. dafür sorgte, dass sein Album „XOXO“ als quasi Chartbreaker zu bezeichnen ist.
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BLANK-Fotografin Svenja Eckert hat Casper diesen Sommer fotografiert. In der Provinz. Beim Mini-Rock-Festival im schwäbischen Horb. Vielleicht genau der richtige Ort, ruhig und besinnlich und doch euphorisch und aufgeheizt. Doch casper funktioniert auch abseits urbaner Befindlichkeiten. Gut so. Nur das Wort 'funktioniert' gefällt mir in dem Zusammenhang nicht so. Aber das ist wahrscheinlich mehr mein Problem al seines.
Elmar Bracht
Video zu „Der Druck steigt“:

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Leseprobe:
„Indische Busse sind Zeitbomben auf Rädern. In Deutschland wären diese Busse vor Jahrzehnten schon von Mitarbeitern des TÜV aus dem Straßenverkehr entfernt worden, aber nicht hier. Alles, was halbwegs rollte, wurde verzweifelt am Leben erhalten. Die Busfahrer standen dabei ihrem fahrbaren Untersatz in nichts nach. Sie alle waren durchweg selbstmordgefährdete Irre mit absolutem Hang zur Raserei und ohne Verantwortungsgefühl für nichts und niemanden. Auf ihrem Weg in die Verdammnis überholten sie ohne Rücksicht auf Verluste reihenweise die etwas langsameren Verkehrsteilnehmer. Dabei bedienten sie sich eher der Hupe als des Lenkrades. Ich fragte mich, ob die Hupen permanent Töne von sich gaben und man erst, um sie zu stoppen auf den Knopf drücken musste. Unser Busfahrer hinterließ ein endloses akustisches Diiiiiiieeeeeep in der Landschaft. Die marode Fahrbahn erinnerte mit ihren vielen Schlaglöchern an Emmentaler Käse. Oft ging der brüchige Asphalt unsanft in Lehm über, dann wieder eine ungesicherte Baustelle mittig auf der Straße. Doch die Busfahrer ließen sich davon nicht beirren, die Geschwindigkeit wurde keinesfalls gedrosselt, sie setzten zum Überholvorgang an, obwohl ein riesiger LKW auf der Gegenfahrbahn mit ohrenbetäubender Hupe und wildem Auf- und Abblenden des Lichts erschreckend schnell entgegen brauste. Aber ein Abbruch des Manövers war nicht üblich, die hinduistischen Götter würden uns schon helfen, und wenn nicht, dann gingen wir eben alle drauf und unsere Leichen würden auf einem Scheiterhaufen verbrannt und die Asche dem Ganges übergeben.
Zwei Hupen im Wettstreit, eine brüllte wütender als die andere, dann verschmolzen die Töne zu einem Soundtrack der Zerstörung. Ich hörte schon das üble Geräusch von zwei frontal aufeinander prellende Karosserien, von splitterndem Glas, brechenden Knochen und dem finalen Gurgeln der Lunge, aber im allerletzten Augenblick zog der Busfahrer auf die linke Fahrbahnseite und der LKW sauste nur Millimeter an uns vorbei.
Das war normaler Straßenverkehr. Keinen Passagier schien dieser waghalsige Überholvorgang aus der Reserve zu locken.
Nach weiteren todesmutigen Fahrten auf der falschen Straßenseite erreichten wir unversehrt Rishikesh. Ich hätte es nicht für möglich gehalten.“
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Telekom Playgrounds, das ist seit nunmehr fünf Jahren die perfekte Idee von „X-Games meets Rock Am Ring“ im kleineren, eintägigen Format in wechselnden Locations.
Die große Konstante? Spektakuläre Showacts, noch spektakulärerer Sport.
Am 20.11. treffen sich im Berliner Velodrom nun einige der besten Skater und BMX-Rider der Welt zum großen Abschluss des Telekom Playgrounds Jubiläumsjahre. Und um die Sache rund zu machen, wird die Riege der Spitzenathleten traditionell durch die hochkarätigen Musikacts von internationalem Format ergänzt: Incubus werden da sein, Alcaline Trio und weitere werden dafür sorgen, dass die Fans, die sich eben noch durch die spektakulären Darbietungen von den Sitzen reißen ließen, gar nicht mehr dazu kommen, wieder Platz zu nehmen. Wir wollen gerne zwei von euch jeweils mit Begleitung zu diesem Event schicken, um Zeugen dieser feinen Symbiose aus Sport und Show zu werden. Außerdem verlosen wir unter allen Teilnehmern ein Zebrahead Package (ltd. Von Bernd Muss designtes Girlie Gr. s/M- insg. gab es nur 66 Shirts plus 1 Zabrahead CD 2x die aktuelle Incubus CD.
Schreibt einfach bis zum 15.11. eine Mail mit dem Betreff "Telekom Playgrounds" an verlosung[at]blank-magazin.de und ihr seid vielleicht dabei. Wer sich sich nicht auf sein Glück verlassen möchte, kriegt Tickets und weitere Informationen unter www.telekom-playgrounds.de

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Entsprechend düster und dramatisch fällt die Bestandsaufnahme aus, nachdem Er seinen ersten Tag im Büro hinter sich gebracht hat. Meeting jagt Meeting und zu guter Letzt muss sich Gott auch noch mit dem Teufel, der eigentlich ein ganz dufter Typ ist, besprechen und ihn nach seinem Geheimnis fragen. Denn der schreibt seit vielen Jahren tiefschwarze Zahlen, weil er seine Räumlichkeiten an immer mehr katholische Geistliche loswerden kann. Und so muss Jesus, der eigentlich lieber den ganzen Tag mit Hendrix Riffs austauscht, wieder mal nach unten, um die Sache gerade zu biegen. Und zwar in Gestalt eines erfolglosen, aber überaus charismatischen und talentierten Musikers im New York unserer Tage. Doch das Geschäft ist hartes Brot und JC kriegt einfach kein Podium, um das väterliche Gebot loszuwerden. Was liegt daher näher, als einen Roadtrip gen L.A. anzutreten, um dort an einer landesweit ausgestrahlten Castingshow teilzunehmen? Was bleibt einem heutzutage auch anderes übrig...
