Aufklärung ist wichtig. Es kann nie genug davon geben. Aufklärung kann Ängste nehmen, verdrängen und ersetzen. In seinem Buch „Feindbild Moslem“ unternimmt Kay Sokolowsky genau diesen Versuch.
![]()
Er versucht Parallelen zwischen Antisemitismus und Antiislamismus aufzuzeigen, Feindbilder zu demontieren und Erklärungen zu liefern: „Weil die radikalen Muslime die Zivilisation zutiefst verachten, glaubt man, sie ihnen verwehren zu dürfen.“ Dabei bezieht der Konkret-Autor Stellung und zeigt Haltung, wobei letztere keine neue ist, sondern genau diese politisch-korrekte, die einem aktuell nicht weiterhilft, weil sie an den realen Problemen des Miteinanders vorbeizielt. Das macht das Buch einseitig und nur zum Teil aufklärerisch. Anders verhält es sich mit der „Weltgeschichte der Sklaverei“ des in linken Kreisen eher kritisch beäugten Historikers Egon Flaig, der in diesem hochinteressanten Buch die Entstehung, Fortführung, Kommerzialisierung und letztendlich auch die Niederschlagung der Sklaverei beschreibt, wobei es hier nicht um moderne Sklavenhaltung geht, sondern um die verklärte Geschichte der Sklaverei zwischen der Mitte des ersten Jahrtausends und der Neuzeit. Flaig zeigt, dass man stets damit rechnen muss, das eigene Weltbild revidieren bzw. überarbeiten zu müssen, so beschreibt er den durchaus fruchtbaren Boden, auf den die europäischen Kolonialisten stießen und die lange, auch islamische Geschichte der Sklavenhaltung, die erst durch die Abolitionisten-Bewegung ab der Mitte des 18. Jahrhunderts langsam auf ein Ende zusteuerte.
„Feindbild Moslem“ von Kay Sokolowsky ist erschienen bei Rotbuch. „Weltgeschichte der Sklaverei“ von Egon Flaig ist erschienen bei Beck.
(Elmar Bracht)
GESELLSCHAFT/MEDIENJANUAR 2010
Die Zeiten sind hart. Hart wie Stein. Härter noch, hört man hinter vorgehaltener Hand. Und manch einen trifft es mit voller Wucht, mit der ganzen Härte: mal abgesehen von den mittlerweile zur Unsichtbarkeit degradierten ewig Schwachen, Armen und Hungernden, zumeist weit entfernt oder zumindest in einem anderen Bezirk der Stadt, sind das natürlich die Kleinanleger. Oder wir, die Print-Magazine. Und natürlich die deutsche Autoindustrie. Und die US-amerikanische Autoindustrie. Und sicherlich auch Teile der asiatischen und der französischen Autoindustrie. Die Zulieferer nicht zu vergessen. Und die russische Waffenindustrie. Und die Banken. Oder waren das die Banken, die eigentlich keinen Schaden genommen haben? Das ist manchmal nicht ganz so klar feststellbar. Aber vielen geht es schlecht. Da werden sicher auch ein paar Banker drunter sein. Aber auch dem Tourismus geht’s nicht gut. Urlaub fällt immer öfters flach. Weniger Schirmchencocktails. Weniger Champagner? Nein, das wäre übertrieben. Champagner läuft immer. Die Verlierer ziehen aus. Die Gewinner ziehen ein.
![]()
Aber wo sind die Gewinner? Die Baubranche kränkelt. Die Bauern sind unzufrieden. Meine Eltern. Deine Eltern. Der Taxifahrer. Der Nachbar. Die Arbeiter in den Schiffswerften in Norddeutschland und die Praktikantenflut in der Medienbranche sind unzufrieden. Und auch die Musikindustrie leidet.
Doch Not macht erfinderisch. Ablenkungsmanöver allerortens. Man arbeitet sich ab, an Fairtrade und Klimaschutz, an neuen Kollektionen, neuen Gesichtern, neuen Trends und alten Ideen und Idealen. Nichts wirklich Neues. Doch wenigstens etwas. Ein Status Quo. Ein sich nicht bewegen lassendes Konstrukt aus wirren Verflechtungen und Verfehlungen. Doch wir kommunizieren, in ganzen, halben und keinen Sätzen, über un- und endliche Distanzen, über alles und über jeden und fühlen uns dabei unheimlich gut und aufgeklärt und sind währenddessen revolutionär und bieder zugleich. Wir reden uns die Seele aus dem Leib und werden – seelenlos. Doch es herrscht Zufriedenheit, denn man hat den Glauben noch nicht verloren. Vielleicht die Lust.
Es ist ja nicht alles schlecht. Manch einer glaubt sogar, wieder politisch ambitionierte Popmusik ausmachen zu können. Oder war das dem Punk, dem Hip-Hop und dem Indie-Rock vorbehalten? Oder anderen Sub- und Jugendkulturen? Oder macht das einen Unterschied? Am Beispiel von Wahlen wird mehr und mehr deutlich, wie beliebig wir agieren, reagieren und uns regieren lassen. Zur Fußball-Weltmeisterschaft sind wir alle Fußballexperten. Bei Bundestagswahlen verhält es sich so ähnlich: Mit einem Schlag fühlen wir uns aufgeklärt und im Stande, noch so komplizierte Sachverhalte mit dem Nachbarn, dem Taxifahrer oder der eigenen Freundin zu diskutieren und aufzudröseln. Plötzlich generieren wir im Minutentakt Meinung für Meinung.
Mittlerweile haben wir uns einen unbeirrbaren Grundglauben angeeignet, der es uns ermöglicht, die Dinge stets in Verhältnis und Abhängigkeit zu einem weit- und weltumfassenden Kontext zu stellen, der letztendlich doch nur individuelle Bedürfnisse regelt. Das alte Spiel: wie du mir, so ich dir. Doch einer von beiden hat nichts. So ist das. Wahrscheinlich gehören wir zu denen, die etwas haben. Doch wir wissen leider immer noch nicht, was es ist.
Und aus diesem Grund beschäftigen wir uns weiter mit den Dingen, versuchen abzubilden, zu entdecken, zu ergänzen, zu erfreuen, zu irritieren, zu kritisieren und nennen das, in unserem Fall, auch Zwei-tausendzehn, dann ganz einfach nur BLANK. Und natürlich würden wir uns freuen, wenn du, der Leser, dann auch wieder mit dabei bist. Denn wie heißt es so schön: „Der Blick in das Gesicht, eines Menschen dem geholfen ist, ist der Blick in eine schöne Gegend“. Also hilf uns!
(Johannes Finke)

2009 – das Superwahljahr, das Superjubiläumsjahr,… an größenwahnsinnigen Komposita mangelt es dem letzten Jahr des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends nun wirklich nicht. Europawahl, Bundestagswahl, 60 Jahre Grundgesetz, 50 Jahre „Godesberger Programm“, 20 Jahre Mauerfall. Findige Politiker und fleißige Geschäftsleute melken die Kuh Jahrestag bis das Euter welk ist, und lassen den Kulturkonsumenten bei der Lektüre des Veranstaltungsteils der Tageszeitung mit dem unguten Gefühl zurück, vor lauter Nichtigkeiten die Wichtigkeiten zu verpassen. Ins Töpfchen statt ins Kröpfchen gehört definitiv die Ausstellung „Berlin 89/09 – Kunst zwischen Spurensuche und Utopie“, die ab dem 18. September in der Berlinischen Galerie zu sehen ist. Werke von Max Baumann, Sophie Calle, Björn Melhus, Frank Thiel und vielen mehr zeigen, dass die Neuorganisation Berlin nicht nur Gegenstand politischer sondern auch künstlerischer Auseinandersetzung war und ist. Utopische und realisierbare, dokumentierende und kommentierende Arbeiten werden in den drei Kategorien „Spurensuche“, „Panorama des Wandels“ und „alternative Konzepte“ präsentiert. ![]()
Dauer der Ausstellung:
Verlängert bis 15. Februar 2010, Berlin, Berlinische Galerie

Futurity Now! lautet das diesjährige Motto dieser exklusiven Zusammenkunft Medien-, Kunst- und Zukunftsorientierter Menschen und das klingt alles nicht schlecht: "‚Futurity’ – ‚Zukünftigkeit’ – ist ein Konzept, das untersucht, was ‚Zukunft’ als bedingendes und kreatives Vorhaben sein kann. In seinem Zentrum steht das komplexe Bedürfnis, den politischen und wirtschaftlichen Wirren neue Zukunftsvisionen entgegenzustellen. Unter dem Motto FUTURITY NOW! untersucht die transmediale.10, welche Rolle die Entwicklung des Internets, die globale Netzwerkpraxis, Open-Source-Methoden, nachhaltige Gestaltung und mobile Technologie bei der Bildung neuer kultureller, ideologischer und politischer Modelle spielt. Die transmediale.10 lädt Künstler, Wissenschaftler, Medienaktivisten, Denker und Visionäre ein – nicht um die Frage zu beantworten, was die Zukunft für uns bereithält, sondern was wir für die Zukunft bereithalten." Soweit alles klar? Nein? Dann einfach mal hingehen, denn die Arbeiten solcher Künstler wie Wang Yuyang, Julius von Bismarck (Foto) oder Michelle Teran sind mehr als eine vielversprechende Inspiration. ![]()
Transmediale 10 - Futurity Now.
02.–07.02. 2010 Berlin, Haus der Kulturen der Welt

Dass die Amerikaner mit Matroschkas und Borschtsch nicht allzu vertraut sind, ist kein Geheimnis und nach wie vor scheint der Umgang mit allem, was östlicher liegt als Berlin, relativ schwierig. Da ist es doch viel einfacher, sich dem Ost/West Thema auf deutschem Boden zu widmen. Und eines muss man L.A. lassen: Wenn schon denn schon. So entstand im L.A. County Museum of Art eine der umfangreichsten Ausstellungen zum Thema Kunst im geteilten Deutschland.
Die Auswirkungen zweier so unterschiedlicher politischer Systeme auf die Kunst, ihre Übereinstimmungen und Abgrenzungen, sind anhand von 300 Exponaten von Künstlern wie Jörg Immendorf, Anselm Kiefer, Martin Kippenberger und Joseph Beuys seit Oktober in Berlin zu sehen. ![]()
Dauer der Ausstellung:
Bis 10.01. Berlin, DHM

