Jan Off, BLANK-Autor und Bachmannpreisträger der Herzen, zieht es mal wieder auf die Bretter die die Welt bedeuten. Zuletzt veröffentlichte er den gesellschaftskritischen Sex-Schmöker „Unzucht“, doch live geht es natürlich auch um die banalen Dinge des Lebens, die Laster, die Arschgeigen und das ganz große Glück.
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Termine:
19.01.10 DORTMUND, FZW
29.01.10 RAVENSBURG, Balthes
06.02.10 BIELEFELD, Bunker Ulmenwall
Teresa Bücker über Andreskys „Vögelfrei“ und "Unzucht" von Jan Off

Die/das Testcard ist so etwas wie das Jahresbuch einer Nischen-Diskurs-Kultur, die es sich im Pop, oder dem was dazu gemacht wurde, zwischen Rezeption und Affirmation gemütlich gemacht hat und, glaubt man der Selbstauskunft, „auf den reaktionären Wandel unserer Gesellschaft reagiert – polemisch, analytisch, kämpferisch, aber nicht resigniert.“ Das klingt doch erst mal toll. ![]()
Also weiter geht’s mit der Auskunft über mögliche Motive: „1968 ist dieses Jahr in aller Munde. Aber wie steht es mit unserer gegenwärtigen Gesellschaft? Nahezu alle im Zuge von 1968 erkämpften Errungenschaften werden derzeit wieder schrittweise abgeschafft. testcard #18 wirft einen kritischen Blick auf den reaktionären Backlash, den die westlichen Gesellschaften in den letzten Jahren erfahren haben. Dies betrifft die Renaissance von Religionen aller Art, spirituelle und irrationale Lebensmodelle, die erstarkte Bedeutung der Kleinfamilie und von traditionellen Geschlechterrollen, Neoromantik und Eskapismus in der Kunst und Musik und den Abbau von Bürgerrechten.“
Das erinnert mich ein wenig an Tom Buhrow, der am Donnerstag, den 30. Juli, exakt um 22:41 Uhr, in den Tagesthemen erklärte, was ‚Kulturelle Prägung’ sei. Nämlich dass er, auf der Wiese des legendären Woodstock-Festivals stehend, seinen Kindern dieses historisch große Ereignis näher bringen möchte und neben ihm ein Italiener steht, mitsamt Kindern, und dieser Italiener genau das Gleiche macht. Also seinen Kindern, so wie Tom Buhrow, von Woodstock erzählt. Setzen wir mal voraus, dass Buhrow des Italienischen ausreichend mächtig ist um sagen zu können, welche Aspekte dieser kulturellen Prägung der Italiener seinen Bambinis weitergab. Vielleicht hat das vermeintliche italienische Pendant diesen Besuch aber auch zum Anlass genommen eine Mahnung auszusprechen, seine Kinder zu warnen und ihnen die Möglichkeit zur kritischen Reflexion zu geben. Alles besser als das sture Werteverwalten, das mittlerweile auch in der ach so kritischen deutschen pop-affinen Linken gang und gäbe ist. Man schreckt da auch vor nichts mehr zurück. So beschäftigt sich Martin Büsser, vielleicht auch, um auf eine im Ventil Verlag erschienene, weiterführende Buchpublikation zum Thema hinzuweisen, mit der Jugendkultur der „Emos“ zum Inhalt, die dann für alles herhalten müssen, was die angestaubte Poptheorie hergibt.
Von der vermeintlichen und vermuteten Verwischung der Geschlechter, dem Tragen und Verwenden von Symbolik aus Punk, Gothic- oder Skaterkultur bis zum latenten Schwulenhass und der Ablehnung der Anderen, sowie musiktheoretischer Herleitung eines sich über Musik hinaus definierenden Phänomens. Bei Letzterem wird die Arroganz deutlich, mit der hier die eigene Positionierung im Zitat- und Referenzkosmos verfestigt werden soll. Als ob die junge Emo-Teenager-Kultur, egal ob Europa, Amerika oder Asien, tatsächlich auch nur irgendwas mit 80er Jahre DIY-Hardcore aus Washington oder ‚Emocore’ á la Samiam zu tun hat oder haben möchte. Doch irrsinnigerweise müssen Fugazi als Vertreter dieser Kultur auch noch in einer Filmbesprechung zum 2007-Film „Ex-Drummer“ als vergleichende Ursuppe herhalten. Das wird dann ein bisschen absurd und man merkt dieser Filmkritik den Realitätsverlust deutlich an. Wahrscheinlich geht es einfach nur um die Angst, Deutungshoheiten zu verlieren und die Welt nicht mehr so erklären zu können, dass die, die es schon immer gemacht haben, sich auch nach wie vor auf die Schulter klopfen. So wird das nichts mit dem gesellschaftlichen Wandel zum Guten.
(Elmar Bracht)