John Niven schafft es mit „Gott bewahre“, sich mal so richtig in die Nesseln zu setzen. Zumindest bei den Amis. Denn er beschreibt nicht nur die völlig korrumpierte Unterhaltungsindustrie (wir erinnern uns an „Kill Your Friends“), sondern vor allem eine durch und durch fehlgeleitete US-Kirche in all ihren Splittergruppen. Und er tut dies so brilliant, dass man ständig brüllen möchte „ALTER, DAS IST JESUS PERSÖNLICH!“ „Gott bewahre“ ist schmerzhaft, bizarr, traumatisch, unglaublich komisch und dabei so hintersinnig, dass es auf dem Weg ist, das Buch des Jahres auf dem Unterhaltungssektor zu werden. Niven lässt seine Figuren so herrlich ungezügelt, dabei aber so gestochen scharf gezeichnet von der Leine, dass man ständig zwischen "Ne, das kann er jetzt nicht machen" und „Ich glaub, er macht das wirklich...“ oszilliert. Das Buch ist so voller Wendungen, toller Figuren, Zitate, Querverweise und guter Ideen, dass man sich nur fragt: Warum nochmal hat es so lange gedauert, bis mal jemand eine solche Geschichte aufgeschrieben hat? Antwort: Weil John Niven vorher keine Zeit hatte!
Auszug:
„Nun ja, laut einiger ziemlich stichhaltiger Erhebungen liegt die Zahl der Amerikaner, die an den Kreationismus glauben, bei vierzig bis fünfundvierzig Prozent der Bevölkerung“, sagte Matthäus.
Gott hört auf zu lachen. „Was?“, fragt Er, jetzt sehr leise.
„Ja“, sagt Matthäus. „Sie lehren es sogar in den Schulen.“
„Sie bringen diese Scheiße“, sagt Gott langsam und beißt sich dabei auf die Unterlipe, „ihren Kindern bei?“
„Ähm, ja.“
„WILLST DU MICH VERARSCHEN?“
Gott schlägt alles kurz und klein. Akten fliegen durch die Luft, ein schwerer Aschenbecher zerschmettert an der Wand, eine Kaffeetasse fliegt hinterher, ein Stuhl geht entzwei. Alle starren in ihre Unterlagen, warten darauf, dass der Ausbruch vorübergeht. Schnaufend nimmt Gott schließlich wieder Platz und blättert durch Seine Aufzeichnungen. „Aber was“, fragt Er schließlich, „ist mit diesem Jungen, Darwin? Er hat doch eigentlich alles kapiert.“
„Aye“, sagt Andreas. „Sie nennen ihn einen Teufel.“
„Sind diese Leute eigentlich wirklich allesamt Geisteskranke?“
„Hat ganz den Anschein, Herr.“
„Ich meine“, Gott nimmt einen Joint aus dem Aschenbecher und hält ihn in die Höhe, „rauchen die nicht genug Gras?“
(Till Erdenberger)
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Dabei war es sicher keine große Neuigkeit, dass Verlegenheitsbundestrainer Rudi Völler kaum in die Kaste der Taktikfüchse einzuordnen ist. 2002 rettete sich die Nationalelf dank eines überragenden Michael Ballack mit Minimalistenfußball, einer kaum zu begreifenden Duselauslosung und einiger wohlwollender Schiedsrichterentscheidungen bis ins WM-Endspiel. Zwei Jahre darauf versenkte sich das schon nicht mehr fahrende Schiff bei der desaströsen EM selbst. Völler inszenierte sich als Märtyrer und bleibt allein deswegen im kollektiven Gedächtnis der heimischen Fußballfreunde als Heilsfigur und eben der eine Rudi Völler verhaftet. Lahm schreibt wenig anderes und dennoch gibt es einen Aufschrei der Empörung im Boulevard.
Was also will Lahm mit diesem Buch erreichen, das irgendwo zwischen zaghafter Abrechnung, Autobiographie und Ratgeber Kicken osziliert? Es gibt zwei Ansätze:
1. Profil schärfen
Lahm will sich ein Profil verpassen. Das desjenigen, der zwar den Mahner gibt, das aber mit einer Stromlinienförmigkeit tut, die einer heutigen Generation Fußballer so schlecht steht. Philipp Lahm ist mit Sicherheit ein cleverer, möglicherweise auch unter der durchchoreographierten Schale ein netter Junge, der weiß, was er will und was dafür von Nöten ist. Machtmensch, Karrierist und ganz sicher begnadeter Kicker. So kommt die mittlerweile obligatorische Stiftung als eigenes Kapitel daher, der schon früh in der Bayern-Jugend implementierte unbedingte Siegeswille ebenso. Einige andere Primär- und Sekundärtugenden werden mit langer Herleitung vorgestellt und auf den netten Herrn Lahm transferiert. Als Nationalelfkapitän muss er den Platzhirsch geben und den Finger in Wunden legen, die es im heutigen Bundesligaalltag so gar nicht mehr gibt. Figuren sind austauschbar, wer aus der Reihe tanzt, dem wird mächtig in die Parade gefahren. Will Lahm sich mit seinem Rundumschlag, für den er sich doch eigentlich gar nicht entschuldigen muss, als Choreograph bewerben? Vorstellbar. Einsnull für die eigene PR-Abteilung.
2. Ich bin nicht schwul!
Oder aber es ist ganz anders und die ersten 235 sind eine unterhaltsame, voyeuristische Ouvertuere für das letzte Kapitel: Ich bin nicht schwul. Denn dort wird es so grotesk, dass man zum ersten Mal richtig ins Kopfschütteln kommt. Dort erklärt Philipp Lahm, dass er nicht schwul sei. Was ja eigentlich gar nicht schlimm sei, im Gegenteil, schwul sein ist ja vollkommen okay. Aber er halt nicht. Scheinbar gibt es Gerüchte um ihn und Lahm versucht sie mit einer solch verkrampften Verve, sie auszuräumen und die Quelle zu erklären, dass man gar nicht umhin kommt, sich zu fragen, warum diese Charade? Möglicherweise ist dieses Kapitel für Lahm das wichtigste, in jedem Falle ist es das unterhaltsamste und aufrichtigste des ganzen Buches. Denn es spiegelt die ganze Verkrampfung wider, die in der Szene nach wie vor zum Thema „Homosexualität“ vorherrscht. Rund um jeden halbwegs prominenten Kicker gibt es wohl 200 verschiedene Gerüchte. Der eine vermöbelt regelmäßig seine Frau, einer hat mindestens zwei uneheliche Kinder, der nächste ist vier Jahre älter, als in seinem Ausweis steht usw... Dass aber der Kapitän der Nationalelf ausgerechnet dem "Vorwurf", homosexuell zu sein, derart massiv entgegen treten muss, dass er dafür extra eine Biographie zu schreiben hat, ist traurig und lässt zu tief blicken. Dass Lahm sich darauf einlässt zeigt die ganze Tragik der Diskussion.