Erika Lust wurde 1977 in Stockholm geboren, kam über das Theater zum Film (so die Kurz-Bio des Verlages) und lebt und arbeitet heute in Barcelona. Für ihre Filme, die sie mit ihrer Produktionsfirma Lust Films realisiert, bekam sie bereits mehrere Preise, unter anderem den Feminist Porn Award in Toronto. Jetzt hat sie ein vielleicht etwas zu sehr als Manifest gepriesenes Buch geschrieben, das Frauen den Zugang zur Pornographie, egal ob als Konsument, Produzent, Macher oder Kritiker, erleichtern soll. So gibt es in diesem Werk ein bisschen Vorurteil, ein wenig Einblick in die Lieblingspornofilme der Autorin, ein paar kleine und lustige Grafiken und Piktogramme bei denen man zuweilen Schwänze und Titten erkennen kann und den Versuch einer historischen Einbettung der eigenen Ansicht, der eigenen Motivation, der eigenen Lust. Letzteres macht das Buch schwierig, denn Intimitäten sind nun mal kein Allgemeingut. Doch lassen wir die Autorin selbst zu Wort kommen: ![]()
BLANK: So lange wir „Porno“ sagen, wird es schwer sein, dem Begriff neue Attribute hinzuzufügen, siehst du das genau so?
Erika Lust: „Porno“ ist ein seltsames Wort, das von einer Aura von Schuld umgeben ist. Es wird von vornherein angenommen, dass Porno dreckig und abartig ist, so etwas wie eine niedere Kulturform. Auf der Welt gibt es so viele Abartigkeiten: Misshandlung, Drogen und Gewalt... Porno ist nicht mehr und nicht weniger als die unmittelbare Darstellung von Sex. Porno begleitet die Menschheit solange wir denken können, die Natur des Pornos hat nichts Boshaftes. Das Problem liegt in der heutigen Machart von Pornofilmen. Die Filme sind einfach nur flach und langweilig, chauvinistisch und viel zu oft gewalttätig. Die Filme bedienen eine rein männliche Perspektive, da sie schlichtweg nur von Männern für Männer gemacht werden. Wir Frauen wollen Filme mit sexuellem Inhalt, die nach unserem Geschmack sind, für dieses Recht müssen wir uns einsetzen. Ich kämpfe dafür, dass die Frauen eine Stimme in der Pornoindustrie bekommen. Es ist wichtig, dass wir an dem Diskurs teilnehmen, egal ob wir es jetzt „Porno für Frauen“ oder „feministischen Porno“ nennen. Ich weiß ganz genau was Frauen mögen, meine Freundinnen und ich wir WOLLEN KEINE Machotypen, Mafiabosse, Waffen, Zuhälter, Luxusvillen, Silikon-Girls, Sportwagen oder Luxusstrände auf den Malediven. Wir brauchen dieses ganze Zeug nicht um angetörnt zu werden, wir wollen richtige Menschen in realen Situationen und wir wollen wissen, warum diese Menschen gerade Sex haben. Viele Männer wollen einfach nur Analsex, Blowjobs und Tittengeficke – einfach dreckigen und billigen Porno. Ich glaube, dass Frauen da einfach mehr Intimität und Psychologie wollen, mehr Sex anstatt Porno.
BLANK: Geht es dir um Feminismus oder einfach darum einen guten Job zu machen und dich kreativ ausleben zu können?
EL: Wenn Frauen in ein Gebiet eindringen, das bis dato eine reine Männerdomäne war, dann steckt dahinter auch immer die Absicht Dinge zu verändern. Das schaffst du in der Regel nur mit Kreativität, Einfallsreichtum und Ehrgeiz – wenn wir in so einer Situation Schwäche zeigen, sind wir ganz schnell wieder draußen!
BLANK: Porno findet nicht länger hinter verschlossenen Türen statt, sondern hat längst den öffentlichen Raum eingenommen. Welche Chancen siehst du in dieser Entwicklung?
EL: Wir leben heute längst in einer pornofizierten Gesellschaft, ob wir das jetzt mögen oder nicht spielt keine Rolle. Porno ist überall, egal ob im Internet oder in den klassischen Massenmedien. Die Zeiten, wo Porno in den abgedunkelten Hinterzimmern stattfand, sind vorbei. Aus diesem Grund müssen wir Frauen an dieser Entwicklung teilhaben und mitwirken, damit wir so kritischer mit dem Phänomen umgehen können. Während der 60er und 70er, als sich die Frauenbewegung auf ihrem Höhepunkt befand, wurde das durch Fernsehen und Werbung manifestierte sexistische Weltbild kritisiert. Genau das muss heute mit Pornografie geschehen. Wir können das nicht einfach ignorieren mit der Entschuldigung, dass es sich hierbei nur um eine dumme Angewohnheit von Männern handelt und uns damit nicht weiter zu interessieren hat. Die männliche Vorstellung von weiblicher Sexualität hat ihren Ursprung größtenteils in der Pornografie, wodurch das Leben jeder Frau beeinflusst wird. Wir haben die Möglichkeit, an der Diskussion um Pornografie teilzunehmen und damit unglaublich viele Möglichkeiten, unsere eigene Sexualität zu beschreiben. Wir alle wissen, dass die meisten Männer da ziemlich schwer von Begriff sind – und welche bessere Chance gibt es, das endlich zu ändern?
BLANK: Warum haben Frauen nicht das Bedürfnis, Porno nach ihrem Geschmack zu verändern, anstatt nur zu verteufeln?
EL: Ich denke die meisten Frauen, die explizit gegen Porno sind, haben eine ziemlich beschränkte Sichtweise auf die weibliche Sexualität. Ich bin absolut der Meinung, dass wir Porno kritisieren müssen, sobald Frauen darin gedemütigt werden. In einer absolut männlich orientierten Pornoindustrie kommt das leider mehr als genug vor. In den letzten Jahren hat sich eine Gruppe von weiblichen Produzenten etabliert, die eben genau das zu verändern versuchen, indem sie zeigen, dass eine andere Art von Porno ohne Angst möglich ist.
BLANK: Wer sind deine größten Kritiker, Frauen oder Männer?
EL: Viele Männer in diesem Business akzeptieren Frauen nicht. Sie haben Angst vor ihren Ideen und Forderungen und unterstellen einem, man würde die Zeit zurückdrehen wollen, indem man Porno nur für Frauen macht. Sie wollen, dass wir den gleichen Schrott konsumieren, weil sie behaupten, wir würden ihnen schließlich absolut gleichwertig sein wollen. Sie haben einfach Angst, dass ein weiblicher Porno beweisen wird, wie schrecklich machohaft ihre eigenen Produktionen sind. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass Sex mit Hunden und Pferden, schrumpligen Omis, Pisse, Scheiße und allen anderen Absonderlichkeiten akzeptiert wird, ganz einfach weil gesagt wird „die menschliche Sexualität ist vielfältig“. Hingegen grenzt die Idee, Porno für Frauen zu machen fast an Gotteslästerung. Wir sollen uns gefälligst mit den Filmen zufrieden geben, die sie machen.
BLANK: Macht dich ein guter Porno scharf?
EL: Ja, klar. Darum geht es schließlich bei einem guten Porno. In meinem Buch „Porno für Frauen“ habe ich eine Liste mit wirklich guten Pornos von den 70ern bis heute zusammengestellt, die ich persönlich gerne mag. Und ich sage den Frauen auch, wo sie die finden!
„X - Porno für Frauen“ von Erika Lust ist bereits bei heyne Hardcore erschienen.
(Elmar Bracht/Antonia Märzhäuser)