Fazit: Warum sollte man dieses Buch lesen? Um sich in den Diskurs zum Thema stürzen zu können und Position zu beziehen. Pro Lahm? Contra Lahm? Darauf kommt es am Ende nicht an, denn eigentlich stehen in „Der feine Unterschied“ keine Meinungen, sondern doch recht objektive Wahrheiten. Wenn in einem Millionenbusiness wie dem Profifußball einer mit der „Ja, aber dass darf er doch nicht sagen“-Karte kommt, dann kann man dafür höchstens ein müdes Lächeln respektive eine verbale Blutgrätsche übrig haben. Lesbar ist das Buch allein seiner Kurzweiligkeit und des gelungenen Namedroppings wegen. Wie man heute Spitzenfußballer wird, wie der Untertietl suggeriert, erfährt man allerdings nicht. Möglicherweise gibt es dafür noch nicht mal eine Anleitung. Also: Lesen Sie es, wenn Sie mögen, es wird Ihnen nicht weh tun. Der hier und da gebräuchliche Duktus, wird Sie an alte Werke von Fußballphilosophen wie Fritz Walter und Uwe Seeler erinnern, wenn Lahms Ghostwriter in hoher Frequenz von „Kameraden“ spricht und dieses alte "11 Freunde" und "Gras fressen"-Vokabular beschwört. Lesen Sie es oder lassen Sie es. In zwei Jahren spricht eh niemand mehr davon.
Nachtrag: Das Beste an diesem Werk ist, dass er den feinen Verlag Antje Kunstmann, der üblicherweise ein ebenso feines Programm anbietet, derartig auf Jahre saniert haben dürfte, dass man sich auch nach der kommenden EM noch auf interessantere und relevantere Werke wird freuen dürfen.
(Till Erdenberger)
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Fotografie und Texte: Boris Guschlbauer
Manchmal wird man der Zivilisation überdrüssig. Die Großstadt zermürbt mit ihren Menschen, dem Verkehr, den Partys und ihren Dämonen. Dann heißt es die Flucht ergreifen - am
besten an den Arsch der Welt. Und was liegt nicht näher als Südpolen, mit seinen Bergen und Wäldern. Den urbanen Annehmlichkeiten mal wieder einen ordentlichen Tritt in den
Hintern verpassen und die Natur am eigenem Leibe spüren, Eremit in einer entlegenen Berghütte spielen. Hier die Fotostrecke meiner Reise in die Einsamkeit.
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Dazu Bassmassage, flackerndes Pitchfeuerwerk, kurze Verbeuger nach Detroit und ein Händchen - bzw 4 Hände - für rituelles Sequencing. Alles streckt sich nach den Beats aus. Jegliche Melodieverästelung dirigiert sich, scheinbar selbstorganisiert, in den (Kraftwerk´schen? höre: „Our Luv“) Rhythmus hinein. Selbst Steve Spacek, der begnadete Soulsänger, hält sich auffällig zurück. Und wenn er doch mal ansetzt, verstärkt sich das emotionale Element der Musik freilich ungemein. Das sind dann mitunter auch die Highlights. „93 Million Miles“ hat, trotz der bereits erwähnten, anfangs auch etwas nervigen Dominanz der synthetischen Elemente, einige davon.
„Do You Wanna Fight“ ist ein vibrierendes Dancehallungetüm,„Spirit“ toller Lover´s Rock im Afrobeatzuckerguß. Der Dubjazz von „Cyclic Sun“ ist hypnotisch. Und der Abschlußsong „Don´t Fight It“ klingt dann so unaufgeregt dubbig nach Downbeatdisco, das es die Cyborggeklöppel-geprägte Abfahrt der kompletten, ersten Albumhälfte relativiert. Der Erhabenheit des Gesamtsounds von Africa Hitech, tut das aber keinen Abbruch. Eine schöne Mischung von kantigem Retrofuturismus, Dancefloor und Tiefe. Gutes, abwechslungsreiches Album.
(Daniel Vujanic)
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Quasi vom Regenbogen zur tristen Graumalerei. Der erste Höreindruck ist verhuscht und stumpf. Hier ein paar Bleeps, da etwas Klong. Drüben noch ein paar Hi-Hats und ´ne gerade Kick. Geradezu unspektakulär tönt "Ritual Union", um nicht zu sagen gnadenlos zurückgenommen. Manches von den repetativ dahintuckernden Mustern erinnert an die ersten musikalischen Gehversuche eines schulbankdrückenden Computernerds. Baukastenartig zusammengesetzt und irgendwie eckig tänzelnd zwischen Miamibass und Dubstep, Supermario und Krautdisco. Irgendwie verstärkt sich mit zunehmender Spieldauer der Eindruck, dass die Leere regiert. Aber gerade diese Reduktion auf bloße Form verleiht dem Album eine gewisse Größe. Scheinbar von jeglichem Klangballast befreite Beat- und Bassgerüste drehen 11 Songs lang ihre stoischen Runden um einen unsichtbaren, unhörbaren Melodiekern. Dazu gesellt sich die seit dem Debutalbum spezifische, unaufdringliche Frauenstimme mit einem Faible für knappe Hooklines, die hier mit einigen, wenigen Synth-Tupfern ergänzt werden müssen, um überhaupt als Chorus/Refrain wahrgenommen werden zu können. "Ritual Union" wirkt in seinem Anspruch unverbraucht und einfach, also scheinbar simpel, zu erscheinen, irgendwie dreist. Man möchte sich eigentlich über das "Einfach Gestrickte" aufregen.