Nur allzu gut erinnern wir uns an die Zeit als uns auf – in spätsommerliches verklärendes Licht gehüllten – Wahlplakaten die immer gleichen müden Gesichter ihr routiniertes Lächeln entgegen warfen. Während bei den Bundestagswahlen also alles nach Schema X verlief, hat sich im bunten Kreis der Misswahlen einiges getan. Gefängniskantinen ersetzen Beach-Resorts als Wettkampfstätten und statt nackter Haut gibt es flammende Manifeste. Wir hoffen auf ihre Vorbildfunktion. ![]()
Was macht man im Jahr 2009 mit einem latent zum Pessimismus neigenden Volk, dessen Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen bereits zu Krisenkindern ernannt wurde? Diese Frage muss sich wohl Anfang des Jahres ein ganz bestimmter Berufsstand gestellt haben, worauf sich dann die nicht uneigennützige Beschäftigungstherapie „Wahljahr“ aus dem Hemdsärmel geschüttelt wurde.
Bis zu sechzehn Mal ließ sich das Thema dieses Jahr aufwärmen, zwischen den Gerichten wurde schön auf Sparflamme weiter geköchelt, damit wir ja nicht an etwas anderes denken würden. Das politische Wahljahr hatte die Aufgabe, uns den dunklen Weg zurück auf den Pfad der Tugend zu zeigen, runter von der mit Leuchtreklame gesäumten Autobahn der schnelllebigen Zerstreuungen.
Was aber wenn wir nun gar nicht hinunter wollen von dem bunt blinkenden Highway? Eine Verbindung aus Superwahljahr und Pop? Um diese zunächst konträr erscheinenden Begriffe Wahl und Vergnügen vereinen zu können, bedarf es einer intensiveren Untersuchung des Wahlbegriffs.
Wir wissen um die Geschichtsträchtigkeit der Bill of Rights von 1689. Ein Datum, dessen historische Relevanz –zu Unrecht – weitgehend in Vergessenheit geriet, ist der 19. September 1888, die Geburtsstunde des ersten europäischen Schönheitswettbewerbs.
Trotz dieser historischen Geburtsstunde im Herzen Europas, waren es unsere (damals noch „bored and beautiful“) Amerikaner, die den Misswahlentrend über den ganzen Globus katapultierten. Ende der 20er kam dann ein richtiger Exportschlager über den Teich. Ergänzend zur Weltwirtschaftskrise lieferten die Amerikaner uns gleich die Möglichkeit zum Eskapismus mit.
Schönheitswahlen sind wie kleine Enklaven einer glatteren und einfacheren Welt, sie folgen dem System der Komplexitätsverweigerung.
Uns scheint der Mikrokosmos bestehend aus Hair Extensions, Bademode und Weltfrieden genau so fremd zu sein wie die Passion der Engländer zu baked beens und hash browns. Ähnlich wie diese absolut abartige Frühstückstradition expandieren Schönheitswahlen um den ganzen Globus, nur dass sie meistens nichts mehr mit dem klassischen Verständnis eines Beauty Contests zu tun haben.
Die Misswahlen unserer Zeit beinhalten also weniger Weltfrieden und Extensions, als vielmehr Silikon und einen ärztlichen Geschlechtsnachweis.
Während wir nicht müde werden unsere Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Ehe zu betonen, haben die Thailänder einen ganz anderen Weg gefunden, sich der bunten Vielfalt der menschlichen Sexualität zu nähern. In keinem Land der Welt hat sich eine so große und öffentliche Transvestitenszene entwickelt. Ladyboys und Kathoeys scheuen nicht gerade die Öffentlichkeit und so war es nur eine Frage der Zeit, bis man ihr wirtschaftliches Potential entdeckte. Die Miss Tiffanys Universe Wahl in Pattaya ist längst zu einem Touristenmagnet geworden. Die Mitmachbedingungen entscheiden sich bis auf ein paar minimale Details nicht von denen konventioneller Schönheitswahlen. Die Kandidaten müssen der Spezies Transwoman angehören, also männlichen Geschlechts geboren, das Leben aber als Frau bestreitend, falls Geschlechtsveränderungen in Form von Operationen vorgenommen wurden, wird um eine Geburtsurkunde gebeten. Profilieren müssen sich die Teilnehmerinnen übrigens in den Kategorien „bestes Kostüm“, „Fotogenität“ und „unlimited sexy star“, na wenn das nicht mal eine willkommene Abwechslung zum roten Bikinishowlauf mit anschließender pseudosozialen Spontan- Fragestunde ist. Social Awareness ist der Transgender-Community natürlich eine Herzensangelegenheit und so soll der Contest die Toleranz gegenüber dem Geschlechts- und Liebespotpourri stärken.
Während sich die Japaner ja recht öffentlich zu ihren Fetischen bekennen und es nichts neues ist, dass sie in ihrer knappen Freizeit ganz gerne mal in Schulmädchenkostümen Karaoke singen, gelten die Chinesen da gemeinhin als etwas prüder, aber definitiv nicht als weniger einfallsreich. So krönen sie jedes Jahr die Miss Plastic Surgery. Die Anwärterinnen auf den Titel müssen nachweislich mindestens (!) eine Schönheitsoperation hinter sich gebracht haben, vielleicht sollte mal schnell jemand Frau Ohoven ein Flug buchen, dann hat die Gute endlich mal etwas richtig gemacht.
Wie reiner Mainstream wirken dagegen die bereits weit verbreiteten Schönheitswettbewerbe in den Frauengefängnissen dieser Welt. Von Brasilien über Litauen bis an den äußersten Rand Sibiriens, überall werden Overalls gegen enganliegende Synthetik getauscht. Auf den Oberarmen der Mädchen prangen Tattoos, die man sonst nur bei den Hells Angels vermuten würde. Umso faszinierender ist es, sieht man mit was für einem Ernst und Ehrgeiz die Wahlen vonstatten gehen. Angetreten wird in den Kategorien „Schreiben“, „Charme“ und „öffentliche Rede“. Für einen Moment sind die eisernen Gitterstäbe und kahlen Einzelzellen vergessen, dann werden aus Gefängniswärterinnen Stylisten und aus den sonst so bedrohlich am Gürtel von links nach rechts schwingenden Knüppel, der Schwung von schwarzer Mascara.
Wenn Schönheitswahlen als Publicity für Städte und Produkte funktionieren, gilt dann nicht auch das gleiche für Wohltätigkeitszwecke und die Politik? Ist die Gleichung so einfach? „Sex sells“, auch bei schwer verdaulichen Themen? Die Paradoxie der Misswahlen besteht darin, dass ihre Natur absolut apolitisch ist und sich gerade dadurch bestens als Projektionsfläche für verschiedenste Interessen anbietet.
Stürmten die Feministinnen in den 70er Jahren, ihren BH wie ein Lasso schwingend, Misswahlen und forderten ein Ende der weiblichen Fleischbeschauung und Objektivierung, werden heute Misswahlen für Frauenrechte initiiert.
Social Awareness heißt auch wieder mal das Zauberwort bei der Wahl zur Miss Landmine. Geschmacklos würde auch hier manch einer gerne rufen. Wie kann man den Inbegriff von Oberflächlichkeit und intellektueller Beschränktheit mit einem Thema in Verbindung bringen, das von so großer politischer Relevanz und Ernsthaftigkeit ist? Ist das nicht eine Zuschaustellung der Opfer, dessen Bilder in der Masse des westlichen Kulturangebots untergehen und maximal dem ein oder anderen Ausstellungsbesucher ein kurzen Seufzer entgleiten lassen?
Stellt man diese Fragen, muss man auch so ehrlich sein sich zu fragen, was nun besser ist, Aufmerksamkeit durch eine Miss-Wahl oder eben keine Aufmerksamkeit.
Das Motto „celebrate true beauty“, was im Kontext einer Dove-Kampagne nicht mehr als eine Ansammlung von leeren Worthülsen ergibt, bekommt hier eine wahrlich plastische Bedeutung. Zu deutlich und verstörend ist die Abweichung vom genormten Schönheitsideal. Der feministische Zeigefinger kann in diesem Falle getrost unten bleiben, es ist nämlich zu bezweifeln, dass ein noch so flammender Artikel in der Emma über weibliche Landminenopfer hier mehr bewirkt hätte.
Etwas schwieriger gestaltet sich da die Verbindung Politik und Schönheit. Nun gehört das Gespann etwas ergrauter Mitte-Fünfziger mit schöner Anfang-Zwanzigerin in mittlerweile allen politischen Lagern zum guten Ton, die Instrumentalisierung von Misswahlen zu Wahlzwecken ist trotzdem ein heikles Thema. So versorgte Väterchen Kohl 1998 die Klatsch-Presse mit allerlei Stoff, als er mit der aus Ost- Berlin stammenden Miss Germany 1991/92 auf Wählerfang im Osten ging. In der DDR waren Schönheitswettbewerbe „Zeichen der Erniedrigung und Ausbeutung der Frau durch den Kapitalismus“. Kurzum: eine Ausgeburt der Hölle. Während bei uns also Schönheit und Politik wieder getrennte – sehr getrennte – Wege gehen, entdeckt Russland diese Strategie neu für sich. Was in Deutschland wohl zu bürgerkriegsähnlichen Szenarien führen würde, fällt in Russland einfach unter die Kategorie cleveres Marketing. Bekanntermaßen sieht sich die Atomenergiebranche mit gewissen Vorurteilen konfrontiert. So wird ihr gerne jedes schwerere Übel, vom kalten Krieg bis hin zur Umweltvergiftung in die Schuhe geschoben. Und wenn Schalke verliert, dann ist natürlich Gazprom Schuld. Das möchte man natürlich nur ungern auf sich sitzen lassen und wie ließe sich die Sympathie der Branche besser steigern, als durch schöne Frauen. Wer in den letzten Jahren an der Cote ´d Azur oder in St. Moritz war, weiß, dass es davon in Russland sogar eine ganze Menge von gibt. Dass diese auch in der Atomenergiebranche tätig sind, veranlasste das Web-Portal nuclear.ru dazu die Miss Atom-Wahl ins Leben zu rufen.
Da sag noch einmal jemand, der russischen Seele würde es an Humor mangeln. Sind die strahlenden Gewinnerinnen vor der Reaktorkulisse erstmal abgelichtet worden, wirken Ironie und Patriotismus doch gar nicht mehr so weit voneinander entfernt.
Wer hätte 1979, als Rudi Carrell die erste Miss Germany Wahl im Fernsehen moderierte, gedacht, dass der Begriff „Misswahl“ so viel kreativen Spielraum lässt.
Jedem Topf seinen passenden Deckel, jedem Freak seine Miss-Wahl.
(Antonia Märzhäuser)

Von fabrikfrischen und verrosteten Nägeln im Fleisch der parlamentarischen Demokratie.
Ein paar Gedanken zur Piratenpartei von Jan Off. ![]()
Im Januar 2010 heißt es, sich beim Bioschlachter und im Naturkostladen auf leere Regale einzustellen, feiern doch in eben diesem Monat Die Grünen ihr dreißigjähriges Bestehen. Wenn man sich das vergleichsweise gesittete Äußere ihrer aktuellen Vertreter vor Augen hält, will an den wilden Stil-Mix, den die Partei während ihrer Entstehungsphase nach außen transportierte, so gut wie gar nichts mehr erinnern. Ein BEDAUERNSWERTER Umstand, denn was waren das doch immer für erquickende Bilder von all diesen Aufbau- und Gründungstreffen: der strickende Vollbart mit Fusselmähne neben dem hageren Pastor im lederflickenbewehrten Cord-Jackett; dahinter ein barfüßiger Wünschelrutengänger Seit an Seit mit dem weißhäuptigen Träger eines Lodenjankers, den die Liebe zu Natur UND Vaterland in die Arme der Umweltbewegung getrieben hatte. Entsprechend bunt war der Pool der politischen Ansichten, wobei konservative Einstellungen durchaus eine größere Rolle spielten, als das im Nachhinein zu vermuten wäre. Beispielhaft sei hier an Herbert Gruhl erinnert, der neun Jahre lang für die CDU im Bundestag saß, bevor er sich für die Europawahl 1979 gemeinsam mit Petra Kelly als Spitzenkandidat des Grünen-Vorläufers Sonstige Politische Vereinigungen Die Grünen aufstellen ließ. Von seinen inner- wie außerparteilichen Gegnern regelmäßig als „Ökofaschist“ gebrandmarkt, verließ Gruhl Die Grünen alsbald wieder, um im Jahre des Herrn 1982 die ÖDP mitzubegründen, die dann unter seiner Führung auch gleich mal einen eher bedenklichen Kurs einschlug.
Derart krude Figuren geistern bei den ehemaligen Ökopaxen heute höchstens noch auf kommunaler Ebene herum. Aber für wunderliches, insbesondere rechtes Gelichter findet sich immer ein Reservat, in dem es für seine bizarren Gedankengebäude mehr als ein Paar offene Ohren findet. Im Moment ist das ganz unzweifelhaft die Piratenpartei, deren Mitgliedszahlen nach dem Entschluss, zum ersten Mal an einer Bundestagswahl teilzunehmen, rapide in die Höhe geschnellt sind. Naturgemäß zieht ein politischer Zusammenschluss, der seine erste Aufgabe in der Verteidigung digitaler Bürgerrechte sieht, neben den üblichen Computer-Nerds auch allerlei Verschwörungstheoretiker und sonstige Paranoiker an. Dass vor kurzem mit Bodo Thiesen allerdings eine Figur, die den Holocaust relativiert und Deutschlands Urheberschaft am 2. Weltkrieg leugnet, sogar ein Parteiamt abgreifen konnte, wenn auch ein vergleichsweise unbedeutendes, erinnert dann doch wieder an die Anfänge der Grünen, also an den fehlenden Überblick angesichts der schieren Masse enthusiastischer Aktivisten, beziehungsweise an das Fehlen klarer Richtlinien, wohin das Pendel denn nun genau ausschlagen möge.
Mittlerweile ist Bodo Thiesen seines Amtes als Ersatzmitglied des Bundesschiedsgerichts nicht nur wieder enthoben, ihm droht zusätzlich ein Ausschlussverfahren. Und so bleibt zu hoffen, dass die Partei, der er – Inschallah – bald nicht mehr angehören wird, sich in Zukunft endlich dem widmet, was ihr Name verspricht: Nämlich Lobbyarbeit für diejenigen, die sich ihren Teil vom Kuchen unter Zuhilfenahme von Schnellbooten und Schusswaffen abholen – für die somalischen Piraten also.
Nicht, dass mich hier jemand falsch versteht: Ich bin weder ein Freund von Freiheitsberaubung und Scheinhinrichtungen, noch möchte ich das Leid der entführten Besatzungen in Abrede stellen. Aber im Kino einen Säbelschwingenden Johnny Depp abzufeiern oder den eigenen Nachwuchs mit modischen Totenkopf-Emblemen auszustaffieren, um dann hernach die real existierende Seeräuberei als eine Ausgeburt des abgrundtief Bösen zu betrachten, während große Teile eines kompletten Kontinents in Agonie versinken, stellt eine Bigotterie dar, die nur schwer zu ertragen ist. Wenn also irgendwann die ersten gefangenen Piraten von der Fregatte Bremen in den Hamburger Hafen gebracht werden, dann will ich wenigstens die Mitglieder der Piratenpartei an den Landungsbrücken sehen. Natürlich mit Entermessern zwischen den Zähnen – und sei es nur dem Gebot der sportlichen Fairness zuliebe.
(Jan Off)

In Zeiten kollektiven Fremdschämens, wirtschaftlicher Unsicherheit und der an Körperverletzung grenzender Casting-, Running- oder Talentshows und den Doping- und Drogen durchweichten und zersetzten Sportevents wie Tour De France, Eisschnelllaufen und Triathlon, ist der Boxsport ein ehrliches und spektakuläres Element menschlicher Aggressions- und Sensationslust, auch wenn der geneigte Zuschauer und Boxfan die Machenschaften der verschiedensten Verbände, Promoter und Fernsehanstalten nicht unbedingt verstehen und durchschauen kann. ![]()
Der junge, gutaussehende und boxbegeisterte Mann auf dem Foto ist nicht ganz unbeteiligt daran, dass es im Boxen, zumindest im Supermittelgewicht, mal wieder ein wenig transparenter werden könnte. Sein Name ist Kalle Sauerland, er ist 32 Jahre alt und er verkörpert vielleicht die neue Generation der Boxmanager- und Promoter.
Natürlich kommt die Begeisterung und die Verpflichtung für den Boxsport nicht von ungefähr. Kalles Vater Wilfried machte in den 90er Jahren den Boxsport in Deutschland wieder gesellschaftsfähig. Henry Maske hieß der Boxer, der eine wahre Renaissance des Boxsports einleitete und den Grundstein dafür legte, dass Winfried Sauerland heute zu den erfolgreichsten Boxpromotern in der Welt gehört. Zu seinem Stall gehörten unter anderem Boxer wie Sven Ottke, Axel Schulz und Markus Beyer. Heute hängen die Hoffnungen an Arthur Abraham, Marco Huck, Nikolai Walujew und Sebastian Sylvester. Zuletzt, im Hinblick auf das im Herbst startende Super-Six-Turnier im Supermittelgewicht, konnte Sauerland zudem seine Chance auf den Titel verdoppeln, da man den aktuell wahrscheinlich stärksten Boxer dieser Gewichtsklasse, den Dänen Mikkel Kessler, verpflichten konnte. Nur das Schwergewicht macht ein wenig Sorgen, auch wenn Kalle Sauerland sagt: „Da kommen in den nächsten Jahren junge, deutsche Boxer, die das Zeug haben, Weltmeister zu werden.“ Die deutschen Boxfans hätten nichts dagegen, auch wenn man es gelernt hat, den Boxer nicht aufgrund seiner nationalen Herkunft zu bestaunen, sondern aufgrund seiner Fähigkeiten wie Mut, Kraft, Technik und Ausstrahlung. Natürlich darf ein gesunder Geschäftssinn nicht fehlen, doch das allein macht noch keine großen Champions aus und gerade im Schwergewicht fehlen diese Champions. Auch bei den Klitschkos ist man nicht alleine, wenn man in so mancher Kampfsituation das Gefühlt hat, Angst in ihren Augen entdecken zu können. Kalle Sauerland spricht da offene Worte: „Vladimir Klitschko hat ein Glaskinn. Das wurde bereits dreimal bewiesen.“
Kalle Sauerland könnte die Erfolgsgeschichte seines Vaters weiterführen, beziehungsweise, wenn man es genau betrachtet, steckt er bereits mittendrin. Schon früh erkannte er sein Talent und sein Interesse für den Sport und entdeckte seine Liebe für den englischen Fußball. Seine Augen glänzen. Er ist offensichtlich ein Fan. Auch wenn er sich nicht so richtig entscheiden kann, wie er sich verorten würde: als Deutscher oder als Engländer. In Wuppertal geboren, genoss er Schulzeit und Ausbildung in England und absolvierte ein Praktikum beim Sportmarketing-Branchenführer IMG. Auch das kam nicht von ungefähr, so war doch die Lektüre des Buches „What They Don‘t Teach You at Harvard Business School: Notes From a Street-Smart Executive“ von IMG-Gründer Mark H. McCormack, von dem man sagt, er habe das Geschäft mit dem Vermarkten von Sportlern und Sportereignissen erfunden, der Moment, in dem Kalle Sauerland beschloss, sich diesem Thema anzunehmen. Mittlerweile ist Kalle Sauerland Managing Director der Kentaro Group, die unter anderem die Rechte an Arsenal, Chelsea, Manchester City, der argentinischen und der brasilianischen Nationalmannschaft vermarktet. Zuletzt wurde ein Büro in Hamburg eröffnet.
Doch neben dem Fußball engagiert sich Kalle Sauerland in den letzten Jahren mehr und mehr im väterlichen Betrieb, der Sauerland Event GmbH, an der er mittlerweile auch mit 50 Prozent beteiligt ist. Sein bisher größter Clou ist sicherlich das jetzt anstehende Super-Six-Turnier, was er gemeinsam mit anderen Branchenriesen initiierte. So konnten die vermeintlich sechs besten Boxer im Supermittelgewicht verpflichtet werden, um über einen Zeitraum von einem Jahr den besten ihrer Zunft zu ermitteln. Mit dabei sind neben den Sauerland-Boxern Mikkel Kessler und Arthur Abraham auch Andre Dirrel, Jermain Taylor, Carl Froch und Andre Ward. Zusammen weisen die sechs Boxer eine Bilanz von 144 Siegen zu vier Niederlagen und einem Unentschieden auf. Das garantiert Qualität und Motivation. Auch wenn natürlich das zu verdienende Geld nicht im Hintergrund steht. Dass da nicht alle Verbände mitziehen, war vorauszusehen, doch ein erster Schritt ist getan, das Profiboxen für den Fan attraktiver und transparenter zu gestalten. Im Oktober geht es los, dann kämpfen Abraham und Taylor, voraussichtlich in der Berliner O2-Arena, um die ersten Punkte, denn über ein Punktesystem und ein Halbfinale sollen die zwei Boxer ermittelt werden, die zum Schluss um die Krone im Supermittelgewicht boxen. Kalle Sauerland wird dann mit Sicherheit am Ring sitzen und mitfiebern.
(Johannes Finke)