Das Überraschende ist aber, das Little Dragon durch den naiven, ja infantilen Umgang mit den scheinbar abgeschmacktesten Zutaten tatsächlich gewinnen. Auch im formstrengen Electropop (Stichwort: Ladytron, Kraftwerk und, ähm ja, Trio), mit einer handvoll Drummachines, Keyboards und einer Stimme ausgestattet, ist es jederzeit möglich gute Musik zu machen, wenn man erst einmal den lähmenden Originalitätswahn abgelegt hat, um sich tatsächlich mal auf das Zusammenwirken der musikalischen Elemente konzentrieren zu können. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
(Daniel Vujanic)
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Fotografie und Texte: Martin Rötzl
Sie erzählen mir von Durchfall, Malaria, Tripper, Hepatitis, Typhus und vielen anderen Horrorszenarien welche in Indien an der Tagesordnung seien.
Mit diversen Vorstellungen bereise ich nach 14 Jahren dieses Land nun zum zweiten Mal und habe die meisten Erinnerungen und Erfahrungen überwiegend schon wieder vergessen.
Es ist zu lange her. Ich weiss das es dreckig und wild ist. Mehr nicht mehr. Einer der ersten Sachen die ich für mich in Indien gelernt habe ist mir die Frage 'Warum'
nicht zu stellen, es gibt für die meisten Dinge einfach keine vernünftige Antwort die in mein westliches Bild passt. Es gibt für die meisten Tatsachen die ich sehe auch keine
Erklärung für mich. Ich habe eine Welt erlebt die permanent Himmel und Hölle gleichzeitig ist: Ich habe im Slum gelebt und im Regent Hotel: Ich habe tote zerstückelte Menschen
und schreiende Kinder gesehen, Schweine welche tote Hunde auf dem Müll aßen. Allerdings habe ich auch eine Lebensfreude und einen Lebensdrang gesehen, welchen ich häufig in
Deutschland vermisse, Menschen mit Träumen und Idealen werden selten wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der es alles im Überfluss gibt.
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Der ewig junge Trance-Eurotrash-Balearenbolz hat also mit dem Indiedancefloor kopuliert. War ja eigentlich
auch nur eine bemitleidenswerte Frage des Zeitgeistes. Erwartungsgemäß ist das Projekt von Sebastian Delacroix auf Krawall gebürstet. Prinzipiell also schon mal
interessant. Wäre da nur nicht diese überkandidelte Ausführung. Alles High Enery, überall totkomprimiertes Ächzen; die bedrohlich knurrende
Bassdrum regiert während die Strobos gnadenlos blitzen.
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Ein entseeltes „durch die Wand“ Gefühl der Songs, das so subtil daherkommt wie ein hemdsärmeliger Hooligan auf Sauftour, dominiert das überlange Debut des Franzosen. Das äußert sich produktionstechnisch in grellem Bollern, maximierten Schnipseln und überdrehten Synthies. Gewissermaßen die entstellte, zombifizierte Version französischer Dancekultur á la Daft Punk, Justice oder dem Kitsuné-Kram. Über den Soundclash drüberrutschen dürfen wahlweise Bloggerpin-ups wie Annie, Lexicon oder auch Something A La Mode. Hörenswerter wird es dadurch leider nicht. Stattdessen regiert Verwirrung. Durch die Gäste verstärkt sich nur der latente Eindruck des dumpfen und austauschbaren Zitat-Irrsinns inmitten einer sandstrahlpolierten Post-Technoparty.
Interessanterweise passiert das Spektakel emotional und musikstilistisch betrachtet, in unmittelbarer Nachbarschaft eines alles verblödender Pesthauchs wie beispielsweise den Atzen (wahlweise auch David Guetta oder den Black Eyed Peas) und hinterläßt somit einen kaum goutierbaren Prollgeschmack, vor allem für die Hörer, die einfach keinen Bock mehr auf den ständig abgefeierten Bling-Glamour-Rowdytum-Disse-Großstadteskapismus Einheitsbrei haben. Das resultiert in einem schwierigen Miteinander. Wieso muß dieser hormonbehandelte Sound, der der heißeste Scheiss in Town sein (also alle in Grund und Boden feiern) will, immer so räudig, breitbeinig und großkotzig daherkommen? Das Gemächt muß bestimmt schon am Boden schleifen...Tzzz. Ein paar zwingende Ideen, gute Songs und ein eigenständiges Soundbild hätten´s für den Anfang auch schon getan. Dann hätte dieses Album tatsächlich groß werden können. Trotzdem. "Angst" erinnert den Hörer permanent daran, wieso es 2011 völlig berechtigt ist elektronische Musik verachten zu dürfen. Insofern ist dies sicherlich eine wichtige Platte.
(Daniel Vujanic)
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Neues von den norwegischen Metal-Avantgardisten. „War Of The Roses“ erinnert in vielerlei Hinsicht an die
sanft mäandernde Ambientstilistik der späten Talk Talk, an die poetisch-subtilen Klangschichten eines David Sylvian oder, wahlweise auch an das kammermusikalische,
zerdehnende "Verharren-Wollen" der Rachels. Metalaffines wurde komplett über Bord geworfen, bzw. in ein stetig dräuendes Soundgekräusel transformiert.
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Und wenn tatsächlich mal Gitarren auftauchen sollten, dann passiert das in einer Art ECM-Jazzrock Kontext, also vom strukturellen Korsett befreit und losgelöst von Raum und Zeit. Überhaupt scheint das Gesamtwerk und dessen Tiefenschärfe für das Quartet weitaus wichtiger zu sein als die Betonung der einzelnen Stücke. Vom Songformat kann ohnehin nicht mehr die Rede sein. "War Of Roses" besitz dazu einfach eine zu eigene Vorstellung von Zeitlichkeit. Gothisch, feierlich zurückgenommen und mit bukolisch-herrschaftlichen Bildern um sich werfend, schält man sich Schicht um Schicht zum ungreifbaren, fluktuierenden Kern der Sache. Jedoch geht es hier nicht um griffigen Melodien oder harmonische Kohärenzen sondern um intensive Stimmungen. Faktisch bedeutet das: Die meisten der sieben Kompositionen beginnen im relativ konventionellen Songschema, scheinbar nur um von Elektronik, Naturaufnahmen, Piano, Streichern und Klarinetten unterwandert und fragmentiert zu werden um dann schließlich zur puren Atmosphäre zu gerinnen. Am Ende bleibt gelungener, stimmungsgeladener und interessant instrumentierter Ambientrock. Erhaben und eigenwillig. Einziger Kritikpunkt wären die manchmal etwas zu stark eingefalteten, nicht sorgfältig zu Ende geführten, Spannungsbögen unter denen die cineastische Dramaturgie leidet.