Zum Start der neuen Bundesliga-Saison hat sich unser Autor Jan Off mal ein paar sehr persönliche Gedanken zum Thema Fußballfans, Fanatiker und Vollidioten gemacht. ![]()
Gerade habe ich mir eine englische Punkband angesehen, die ich längst im Siechenhaus vermutet hatte. Nun sitze ich in der letzten U-Bahn und lasse die beeindruckende Fitness der greisen Musikanten noch einmal Revue passieren. Ich habe ein paar Anstandsbiere intus und darf sicher einen leichten Schwips mein Eigen nennen, aber ich bin weder aggressiv noch sonst wie auf Kontakt zu meiner Umwelt aus. Ich will einfach nur entspannt nach Hause geschaukelt werden, um dort noch ein, zwei Runden Online-Poker zu spielen und dieser Kiste Holsten Edel zuleibe zu rücken, die im Flur auf mich wartet.
So weit, so gottgefällig, bis an der Haltestelle Feldstraße plötzlich eine Gestalt in meinen Waggon steigt, die meine kontemplative Stimmung schlagartig Geschichte werden lässt. Auf den ersten Blick mag es sich bei dem bieder gekleideten Jüngling mit der schmächtigen Statur um einen harmlosen Zeitgenossen handeln, vielleicht um einen Studenten der Geisteswissenschaften. Aber nachdem er mir schräg gegenüber Platz genommen hat, verrät mir genaueres Hinsehen, dass ich es hier mit einem brandgefährlichen Eiferer zu tun habe. Der Bengel trägt doch allen Ernstes eine Wollmütze mit Hannover-96-Emblem. In Hamburg! An einem spielfreien Wochentag… Lupenreiner Hass flutet meinen Gefühlshaushalt. Und mit einem Mal macht sich auch der genossene Alkohol bemerkbar: Eine derartige Provokation kann ich unmöglich dulden! Ich muss die Mütze in meinen Besitz bringen und gleich hier in der U-Bahn zu Konfetti verarbeiten, besser noch: sie in Brand setzen und die Flammen anschließend mit einem Schwall meines Mageninhalts löschen.
Warum ich das tun muss? Ganz einfach: Ich bin in Braunschweig aufgewachsen. Und wie die meisten, deren Herz für den Braunschweiger Turn- und Sportverein schlägt, hat man mich Zeit meines Lebens gelehrt, alles, was auch nur ansatzweise mit der Zahl 96 zusammenhängt, abgrundtief zu verachten – so wie sie in der Leine-Metropole beigebracht bekommen, die Farbkombination Blau und Gelb für den Auswurf des Bösen zu halten. Woher diese gegenseitige Abscheu rührt, hat mir bisher niemand erklären können. Sämtliche Recherchen in Braunschweiger Fankreisen ergaben durchgängig simple Antworten, die mir empfahlen, in dieser Sache bloß nicht weiter nachzufragen. Hannover, oder Hanoi, wie sie in Braunschweig sagen, sei nun mal die Seuchenstadt schlechthin und gehöre am besten niedergebrannt. Punkt! Soll heißen: Die Feindschaft wird als genauso gottgegeben hingenommen wie die zwischen den Anhängern von Frankfurt und Offenbach, Dresden und Leipzig oder Karlsruhe und Stuttgart (um nur ein paar der bundesweit bekanntesten Fehden zu nennen), wobei sich das Ausleben des Hasses nicht nur auf Ereignisse, Orte oder Menschen beschränkt, die tatsächlich einen Bezug zum Fußball aufweisen.
Ein Freund aus alten Tagen, der irgendwann beruflich in Hannover zu tun hatte, bekam schon in der ersten Woche nach Arbeitsantritt den Motorroller mit Scheiß-BTSV- und Es-lebe-96-Parolen zerkratzt. Als er dann später in die Landeshauptstadt umgesiedelt war und sich entsprechende Nummernschilder für den unterdessen angeschafften PKW besorgt hatte, wurde demselben während eines Braunschweigbesuchs wiederum die Luft aus den Reifen gelassen.
Selbst der Umstand, dass die beiden Mannschaften aufgrund ihrer unterschiedlichen Ligenzugehörigkeit schon seit Jahren kein offizielles Spiel mehr gegeneinander bestritten haben, hat den gelebten Irrsinn bisher nicht minimieren können. Wie auch?! Wer in dem konsequenten Wahn dahinvegetiert, die Anhängerschaft eines anderen Vereins besäße den Status krankmachenden Ungeziefers, findet natürlich immer Gelegenheiten, diesem Imitat einer Weltanschauung tatkräftig Ausdruck zu verleihen.
So geht zum Beispiel ein Überfall auf die Hannoveraner Fankneipe Nordkurve im Februar 2009 mit hoher Wahrscheinlichkeit aufs Braunschweiger Konto. Circa 20 bis 30 Vermummte stürmen unter Schlägen und Tritten den Gastraum, in dem gerade die Auswärtspartie Gladbach – Hannover übertragen wird, bewerfen die Anwesenden – darunter nicht wenige Familien – mit Flaschen und Gläsern, treten Tische um und schleudern Stühle durch den Raum. Die Mitglieder einer zahlenmäßig vergleichbaren Gruppe Jugendlicher, die kurz darauf in Tatortnähe von der Polizei kontrolliert wird, kommen zum größten Teil aus…? Richtig: aus Braunschweig, dem sympathischen Joker an der Oker (Eigenwerbung)! Angeblich wollten sie sich ein Hockeyspiel ansehen.
So weit, so pubertär. Dass aber auch vermeintlich denkende Mitbürger gegen den volksgemeinschaftlichen Abwehrreflex nicht gefeit sind, den die Verteidigung der „eigenen“ Vereinsfarben nun einmal darstellt, zeigt sich nur einen Monat später anlässlich des in Hamburg ausgetragenen Spiels St. Pauli – Rostock. Während in den gängigen Internetforen selbst „linke“ Hansa-Fans ankündigen, dem in seiner Gesamtheit ja ebenfalls als links geltenden St.-Pauli-Anhang ordentlich auf die Fresse geben zu wollen, werden rund ums Millerntor zahlreiche Hauswände mit Slogans à la 06.03. – alle gegen HRO! besprüht.
Obwohl auf Rostocker Seite dazu aufgefordert worden war, im Notfall auch ohne Eintrittskarte nach Hamburg zu fahren, bleibt das von vielen erwartete Schreckensszenario von der 3000-köpfigen Horde, die während des Spiels marodierend über die Reeperbahn zieht, zwar aus; aber auch so gibt es, insbesondere nach Ende der Partie, ausreichend Momente, in denen sich die geschürte Aggression Bahn bricht. Der dabei an den Tag gelegte Wille, der Gegenseite körperliche Schäden zuzufügen, macht es schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, hier würden zwei verfeindete Religionsgemeinschaften aufeinander treffen. Erst werden die abziehenden Hansafans mit einem Hagel aus Flaschen und Pyrotechnik eingedeckt, der nur den Schluss zulässt, die Angreifer könnten mit hundertprozentiger Sicherheit davon ausgehen, es bei jedem ihrer Gegner mit einem ausgewiesenen Nazi-Hool zu tun zu haben. Danach wird sich mit den Sicherheitsorganen eine Straßenschlacht geliefert, die zwar bei weitem nicht an die Auseinandersetzungen vom 01. Mai des letzten Jahres in Barmbek heranreicht, aber dennoch alles übersteigt, was ich danach in Hamburg erleben durfte. Und das ausschließlich im Namen eines Fußballvereins!
Warum ich an dieser Stelle nicht auf das unsägliche Verhalten der Rostocker eingehe, insbesondere auf die von dieser Seite aus gestarteten Übergriffe während des Hinspiels? Einfach deshalb, weil der FC St. Pauli gemeinhin als Verein gilt, dem sich überdurchschnittlich viele Menschen mit einer, nennen wir es mal: „diffus progressiven“ Lebenseinstellung verbunden fühlen. Damit stellt der Klub in Sachen Fankultur zweifellos die Spitze eines dampfenden Misthaufens dar, der sich wie folgt auf den Punkt bringen lässt: Da wo vor Jahren im Normalfall ein politisches Bewusstsein vorhanden war, wabert heute oft nur noch ein Fußballfähnchen durchs ansonsten luftleere Hirn. Selbst Peter Hein, seines Zeichens Sänger der einstmals als textlich gehaltvoll gehandelten Band Fehlfarben, fällt auf die Frage, ob es nicht irgendwas gäbe, auf das er positiv Bezug nehmen könne, nichts weiter ein als: „Äh, ja … der FC ’ne.“ (Wobei es nun wahrlich egal ist, um welchen FC es sich hier überhaupt handelt.)
Nichts gegen den Sport als solchen. Und auch nichts gegen das leidenschaftliche Mitfiebern mit dieser oder jener Mannschaft. Wer aber meint, es sei schon eine relevante Meinungsäußerung, im beispielsweise schwarzen Kapuzenjöppchen mit Totenkopf-Aufdruck durch die Gegend zu traben, der geht vielleicht besser mal Sandburgen bauen. Und wer sich – gemeinsam mit seinen Fanclub-Kameraden – lieber an imaginären Feinden abarbeitet, als die gesellschaftlichen Widersprüche auf die Straße zu tragen, der kann ja genau diese Sandburgen dann mit seinem Schäufelchen vor den anderen Kindern oder streunenden Hunden beschützen.
Diesem Gedankengang folgend, entschließe ich mich, einmal das Neue zu wagen, und biete dem 96er vor mir eins meiner beiden mitgeführten Fahrtbiere an. Und siehe da, er nimmt es nicht nur an, sondern erweist sich auch sonst als durch und durch sympathischer Zeitgenosse. Dass wir uns dann später wegen des in der U-Bahn geltenden Rauchverbots in die Haare kriegen, ist eine andere Geschichte.
(Jan Off)

Die RAF ist längst nur noch Mythos und beliebiges Beispiel- und Beweismaterial und die Protagonisten sind verschollen, gebrochen oder Pop-Inventar. Trotzdem bleiben Fragen, retten sich Wichtigkeiten in andere Zeiten. Ein paar Gedanken zum Thema Isolationshaft von unserem Autor Jan Off. ![]()
"Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf. Das Gefühl, die Schädeldecke müsste eigentlich zerreißen, abplatzen. Das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst. Das Gefühl, die Zelle fährt.“ Diese Sätze stellen sicherlich das in Deutschland bekannteste Zitat zur so genannten Isolationshaft aus der Sicht eines Häftlings dar. Sie entstammen einem Brief Ulrike Meinhofs aus ihrer Zelle in Köln-Ossendorf.
Isolationshaft bezeichnet eine Form der Inhaftierung, die den Gefangenen weitestgehend von menschlicher Kommunikation abschneidet. Das beginnt bei der Unterbringung in einer Einzelzelle und dem Verbot der Teilnahme an den gefängnisüblichen Gemeinschaftsveranstaltungen, setzt sich über Einschränkungen im Briefverkehr und im Besuchsrechts fort und endet schließlich bei der Verhinderung der Sicht nach draußen und der Abschottung gegen Außengeräusche. Mit dieser sozialen Isolation gehen häufig Maßnahmen einher, die eine Einschränkung der sinnlichen Wahrnehmung zur Folge haben: beispielsweise Tag und Nacht brennendes Neonlicht, vollständig weiße Wände und eine entsprechend reizarme Inneneinrichtung, luftdichte Zellentüren. Dieses, sensorische Deprivation genannte Verfahren kann, so es über einen längeren Zeitraum zur Anwendung gelangt, zu vielfältigen Störungen im Denkablauf führen; die Palette reicht hier von Konzentrationsschwächen und Desorientierung bis hin zu Halluzinationen und Depressionserkrankungen. In Verbindung mit dem Entzug sozialer Kontakte ergibt das eine Mischung, die nicht selten körperliche Schäden nach sich zieht.
Wer nun darauf schließt, die vordergründige Absicht der „weißen Folter“, wie die eben beschriebenen Methoden von ihren Gegnern auch genannt werden, sei die physische Auslöschung von Häftlingen, irrt. In erster Linie geht es darum, den Gefangenen zu Geständnissen und einem vollständigen Abschwören seiner missliebigen Überzeugungen zu bewegen. Manchmal mag auch einfach nur übersteigertes Sicherheitsdenken hinter den Maßnahmen stecken. Stets werden bei ihrer Anwendung jedoch gesundheitliche Risiken in Kauf genommen, die im schlimmsten Fall lebensbedrohlichen Charakter annehmen können.
Dass psychische Stressfaktoren ebenso traumatisierend zu wirken vermögen wie körperliche Qualen, zeigt eine Untersuchung der University of London aus dem Jahr 2007. Befragt wurden knapp 280 Folteropfer aus den Kriegen des ehemaligen Jugoslawien, die eine lange Liste unterschiedlichster Foltermethoden mit einem Punktesystem zu bewerten hatten. Isolation war dabei eine der Maßnahmen, die als am stärksten belastend empfunden wurden. Sie erhielt im Durchschnitt 3,5 Punkte auf einer Skala von 0 – 4 (wobei die 4 für äußerst belastend stand). Damit wurde sie ebenso hoch bewertet wie beispielsweise die Körperstreckung oder das Aufhängen an Händen und Füßen.
Wirft man einen Blick auf die Geschichte des Gefängniswesens, stellt das mittelalterliche Einkerkern sicher die Frühform der Isolationshaft dar. Einen ersten theoretischen Background lieferten dann die um das Jahr 1820 herum in Amerika entstehenden Bußhäuser. Von Quäkern und Freidenkern als Alternative zur körperlichen Bestrafung befürwortet, wurde jeglicher Kontakt zwischen den dort Einsitzenden verhindert. Besuche erhielten sie ausschließlich von Geistlichen, die einzige Lektüre stellte die Bibel dar.
Erfahrungen mit kollaborierenden US-Soldaten während des Koreakriegs in den 1950 Jahren ließen in den westlichen Ländern den Verdacht aufkeimen, dass die Gegenseite Instrumentarien zur Gehirnwäsche besäße. Daraufhin setzte in den Vereinigten Staaten, später dann auch in Europa, eine massive Forschung zum Thema Isolation ein. Hierbei wurden neben der speziellen Situation von U-Bootbesatzungen und der von Astronauten auch die Folgen von Einschränkungen im Bereich der Sinneswahrnehmungen auf Einzelpersonen untersucht.
Inwieweit Ergebnisse dieser Forschungen später in die Strafvollzugssysteme der jeweiligen Länder Einzug hielten, ist bis heute strittig. Unstrittig ist, dass Isolationshaft und sensorische Deprivation nicht nur in totalitären Systemen zum Tragen kommen. Bekanntestes Beispiel hiefür ist sicher das US-Gefangenenlager Camp X-Ray in Guantanamo. Dunkle Brillen, die den Sichtkontakt verhindern, dicke Handschuhe, die den Tastsinn lahmlegen, ein Hörschutz für die Ohren – der Verdacht, dass hier mit Techniken der Sinnesvorenthaltungen gearbeitet wurde, lässt sich nur schwer von der Hand weisen. Aber auch in anderen demokratischen Ländern finden sich mehr oder minder starke Ansätze von Isolationshaft. Beispielhaft seien hier die Türkei und Spanien genannt, denen von der Gesellschaft für bedrohte Völker und Amnesty International wiederholt vorgeworfen wurde, Menschen ohne ausreichenden Kontakt zur Außenwelt in Haft zu halten.
Wer sich mit dem Thema in Bezug auf die Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzt, stößt unweigerlich auf die Rote Armee Fraktion und ähnliche Organisationen, deren Mitglieder, so sie denn in Gefangenschaft gerieten, gleich einer ganzen Reihe von Sonderhaftbedingungen unterworfen waren. Nun liegt es in der Natur einer Gruppierung wie der RAF, eben diese Haftbedingungen propagandistisch auszunutzen, und so war schnell nicht nur von „Isolationsfolter“ sondern auch von „Vernichtungshaft“ die Rede. Wenn allerdings Verantwortliche für die damalige Situation der Inhaftierten, wie der ehemalige Justizminister Vogel heute davon sprechen, dass es Isolationshaft im Zusammenhang mit der RAF nie gegeben hätte, scheint auch diese Aussage nicht minder weit von der Realität entfernt. Zumindest den RAF-Mitgliedern Astrid Proll und Ulrike Meinhof müssen entsprechende Erfahrungen attestiert werden. Beide saßen in den Jahren 1971 – 73 nacheinander im so genannten „Toten Trakt“ der Vollzugsanstalt Köln-Ossendorf, die eine sechs, die andere neun Monate. Toter Trakt deshalb, da alle anderen Zellen des vom Hauptgebäude abgetrennten Hauses leer standen. Die Zelle selbst war komplett weiß gestrichen und verfügte über ein Fenster, das sich erst gar nicht, später nur einen Spaltbreit öffnen ließ. Das Neonlicht brannte rund um die Uhr. Als Astrid Proll, die im Juni 72 zwischenzeitlich in den Männertrakt der Anstalt verlegt worden war, beim Prozess gegen Horst Mahler aussagen sollte, wurde sie aus gesundheitlichen Gründen für verhandlungsunfähig erklärt, später dann wegen Haftunfähigkeit vorerst entlassen.
Nach der faktischen Auflösung der RAF und dem Ende der zum Teil mit äußerster Heftigkeit geführten Debatten um die Haftbedingungen der ersten und zweiten Generation ihrer Kader, scheint das Thema aus der öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend verschwunden. Dabei spielt Isolation, wenn auch sicher nicht in der damaligen Ausprägung, nach wie vor eine Rolle im hiesigen Vollzugssystem. Nach einer Inspektionsreise durch verschiedene deutsche Haftanstalten im April 1996 kam das Anti-Folter-Komitee des Europarates zu dem Schluss, dass die bis zu mehreren Jahren dauernde Isolierung von Häftlingen „unter bestimmten Umständen“ eine „inhumane und entwürdigende Behandlung“ darstelle. Insbesondere in einem Gefängnis in Mecklenburg-Vorpommern würde die Isolationshaft nicht aus Sicherheitsgründen verhängt, sondern als Strafe. Neun Jahre später erhob dasselbe Komitee schwere Vorwürfe gegen die Untersuchungshaftanstalt Hamburg. Die dort einsitzenden Abschiebhäftlinge würden zu zweit oder allein 23 Stunden am Tag weggeschlossen, ohne dabei über Fernseher oder Lektüre zu verfügen. Im Jahr 2008 beklagte das Komitee für Bürgerrechte und Demokratie, dass auch viele andere Gefangene 23 Stunden am Tag vor sich hindämmern würden. Nebenher wurde die faktische Rechtlosigkeit der Häftlinge thematisiert. Selbst wenn die Insassen bessere Haftbedingungen einklagten, gäbe es „keine Möglichkeit, die Gerichtsbeschlüsse zum Beispiel mit Zwangsgeldern durchzusetzen.“ Dieses Mittel sei vom Gesetzgeber einfach nicht vorgesehen. Auch im Hier und Jetzt gilt also: Die Würde des Menschen ist antastbar.
(Jan Off)

Cosma Shiva Hagen berichtete in der letzten Ausgabe über eine Reise nach Afrika, über Fairtrade und Social-Clothing und darüber, wie in Burkina Faso die Sonne aufgeht. In der u.a. von ihr betriebenen, neuen Sichtbar in Hamburg geht Cosma diesen Weg unbeirrt weiter und präsentiert unter dem Thema „African Souls & Fairtrade Fashion“ Fotografien von Santiago Engellhardt und Thomas Eigel. Ein paar eigene Schnappschüsse hat sie auch noch unter die Exponate geschmuggelt. ![]()
05.05. – 12.06.
Hamburg, Sichtbar
Fischmarkt 5–9
tägl. (außer Montags) von 12 – 22h