(Daniel Vujanic)
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Fans von orgeliger Alleinunterhaltermusik sei das Debut von Idiot Glee ans Herz gelegt. Zu einem minimalen, manchmal auch schön billigem, Instrumentarium gesellt sich eine verhallte soulige Singstimme, die man ästhetisch locker im Soundsumpf zwischen My Morning Jacket und den Violent Femmes ansiedeln könnte. Die Songs sind meist hakelig verspielt, doch direkt und wirken irgendwie unfertig; was eigentlich ganz gut zusammen funktioniert. Rumpelkammerpop halt.
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Mitunter findet sich sogar mal ein schunkeliger Hit im Doowoop Stil, der effizient Zeitlosigkeit, Lo-Fi Atmosphäre und Indiepopappeal fusioniert ("Don´t Go Out Tonight"), ohne albern altbacken oder angestrengt zu wirken. Leider beinhaltet die kurze Spielzeit aber nicht nur Hörenswertes, sondern auch einige Minuten presetkompatibles Füllmaterial und ein paar nichtssagende Soundexkursionen somewhere over the rainbow. Trotzdem. Die gesangsfixierte Sechziger-Retromasche geht gut auf. Innerhalb der selbstauferlegten, ästhetischen Grenzen funktioniert und punktet "Paddywhack" mit einer bekiffter Stimmigkeit, die so lieblich auf die Nostalgiedrüse drückt, wie Filme mit Dan Akroyd oder John Candy. Das Richtige also für verregnete Sommernachmittage.
(Daniel Vujanic)
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Hans Söllner, der bayerische Rebell, ist vieles. Rasta, Kiffer, Liedermacher, Politikerschreck. Manches gewesen, manches immer noch – alles aber
immer mit Überzeugung und zu 120%. Sein starkes Rückgrat und die flinke Zunge haben ihm manchen Ärger eingebracht. Söllner singt und spricht für die Legalisierung von
Marihuana und gegen die Gängelung durch die Behörden. Die schlagen in schöner Regelmäßigkeit zurück und schicken dem Musiker Überfallkommandos zu seinen Konzerten und in sein
Zuhause. Alles wegen weniger Gramm Marihuana und einiger T-Shirts. Inzwischen hat Söllner 250.000 Euro für diverse Vergehen an den Freistaat zahlen dürfen.
Und auch, wenn dieser inzwischen ein wenig zur Ruhe gekommen zu sein scheint – Hans Söllner ist immer noch da und alles andere als versöhnlich gestimmt.
BLANK: Herr Söllner, wie kann es passieren, dass in Bayern offensichtlich so etwas wie eine „Lex Söllner“ existiert und die Öffentlichkeit nimmt davon so wenig Notiz? Hans Söllner: Ich glaube, dass die Leute so abgelenkt sind, dass es sie gar nicht interessiert. Die interessieren sich doch heutzutage eher für Gigabytes und Wireless Lan und solche Sachen. Wenn die satt sind und eines Tages mal genug haben, dann interessiert es sie wieder. Und so lange kann ich es aushalten.
BLANK: Macht einen das nicht sehr betroffen?
HS: Manchmal ist das so, aber mit zunehmendem Alter lässt das nach. Du bemerkst irgendwann, dass es nur um die Unterhaltung geht, ich bin in der Unterhaltungsbranche tätig. Es ist halt so. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hoffe, dass es gute Unterhaltung ist.
BLANK: Das ist doch sehr bescheiden. Es geht bei Ihnen doch um wesentlich mehr.
HS: Ja, natürlich geht es mir um mehr. Aber ich kann nicht erwarten, dass es allen anderen Menschen auch so geht. Ich bin froh, dass ich mich auf diese Art und Weise mitteilen kann, weil es mir um mehr geht. Aber was ich bei den meisten Liedern empfinde, das kriegen die Menschen gar nicht mit, denn ich habe sie in bestimmten Situationen und aus bestimmten Situationen heraus geschrieben.
BLANK: Werden Sie Günther Beckstein vermissen, nun, da er sich politisch selbst gerichtet hat?
HS: Nein, ich habe da keinerlei Verlustgefühle, wenn so einer wie der Beckstein geht. Das zeigt mir nur, dass solche Leute auftauchen und wieder gehen und Leute wie ich einfach da sind, bis zum Schluss.
BLANK: Hätten Sie bei Beckstein etwas erreichen können?
HS: Ich bin überzeugt davon, dass ich den Beckstein auf einen guten Weg hätte bringen können, wenn er sich mit mir mal unterhalten hätte. Nein, eigentlich bin ich nicht davon überzeugt... Es gibt halt so Menschen wie den Beckstein. Die sind unausgeglichen, die sind dumm, die trinken zu viel. Dass sie andere Menschen verfolgen müssen, dass sie anderen Menschen Leid zufügen, dass sie andere Menschen in Unsicherheit sitzen lassen, dass sie Angst verbreiten; das alles sind für mich Zeichen von innerer Unausgeglichenheit. Wenn ich ständig mit meinem Umfeld oder mit mir einen Fight habe, dann kann ich doch keine innere Ruhe spüren, nicht in der Mitte von mir sein. Und dann sollte ich auch nicht Politiker werden oder Lehrer oder Kindergärtner. Dann sollte ich beim Bäcker Brötchen verkaufen oder draußen das Feld mit einem Spaten umgraben. Aber doch bitte nicht mit Menschen arbeiten.
BLANK: Warum tun sie es trotzdem?
HS: Diese Leute glauben, dass man eigene Zufriedenheit dadurch erlangen kann, dass man andere Menschen dahin führt, wo man selber schon ist: in die Unzufriedenheit. Ich glaube, dass es auch ein Missverständnis gibt. Sie denken, sie tun was für uns, aber sie tun immer nur etwas gegen uns. Alles, was in den letzten 25, 30 Jahren unter dem Deckmantel der Politik und der Demokratie passiert ist, war gegen uns.
BLANK: Was meinen Sie konkret?
HS: Seit Anfang der 70er, wo ich angefangen habe, ein bisschen politisch zu denken, passierte alles, egal was, immer gegen uns. Es war nichts dafür. Es gibt kein Gesetz, das es mir erleichtert, mich besser in Städten zurecht zu finden oder dass ich nicht gleich betteln gehen muss, wenn ich mal drei Monate nichts verdiene, dass ich nicht gleich durchs Raster falle. Es gibt keinen Mindestlohn, Frauen kriegen im selben Job immer noch weniger als Männer, Frauen sollen ihr Kind am besten schon mit 1 1/2 Jahren in die Krabbelgruppe geben, damit sie gleich wieder arbeiten und möglichst keinen Einfluss mehr auf die Kindererziehung nehmen können. Es ist nichts dazu gekommen, was mich entlasten würde. Nichts, was mir das Leben in diesem Staat, der sich in aller Welt als demokratisch und fortschrittlich preist, erleichtern würde. Es ist nichts dazu gekommen, was mir ermöglicht, mich nicht ständig behaupten zu müssen, mich ständig wehren und erklären und fragen zu müssen. Ich will selber entscheiden. Ich bin ein eigenständiges, entscheidungsfreudiges Wesen und möchte artgerecht gehalten werden. Ich muss eine eigene Meinung haben dürfen.
BLANK: Warum brennen in Deutschland keine Vorstädte wie in Frankreich?
HS: In Frankreich haben die Vorstädte da gebrannt, wo die Leute nichts haben. In Deutschland glaubt jeder, noch etwas zu haben. Wenn der Zeitpunkt kommt, dass diese Leute merken, dass sie nichts mehr haben, dass nach Hartz IV kein Horizont mehr zu sehen ist, dann brennen bei uns auch die Vorstädte. Davon bin ich fest überzeugt. Wir unterscheiden uns nicht von diesen Menschen. Wenn der Hass ins Spiel kommt, dann wird’s gefährlich. Und unsere Politiker sollten alles dafür tun, dass solche Gefühle nicht entstehen.
BLANK: So traurig und gefährlich es klingt, aber ist es aus Ihrer Sicht wünschenswert, dass noch mal so ein Klima des Protestes entsteht wie Anfang der Siebziger?
HS: Ja, sehr. Sehr. Wir brauchen einen Sturm in unserer Gesellschaft, so wie es auch einen Sturm draußen im Wald gibt, damit alte Äste abbrechen. Es ist ein blöder Vergleich, aber nimm die 68er: Dass sich die Studenten und die Alten, dass wir uns alle noch mal miteinander formieren würden, und erkennen, dass es gegen uns, gegen die Menschheit geht, das wäre wünschenswert. Auch wenn es Tote gibt, die muss es geben. Ich bin überzeugt davon, dass sich manche Dinge nicht mehr regeln lassen auf dieser Welt, ohne dass es Tote gibt. Sie müssen sehen, dass wir es ernst meinen. Und wie macht man das? Mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde? Oder indem ich eine Petition einreiche? Ich bin überzeugt, dass sie uns irgendwann so weit gebracht haben, dass es anders nicht mehr geht. Ich befinde mich jetzt in der Phase vorher. Die nächste Phase wird Blut bringen und Feuer. Dann wird keiner mehr sicher sein. Aber diese Phase jetzt, sie lächerlich zu machen, sie zu verscheißern, ihnen zu zeigen, dass sie Bettnässer sind, Arschlöcher, das ist meine Phase. Dafür bin ich vor 20.000 Jahren irgendwo in diesem Universum geplant worden. Ich weiß nicht, warum ich auf der Welt bin, aber ich bin der Überzeugung, dass Mitte der Fünfziger Jahre, in denen ich geboren bin, irgendjemand gesagt hat, der muss jetzt da runter. Wir brauchen den in den 80er und 90er Jahren. Wenn der später auf die Welt kommt, dann ist er 2020 erst 20 oder 30, dann ist es zu spät.
BLANK: Haben Sie Angst, irgendwann keine Reibung mehr zu erzeugen?
HS: Ich will gar keine Reibung. Alles, was ich mache, ist Selbsttherapie. Es lief eine Zeit lang unter dem Deckmantel „Ich mache es für euch“ dann wieder unter „Ich mache es, um etwas zu verändern“. Im Grunde genommen habe ich immer übersehen, dass ich mich selbst therapiere. Ich habe lediglich über das, was ich mache, mich selbst auf dem Weg gehalten. Jeder von uns geht auf einem Grat, wo es rechts und links runter geht. Du kannst drogenabhängig werden, du kannst krank werden, du verlierst deine Traumfrau und bist übermorgen ein Penner und wir treffen uns, wie du in Freiburg die Mülltonnen durchsuchen musst. Ich versuche den ganzen Tag, in meiner Mitte zu bleiben.
BLANK: Wie sähe es aus, Sie mal nicht in der Waage zu erleben?
HS: Ich war ja teilweise schon nicht in der Waage und das hat mich viel Geld gekostet, ganz viele Polizeieinsätze und viele Nerven. Ich glaube, dass sie viel mehr Probleme haben, wenn ich in meiner Mitte bin und ich ihnen eigentlich nichts tue. Sie können mich aufhalten, weil meine Scheibe falsch getönt ist oder mein Nummernschild schief hängt, weißt du, so Kinderkram. Damit es halt nicht aufhört. Aber sie können nicht meine Texte verbieten, sie können mich nicht daran hindern, mich selbst zu heilen. Ich sage was in meiner Sprache, was in meinem Land verstanden wird und in Algerien oder Australien muss es halt ein anderer sagen, weil sie da eine andere Sprache sprechen. Ich bin nur für daheim zuständig.
BLANK: Es gibt eine Dokumentation über Sie, da wirken Sie in einigen Szenen regelrecht niedergeschlagen.