Die „schönste Frau Deutschlands“ macht sich auf den Weg in eines der ärmsten Länder Welt, um ihrer Verantwortung für den Schwarzen Kontinent gerecht zu werden und die Medien interessiert es nicht. Cosma Shiva Hagen schreibt über Fairtrade, ihre Rolle als „Baumwoll-Patin“ und die moralische Pflicht der westlichen Verbraucher. ![]()
Am frühen Morgen des 28. November 2008 klingelt mein Wecker. Es ist vier Uhr in der Früh, und ich mache mich noch im Dunklen auf die Suche nach meinen Sieben Sachen für eine 5-tägige Reise nach Afrika. Mit einem circa 10-köpfigen Team und im Auftrag von „Fairtrade Deutschland“ machen wir uns auf den Weg in eines der rohstoffreichsten und dennoch ärmsten Länder der Welt. Am Flughafen werde ich bereits erwartet. Wohingegen ich noch nicht so richtig weiß, was mich erwartet. Aber ich weiß zumindest, mit welchem Auftrag wir uns auf diese Reise machen. Wir, das sind ein Kamerateam aus Hamburg, ein Fotograf aus Berlin, Dieter Overath, der Direktor von Fairtrade Deutschland mit zwei seiner Mitarbeiterinnen und ich.
Als ich Anfang des Jahres darum gebeten wurde, dieses Projekt zu unterstützen, hieß es, dass wir Ende des Jahres in Burkina Faso eine Dokumentation drehen würden, um die Werbetrommel für fair gehandelte, biologisch angebaute Baumwolle zu rühren. Mit einer kleinen Prise Idealismus, gutem Willen und Neugier im Gepäck werden wir auf den Spuren des weißen Goldes wandern. Das Ziel: Die Themen fairer Handel, Nachhaltigkeit und Umweltschutz ein paar Rangplätze auf der Agenda der Menschen in Europa nach oben schieben. Aber ob es überhaupt etwas an der Denke der Menschen ändern wird?
Ich stelle mich ein auf eine angekündigte Armee von Journalisten, aber wie sich herausstellt, hat in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und Obama-Mania keiner so recht Zeit oder Interesse an diesem Thema. Die schnelle Nachricht ist dieser Tage mehr wert, als ethische Fragen. Afrika scheint, durch die andersartige Mentalität, die vielen Bürgerkriege, die Korruption, die immer wiederkehrenden Probleme und der daraus resultierenden Ohnmacht immer wieder gerne vergessen und aus den Köpfen der Europäer verdrängt zu werden. Zwei Journalisten aus Frankfurt und Österreich begleiten uns immerhin doch noch.
Nach einem langen Flug und einer kurzen Fahrt durch die Dunkelheit kommen wir im Hotel an. Aber: Wie Sie sehen, sehen Sie nichts! Es ist stockfinster und im Hotel ist der Strom ausgefallen. Willkommen in Afrika! Wir checken alle ein und ich stelle fest, dass ein Handy ohne Netzempfang trotzdem sehr nützlich sein kann. Auf der Suche nach meinem Zimmer stolpere ich mit dem dürftigen Licht des Mobiltelefons durch den Hotelflur an sämtlichen Zahlen vorbei, blicke voller Vorfreude einer ereignisreichen Woche entgegen und wünsche mir zeitgleich für die nächsten Tage, dass wenigstens ein anderes Licht im Dunkeln zum Vorschein kommen möge, und wir einiges über dieses Land und seine Menschen in Erfahrung bringen können.
Nach meiner ersten Nacht in der Hauptstadt Ouagadougou werde ich von den ersten Sonnenstrahlen des Tages geweckt. Die ehemalige französische Kolonie Westafrikas kam erst Mitte der achtziger Jahre zu seiner heutigen Bezeichnung Burkina Faso – „Land der ehrenwerten Menschen“. Ehrenwerte Ziele verfolgte auch der damalige sozialistische Revolutionär Thomas Sankara, dessen Politik auf den Kampf gegen Hunger und Korruption ausgerichtet war. In Anlehnung an kubanische und andere Revolutionen setzte er in seiner Regierungszeit beachtliche Zeichen. Minister wurden dazu verpflichtet, den Fuhrpark ihrer Ministerien zu verkaufen und durch einen Renault 5 –die billigste Variante Auto zu jener Zeit – zu ersetzen. Er verbot die Beschneidung von Frauen und seine Leibwache war ebenfalls eine nur von Frauen zusammengesetzte Einheit auf Motorrädern. In seiner Regierungsmannschaft befanden sich so viele Frauen, wie nie zuvor in einem afrikanischen Staat.
Und auch heute noch weht jener Geist der Toleranz durch das Land. Denn trotz der vielen verschieden ausgeübten Religionen kommt es im alltäglichen Leben scheinbar zu keinen nennenswerten Problemen, was der hohen religiösen Toleranz der Burkiner zugeschrieben wird. Später auf dieser Reise wird man mir erzählen, dass man zwar Witze über den anderen macht, sich danach aber wieder die Hände reicht. Welch schönes Alleinstellungsmerkmal in einer Region voller Konflikte.
In der Stadt reiht sich ein Verkaufstand an den anderen. Es werden so viele Dinge angeboten, die hier zu Lande wahrscheinlich kein Mensch braucht, zumindest nicht in dieser Menge, und es stellt sich die Frage, wer zum Teufel diesen ganzen Kram kaufen soll. Wir sind hier nicht gerade in einem afrikanischen Urlaubsgebiet gelandet, wo Touristen sich allerhand Schnickschnack mit nach Hause nehmen. Man wird dazu überredet, irgendetwas zu kaufen, ob man es braucht oder nicht. Ein Straßenverkäufer wird mit einer beneidenswerten Phantasie Gründe erfinden, warum sein „Kunde“ dringend und unbedingt etwas bei ihm kaufen muss. Einer unserer Kameramänner wird später mit Übergepäck zurückreisen…
Es ist heiß in Ouagadougou und die Luft ist trocken und staubig. Eine unangenehme Duftwolke aus verfaultem Müll, Smog und etwas Undefinierbarem breitet sich über der Stadt aus. Wir bekommen davon zum Glück wenig mit und machen uns stattdessen in einem klimatisierten Geländewagen im Konvoi mit Fahrern und Übersetzern in die Region Dano. Wir fahren nicht gerade langsam, dennoch werden wir von einem Bus überholt, an dem circa 50 lebendige Hühner kopfüber hängen, und ich kann es mir kaum verkneifen, zu denken: Ist das eigentlich artgerecht oder ist Käfighaltung Luxus dagegen? Der nächste Bus, der uns überholt, trägt auf dem Dach drei Ziegen, die auf unerklärliche Weise ihr Gleichgewicht zu halten scheinen. Der dritte Bus überholt uns derartig grotesk mit Mensch und Zeug überladen, dass man sich fragt, wie es sein kann, dass er unbeeindruckt weiter fährt, anstatt einfach mal zur Seite umzukippen. Da fällt mir ein Satz ein, den ein alter Freund aus dem Senegal zu solchen Gelegenheiten immer anbrachte: „Who the fuck said, we can´t?“ und Obama würde hinzufügen „Yes, we can!“
In Burkina Faso fahren wir alle fünf Minuten an einem Baumwollfeld vorbei. Unser Ziel ist das Dorf Complan, in dem viele Bauern sich vor einigen Jahren zu Kooperativen zusammengeschlossen haben, um für Fairtrade große Mengen Bio-Baumwolle anzubauen. Nach einigen Stunden Fahrt kommen wir im Dorf an und werden mit einer poetischen Rede vom Dorfältesten begrüßt. Dieter Overath revanchiert sich und hält in unser aller Namen ebenfalls eine kurze Rede. „For us, coming here is like coming to see friends“. Was sich kitschig anhört, fühlt sich aber tatsächlich so an und da das restliche Team hier schon einmal gedreht hat, ist es auch Realität. Wir bauen eine Leinwand auf, um allen das gedrehte Material vom letzten Besuch zu zeigen. Es wird uns eine Schüssel mit selbst gemachtem Hirsebier – Zorgun – gereicht. „L´éau pour l´étranger“ – „Wasser für die Fremden“. Während die Männer und Frauen tanzen und singen, versuchen wir, unsere Technik aufzubauen. Ein wahrhaft symbolisches Bild für die Welten, die hier aufeinander knallen. Die Herzlichkeit, mit der wir hier begrüßt werden, ist typisch für Afrika. Diese scheinbare Sorglosigkeit und Lebensfreude der Menschen ist unvergleichbar. Wäre es denkbar, dass wir für einen Moment einfach mal den Dreh vergessen und auch singen und tanzen? Wann haben wir verlernt, auch mal für Dinge dankbar zu sein und inne zu halten? Die Menschen hier haben weitaus weniger Möglichkeiten und strahlen dennoch mehr Herzenswärme aus, als die Mehrheit der Menschen, die mir in Europa in den Straßen entgegenlaufen. Die unerschütterliche Zuversicht der Menschen hier muss man aber wahrscheinlich auch als einen Schutzmechanismus sehen. Optimismus als Überlebensstrategie.
Nachdem wir den Film vorgeführt haben, setzen wir uns alle in eine Reihe vor eine liebevoll gedeckte Bank, die mit allen Rohstoffen, die hier geerntet werden, geschmückt wurde. Mais, Erdnüsse, Sesam, Hibiskus, Hirse, Shea Butter, Reis und vor allem Baumwolle. Der Chef der Bauern-Kooperative will Rede und Antwort zu Zahlen und Fakten stehen. Als Erstes begrüßt er alle seine Arbeiter, die ebenfalls gekommen sind, mit dem Satz „Danke an alle meine Sklaven“. Großes Gelächter breitet sich aus und ich kann mir einen leicht verwirrten und nachdenklichen Moment kaum verkneifen.
Es hat Jahrhunderte gedauert, bis aus den Samenhaaren der Malvenpflanze das global begehrte „weiße Gold“ wurde. Bis ins 20. Jahrhundert war Baumwolle das wichtigste Exportgut der US-Südstaaten. Dort hatten Plantagenbesitzer im 19. Jahrhundert ihr Geschäft auf dem menschenverachtenden Einsatz afrikanischer Sklaven errichtet. 1860 gab es in den Konföderierten Staaten 3,5 Millionen Sklaven unter den insgesamt 9,1 Millionen Bewohnern. Die Baumwollpflücker wurden körperlich ausgebeutet und seelisch misshandelt. Hunderttausende starben in Folge der Sklaverei.
Heute schreiben wir das Jahr 2009. Was hat sich seither geändert? Seit Jahrhunderten werden die rohstoffreichsten und dennoch ärmsten Länder der Welt ausgebeutet. Und das für Produkte des täglichen Gebrauchs: Kaffee, Wolle und so weiter. Klingt wie ein Widerspruch, ist aber Realität. Woran liegt das? Ignoranz? Gleichgültigkeit? Unwissenheit?
Wenn die Menschen sich darüber im Klaren wären, wie sie mit ihrem Konsumverhalten zur allgemeinen Wirtschaftslage beitragen, würden sie sich dann auch dementsprechend verhalten? Wenn eine Familie mit vielen Kindern von Hartz IV lebt, würde sie trotzdem Sachen kaufen, die womöglich durch Kinderarbeit entstanden sind, nur um Geld zu sparen? Oder würden sie sich eher für Tauschbörsen wie Oxfam interessieren, wenn sie in diesem Gebiet mehr Aufklärung erfahren würden?
Ich bin ja selbst nicht ganz frei davon, und es ist schlicht nicht angemessen zu erwarten, dass sich jeder einzelne Konsument in den westlichen Industrienationen Tag für Tag darüber Gedanken macht, was er getrost kaufen darf, wo es herkommt, wie viel Benzin oder Energie er verbraucht hat und wie viel Wasser man hätte sparen können. Und ich glaube, das ist in unserer heutigen Gesellschaft auch fast nicht mehr zu ändern. Zumindest nicht, solange größere Firmen weiterhin so beliebt bleiben, wenn sie sich nicht für fairen Handel entscheiden und mit gutem Beispiel voran gehen. Da kommen wieder die Konsumenten ins Spiel, wobei ich mir denke, dass es den Kids wahrscheinlich egal ist, ob ihre Turnschuhe durch Kinderarbeit entstanden sind oder nicht. Den meisten reichen Hausfrauen ist es wahrscheinlich auch egal, wie sie in ihren Luxusschlitten zur Umweltverschmutzung beitragen, während sie samstags die Biokost fürs Baby kaufen fahren. Die Menschen in der Dritten Welt müssen unseren Lebensstandard ausbaden, wenn durch die Umweltverschmutzung Flutwellen ihr Land und ihre abertausenden Wellblechhütten umkreisen. Und das in Gebieten, wo man schon so ärmlich lebt, dass man weiß Gott andere Sorgen hat.
Es ist es höchste Zeit, dass wir zumindest ein Verantwortungsgefühl entwickeln, das in dieser Hinsicht einen gewissen Ausgleich und eine Balance schafft zwischen unbewusstem Konsum und gezielter Nachhaltigkeit.
Fairtrade setzt hier an einem Punkt an, der zukunftsweisend ist. Wobei man eines ganz klar verstehen muss: Fairtrade ist nicht gleich Bio und Bio ist nicht gleich Fairtrade. Das wird oft falsch verstanden. Was nutzt mir eine Bio-Banane, wenn sie durch Zwangsarbeit und ungerechte Subventionen bei mir auf dem Teller gelandet ist und der Bauer, der sie gepflückt hat, keinen Cent dafür erhalten und seine Gesundheit durch die Pestizide beim konventionellen Anbau eingebüßt hat? Beim biologischen Anbau geht es bei den meisten doch nur darum, ihre individuelle Lebensqualität zu verbessern und gewiss nicht darum, fairen Handel und Umweltschutz zu unterstützen.
Fairtrade bemüht sich, den vielen Bauern zu ermöglichen, vom konventionellen Anbau auf Bio-Anbau umzustellen. Die Umstrukturierung ist eine schwierige und langwierige Arbeit, denn es dauert etwa vier Jahre, bis die Pestizide nicht mehr im Boden nachweisbar sind. Trotzdem nehmen dies immer mehr Bauern in Kauf, weil sie mittel- und langfristig davon nur Vorteile haben. Das mit dem Bioanbau hat sich herumgesprochen und es finden sich immer mehr Bauern in Fairtrade-Kooperativen zusammen. In diesem Projekt werden die Bauern durch Fachleute im biologischen Anbau geschult. Ihre Einnahmen und eine Prämie für die gemeinschaftliche Infrastruktur sind garantiert. Ihre Gesundheit wird nicht mehr in Mitleidenschaft gezogen, wodurch sich vor allem für Frauen ganz neue Möglichkeiten bieten. Die Fruchtbarkeit der Frau hat hierzulande einen besonders hohen Stellenwert und so war es den meisten Frauen nicht erlaubt, auf den Feldern zu arbeiten – die Pestizide stellten ein zu hohes Risiko für Fehlgeburten da. Auch allein erziehende Frauen haben nun endlich die Chance, ihre Zukunft besser zu gestalten. Bisher kann nur ein Bruchteil der afrikanischen Baumwollproduzenten am fairen Handel teilhaben. Ziel muss es sein, den Millionen Bauern und Bäuerinnen zu ermöglichen, von ihrer Arbeit leben zu können.
Am zweiten Tag meiner Reise werde ich auf ein Baumwollfeld geführt, wo gerade geerntet wird. Lachend und singend zeigen mir die Frauen, wie ich die Wolle pflücken soll und machen mich charmant darauf aufmerksam, dass ich eine Ecke vergessen habe. Ich sehe eine 20-jährige Frau, die ein Baby auf den Rücken geschnürt trägt und dazu an beiden Händen jeweils ein Kind hat, auf das sie noch zusätzlich aufpassen muss, während sie die Baumwolle erntet. Ich frage mich, wo ihre Baumwolle landet. Sie landet dort, wo andere Mädchen ihres Alters das größte Problem darin sehen, dass sie nicht genauso viele trendige Accessoires besitzen, wie ihre Vorbilder in den Gazetten der Yellow Press.
Als ich vor circa acht Jahren vom UNHCR gefragt wurde, ob ich als Botschafterin nach Sierra Leone reisen würde, um Schulen für ehemalige Kindersoldaten zu bauen und Spendenaufrufe zu drehen, wusste ich noch nicht, dass dies mein ganzes weiteres Leben verändern würde. Ich bin durch die Punkzeit meiner Mutter geprägt und auch durch die Erfahrungen, die ich in der Gesellschaft sozial-kritischer und politischer Menschen verbringen durfte. Durch meine Erziehung war ich mir also dessen bewusst, was auf der Welt so los ist. Und dennoch hatte ich nie einen richtigen Bezug dazu. Ich habe nicht hundertprozentig danach gelebt, weil ich es nicht hundertprozentig gefühlt habe. Ich bin hierher gefahren, weil es für mich einfacher ist, Menschen von einer Idee zu überzeugen, wenn ich mich selbst davon überzeugt habe. Wenn ich vor Ort die Menschen kennengelernt habe, die direkt von der Problematik betroffen sind, kann ich es dadurch zwar nicht ganz nachempfinden, weil ich nur die Oberfläche mitbekomme. Aber es gibt mir zumindest eine Ahnung von dem, was die Menschen durchmachen und es ist im Nachhinein so, als würde ich Bekannten oder Freunden helfen. Deshalb kann ich es gewissen Politikern und Wirtschaftslenkern nicht einmal übelnehmen, dass sie sich nicht vollständig verantwortlich fühlen für diese Themen. Aber wie können wir das ändern?
Statt Big Brother und Dschungelcamp, womit sich anscheinend die halbe Nation beschäftigt, könnte man doch auch mal ein TV-Format ins Auge fassen, in dem Menschen, die in dieser Hinsicht etwas bewegen könnten, ausgesetzt werden und hier irgendwie klarkommen müssen. Soll Paris Hilton doch im afrikanischen Bürgerkrieg ihren best friend forever finden.
Die Baumwolle ist ein Symbol großer Hoffnung für den afrikanischen Kontinent. Gleichzeitig aber auch ein politisches Konfliktfeld. Da die Baumwolle auch heute noch eine der wichtigsten Naturfasern ist und allein mit der Produktion, dem Transport und der Lagerung weltweit rund 350 Millionen Menschen beschäftigt sind, ist sie mittlerweile sogar an der New Yorker Terminbörse ein begehrtes Spekulationsobjekt. Somit schwanken aber auch die Preise am Weltmarkt. Die Verhandlungen der Welthandelsorganisation lassen noch immer kein positives Signal erkennen. Dabei spielt die Baumwolle gerade für Westafrikanische Länder wie Burkina Faso eine große Rolle im Kampf gegen Armut.
Die Sonne geht unter in Burkina Faso. Mir wurde erzählt, dass das Jahr 2007 eine sehr karge Ernte brachte. Der Regen fiel unregelmäßig, überschwemmte das Saatgut, in der Folge kam es zu Hungerrevolten. 2008 hingegen gab es eine hervorragende Ernte und die Lage hat sich entspannt. Dementsprechend grün ist es hier während unserer Reise. Grün wie die Hoffnung! Somit verlasse ich Burkina Faso mit einem hoffnungsvollen Gefühl und Wachstum ist das, was ich diesem Land wünsche, während ich vom Flugzeugfenster auf Burkina herunter schaue.
Oftmals scheitert die sogenannte Hilfe zur Selbsthilfe an der einfachen Frage, wo man gezielt ansetzen kann. In dieser Hinsicht ist die Fairtrade-Idee fast so revolutionär wie die damalige Politik von Thomas Sankara. Und dennoch so einfach und logisch, dass es einem unbegreiflich ist, warum es für fair gehandelte Rohstoffe noch immer keine international gültigen Gesetze gibt, die Kinderarbeit, ungerechte Subventionen und Ausbeutung verhindern.
1987, eine Woche vor der Ermordung Thomas Sankaras durch einen Putsch des Militärs, zitierte er in einer Rede zum Gedenken Che Guevaras den Satz eines Offiziers bei der kubanischen Revolution: „Nicht schießen – Ideen lassen sich nicht töten!“
(Cosma Shiva Hagen)