HS: Als diese DVD entstanden ist, war ich nicht besonders gut drauf. Das sieht man auch, wenn man genau hinschaut. Ich habe eine totale Paranoia geschoben. Ich war beinahe so weit, dass ich auf die falsche Seite gekommen wäre. Ich bin heute davon überzeugt, dass wenn ich in dieser Zeit, in der ich so verfolgt worden bin, Mitte der 90er, keine Familie gehabt, ich Leute umgebracht hätte. Das ist irgendwann einmal der letzte Ausweg für irgendeine Gruppierung, die so voller Hass ist, weil ihnen jede Initiative verboten wurde, rausgeprügelt wurde über Strafen und Einzelhaft, über Verschleppung. Wenn du diesen Staat irgendwann mal so hasst, dass selbst der kleinste Bahnschaffner in Uniform so schwer an diesem Unglück beteiligt ist wie es für Baader und Meinhof damals Buback oder Schleyer waren, dann bist du nicht mehr in deiner Mitte. Und ich war beinahe so weit. Ich bin froh, dass dann meine Kinder kamen und ich jetzt in einer Situation bin, wo ich so was einfach hinnehmen kann.
BLANK: Was wollen Sie denn bei Ihren Zuschauern erreichen?
HS: Ich kann sie nicht schlauer machen. Ich kann nur heute 20 Lieder vorspielen und vielleicht kannst du eins oder zwei davon gebrauchen. Und wenn du den Rest der Zeit nicht störst und vielleicht einfach ein bisschen tanzt, dann sage ich mir „Das ist Respekt für mich“ und mehr will ich eigentlich gar nicht mehr. Der eine nimmt sich das und der andere das.
BLANK: 99 von 100 Besuchern werden sich in Ihrem Konzert furchtbar nach Revolution fühlen und morgen trotzdem wieder in ihren alten Trott verfallen, als wäre nichts gewesen.
HS: Aber ich verspreche dir, dass sie, wenn sie bei diesem Konzert das richtige Gefühl gehabt haben, sich in bestimmten Situationen daran erinnern werden. Es wird ihnen gehen wie mir. Sie werden sich immer öfter erinnern, sie werden immer öfter in bestimmte Situationen kommen, wo sie sagen „Ja, Recht hat der Söllner“. Stell dir vor, du kommst Samstag vom Einkaufen mit deiner Frau und den Kindern hinten drin, in eine Polizeikontrolle. Weil du ein bestimmtes Shirt an hast oder vielleicht auch noch die CD vom Söllner auf dem Beifahrersitz, egal. Und dann ziehen sie das ganze Programm bei dir durch. Es ist so: Wenn du etwas impfst, braucht es seine Zeit, bis der Körper die Antikörper selbst produziert. Wenn etwas zu schnell geht, haben wir ein Problem. Wenn heute 1.000 losgehen und morgen sind es 3.000 und übermorgen 8.000, das kann nicht funktionieren. Die Leute müssen langsam lernen, keine Angst mehr zu haben. Man kann nicht einfach losgehen und einem Polizisten eine überziehen, man muss es eben anders zeigen.
BLANK: Sie arbeiten viel mit Symbolen. Nehmen Sie die Warnblinkanlagen. Blinkende Warnblinkanlagen werden in dieser Welt nicht viel ändern können.
HS: Da wäre ich mir nicht so sicher. Was ich weiß ist, dass Gewalt nichts ändert. Außer, dass Gewalt wieder Gewalt erzeugt. Und das gleiche Prinzip funktioniert auf der anderen Seite auch. Wenn du albern bist oder verliebt und mit einem Lächeln durch die Gegend gehst, dann kannst du die anderen dazu motivieren, das gleiche zu wollen. Die sehen, dem geht’s gut. Das wollen die auch gern. Niemand sagt „Den verfolgt die Polizei, den schlagen sie mit einem Gummiknüppel, das möchte ich auch gerne.“ Eigentlich tun viele das Gegenteil von dem, was sie gerne tun würden. Sie gehen raus auf die Straße und lassen sich da von der Polizei mit dem Gummiknüppel niederschlagen, dabei wollen sie eigentlich lieber ihre Ruhe und von jemandem geliebt werden. Und da denke ich mir, es geht gar nicht so sehr darum, ob ich etwas erreiche oder nicht. Es geht einfach darum, dass ich das alles für mich mache. Das Schöne ist, dass es ganz vielen Leuten geht, wie mir. Sonst würde es nicht funktionieren. Und wenn es dir über einen längeren Zeitraum so geht, brichst du entweder unspektakulär zusammen oder aber du wehrst dich. Und manche verfahren sich beim Wehren, das ist einfach so. Manche werden gewalttätig, manche wehren sich an der falschen Stelle oder zur falschen Zeit.
BLANK: Haben Sie schon mal das Gefühl gehabt, von Ihren Anhängern als Stellvertreter in den Krieg geschickt worden zu sein?
HS: Mich hat niemand geschickt und ich habe mich nie schicken lassen. Klar war ich manchmal enttäuscht. Ich redete mit so vielen Leuten und so wenige haben sich getraut, was zu tun. Aber ich habe das verstanden, denn sie sind alle allein. Und wir haben es nicht geschafft, zusammen etwas zu tun. Jeder muss für sich alleine irgendwo beginnen. Gestern war „Tag der Armut“ und heute verschenkt die Merkel 400 Milliarden an die Banken. Da muss ich gar nicht viel sagen draußen. Da sage ich ein paar Sätze und schüttel meine Arme, dann reicht das. Verstehst du? Ich bin nicht unglücklich oder enttäuscht, ganz im Gegenteil. Ich bin saufroh, dass ich irgendwann gemerkt habe, dass ich nicht möchte, dass irgendjemand auf einen Weg kommt, sondern dass ich auf meinem Weg bleibe.
BLANK: Sieht dieser Weg irgendwann auch möglicherweise ein völlig unpolitisches Album vor?
HS: Alles ist Politik. „Politik“ ist das Wort, das über allem steht, sie kommt gleich nach dem Universum. Es ist Politik, dass wir beide heute hier sitzen, eine gesunde Politik natürlich. Für mich bedeutet Politik, dass wir versuchen, gemeinsam zu leben. Dieses Zusammenleben organisiert jemand für uns, das ist die Aufgabe der Politiker. Du kannst das ja nicht, weil du Kinder hast und arbeiten gehen musst. Du gibst einen Teil deines Geldes ab und dafür regelt jemand, dass du zur Arbeit kommst, dass du einen Kühlschrank hast, etwas zum Anziehen bekommst und einkaufen gehen kannst. So kann man es natürlich nicht jedem Recht machen und deshalb braucht es ein respektvolles Zusammenleben und jeder muss erkennen, dass er dafür auch mal in den sauren Apfel beißen muss. Das ist Demokratie. Und genau das ist die Arbeit der Politiker. Dafür wählt man sie und für sonst nichts. Und wenn ich merke, dass sie ihre Macht dazu ausnutzen, andere Völker auszuhungern, andere Länder zu überfallen und in meinem Land immer noch Waffen zu bauen, obwohl woanders 60% der Kinder auf einem Bein rumlaufen müssen, dann machen sie schlechte Politik. Das ist keine respektvolle Art und Weise, mit mir und meinen Mitbürgern auf dieser Welt zusammen zu leben. Und sie sind definitiv dafür verantwortlich. Ich baue keine Waffen. Sie bauen Waffen von meinem Geld. Und dafür habe ich ihnen dieses Geld nicht gegeben.