Die Texthölle: Geschichten unserer Autoren über alles was wichtig und richtig, schön und hässlich, gut und schlecht ist. ![]()

Der BLANK-Blick auf die Welt von An-, Aus- und Umziehen. Oder Verkleiden. ![]()

Eine Kolumne von Roman Libbertz. ![]()

Die etwas andere Kolumne von Nilz Bokelberg. ![]()

Blau ist das neue Grün oder zumindest das neue Gelb. Auf jeden Fall ist blau meer. ![]()

Der Begriff vom „Herrenpils“" ist dabei sich aus unserem Bewußtsein zu verabschieden. Nicht ohne Grund, denn auch Bier orientiert sich am Zeitgeist und da ist eine neue Männlichkeit einfach mehr gefragt als Herrenhaftigkeit. ![]()

Sommer, Sonne, Sonnenschein. Zeig Haut, Baby! Wir verlosen diesen Bikini von BENCH 3 mal, in den Größen S, M und L, also eigentlich für jeden, der am Strand, im DC10, beim Beachvolleyball oder beim Open-Air-Rave glänzen möchte. ![]()

Seit 1935 sind die von John Sperry designten Schuhe von den Booten dieser Welt nicht mehr wegzudenken. Doch mittlerweile sind diese Schuhe nicht mehr nur auf dem Wasser zu finden, heute trägt man Schuhe von Sperry Top Sider auch auf der Straße.![]()
Danke! Deine Nachricht wurde gesendet.