BLANK: Und dennoch gibt es so wenig Widerstand.
HS: Weil die Leute abgelenkt sind. Weil sie konsumieren können, weil sie Kinder haben. Weil sie nichts damit zu tun haben, sie sich nicht ständig in die Nesseln setzen und Prügel beziehen wollen. Das ist aber nur noch für den Moment so. Die kurze Zeit, bevor ein Regime kippt, ist die schlimmste. Sie müssen jetzt ihren Apparat so aufblasen und uns ihre Stärke beweisen. Aber dann fällt alles zusammen. Und von einem anderen Tag auf den anderen werden die Leute aufstehen und andere Menschen umbringen.
BLANK: Was sollte jeder Mensch tun, um die Gesellschaft ein bisschen besser zu machen?
HS: Das ist eine schwere Frage, denn das kann man so pauschal gar nicht sagen. Wir sollten einfach aufhören, eine Junkie-Gesellschaft zu sein, nach irgendwas süchtig zu sein. Egal, ob es Markenjeans sind, teure Uhren oder was auch immer. Wir müssen aufhören, Junkies zu sein. Alles, was uns süchtig macht, müssen wir überwinden. Wenn du den Drang nicht mehr hast, etwas haben zu oder etwas sein müssen, kannst du dich um das Wesentliche kümmern.
BLANK: Zum Abschluss: Im vergangenen Jahr feierte Ihre Platte „Hey Staat“ ihren 20. Geburtstag. Freuen Sie sich oder ärgern Sie sich, dass Sie inzwischen weit über zwei Dekaden gesellschaftlich relevant sind?
HS: Weißt du... wenn sich 1989 mit der Platte alles zum Guten gewendet hätte, hätte ich überhaupt kein Problem damit, heute Schlager zu machen, denn ich singe einfach gern. Einerseits freue ich mich, dass ein Album 20 Jahre lang aktuell ist, aber eigentlich gibt es nichts zu freuen, weil sich nichts geändert hat. Es gibt definitiv nichts zu feiern. Deshalb feiere ich auch keine Jubiläen, denn eigentlich ist es ja traurig, dass ich seit 20 Jahren die selben Lieder spiele und immer wieder über die selben Themen rede und sich offensichtlich nichts geändert hat. Und ich werde noch mal 20 Jahre drüber reden und es wird sich noch einmal nichts ändern. Außer, dass ich glaube, dass ich keine 20 Jahre mehr werde singen können, weil wir Krieg haben werden auf unseren Straßen. Wir werden Angst haben vor unseren Nachbarn und werden nicht mehr wissen, wer unser Freund ist und wer unser Feind. Wir sollten uns dann hüten, mit wem wir über was sprechen, damit nachts nicht ein VW-Bus vor unserem Haus hält, wo bewaffnete Typen raus springen, die uns mitnehmen. So, wie es in Peru, China oder Tibet oder sonst wo auf der Welt schon passiert. Es ist also mein grundsätzliches Versagen, dass ich es nicht geschafft habe, mit meinen Anstrengungen die Welt zu verändern. Ich habe es geschafft, Leute zum Denken zu bringen, verstehst du? Aber das ist nichts zum Feiern. Ich feiere ja auch nicht 70 Jahre Holocaust oder ähnliches. Feiern tut man nur Siege und ich habe keinen Sieg errungen. Es geht mir auch mehr um den Weg, den Kampf an sich. Nicht so sehr um den Sieg. Es geht mir darum, dass ich mitteilen kann, dass ich für diese Welt eine bestimmte Art von Traurigkeit empfinde. Oder auch meine Freude und Schadenfreude. Alles, verstehst du? Ich bin ein Mensch und nicht erhaben. Ich stehe nur über vielen Dingen. Ich freue mich, dass der Beckstein weg ist. Aber ich freue mich nicht, dass der Haider tot ist. Ich kann mich nicht über den Tod eines Menschen freuen. Wenn ich denke, dass jemand ein schlechter Mensch ist, dann tue ich zu Lebzeiten was gegen ihn auf meine Art und Weise. Ich sage zu ihm „Du dumme Sau“ oder „Fick dich ins Knie“, aber ich erschieße ihn nicht. In dieser Zeit war ich schon mal, aber ich bin Gott sei Dank durch meine familiären Verhältnisse daran gehindert worden, mir zu wünschen, dass jemand tot ist. Ein Staatsanwalt oder ein Polizist kann dich so weit bringen, dass du an Selbstmord denkst, wenn sie Lust haben. Aber ich glaube, dass ich das eben auch kann und ich denke, dass ich es nicht tun sollte. Ich bin nicht Stefan Raab, der Leute so durch den Dreck zieht, dass sie nicht mehr auf die Arbeit gehen können. Das ist ein 20 Sekunden-Junkie, der für einen blöden Spruch vor Gericht geht und sagt „Scheißegal, zahlt ja eh der Sender“. Stefan Raab ist ein schlechter Mensch, aber ich würde nie auf die Idee kommen zu sagen, der Typ muss weg oder gehört erschossen oder soll einen Autounfall haben. Man sollte ihm die Sendung wegnehmen und er sollte wieder Wurst verkaufen. Er benimmt sich in dieser Welt wie ein Metzger, er geht über Leichen. Man sollte nicht lachen, wenn irgendjemand etwas nicht erreicht. Sonst bist du einer von denen. Und ich will keiner von denen werden. Ich möchte nichts feiern. Ich möchte nur, dass es unspektakulär zu Ende geht.
(Text: Till Erdenberger | Fotografie: Lukas Beck)

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Eine Kolumne von Sven van Thom
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