Die Tiefe, der Schmerz, die Gegengewalt, den Alltag, das Lachen, den
Stumpfsinn, die Freude, ein kühles Bier: Am Tag vor Heilig Abend gibt es all
das in den Waggons am Nordbahnhof Stuttgart. Denn dann lesen neben
Death-Metal-Drummer Legende Martin Rühling und der Gehirnschnecke auch die
beiden BLANK-Autoren Boris Guschlbauer und Stefan Kalbers. Musik kommt von
Tim Boo Ba und Frank The Tank & Maitre.
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Termin
23.12. Lesung u.a. mit Boris Guschlbauer und Stefan Kalbers, Waggons am Nordbhf., Stuttgart, 2100h

Zum ersten Mal hörte ich von Michael Obert auf der Fähre von Odessa nach Istanbul. Mein damaliger Reisebegleiter wollte mich mit Michael Oberts Worten aus dem Buch „Regenzauber“ von den Qualen der Seekrankheit ablenken, was leider nur teilweise gelang. Wieder mit festem Boden unter den Füßen recherchierte ich und stieß auf einen Reiseschriftsteller, der keine Ängste zu kennen scheint, der in Ländern wie Afghanistan oder Sierra Leone unterwegs ist, also in Ländern, die der Normalbürger eigentlich nur aus Berichten der Tagesschau kennt. Und da die Veröffentlichung von Michael Oberts bereits fünften Buch „Chatwins Guru und ich“ kurz bevor steht, musste ich ihn einfach kontaktieren. Eine rasche Antwort kam natürlich nicht aus heimischen Gefilden, sondern aus dem Süden des Sudan, in dem Michael Obert zum ersten Mal seit Wochen endlich wieder Internetzugang hatte. Zurück in seiner Wahlheimat Berlin, stellte ich Obert ein paar Fragen. ![]()
Blank: Herr Obert, Sie sind gerade von einer Reise aus dem Sudan zurück. Was war der Grund dieser Reise?
MO: Eine Reportage, die eben im Greenpeace Magazin erschienen ist. Nord- und Südsudan haben zwei Jahrzehnte lang Krieg gegeneinander geführt. Zwei Millionen Menschen starben, doppelt so viele wurden vertrieben. Seit 2005 gibt es im Sudan ein Friedensabkommen. Ich wollte herausfinden, wie groß die Chancen sind, dass dieser Frieden hält.
Blank: Und, hält er?
MO: Er wackelt. Die Volksgruppen bekämpfen sich, überall Waffen, Viehdiebstähle, Raubüberfälle. Es gibt wieder viele Tote. Sudan blickt einer finsteren Zukunft entgegen.
Blank: Sie leben in Berlin. Auf was freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach einer langen Reise nach Hause kommen?
MO: Auf meine Freunde. Feiern, tanzen, nach Hause gehen, wenn die Vögel zwitschern. Dem einen Extrem ein anderes entgegensetzen, ein ziemlich schizophrenes Leben, das ich da führe. Ich kann mir kein besseres vorstellen.
Blank: Sie sind oft in Ländern unterwegs, in welchen Krieg herrscht oder herrschte, in welchen Terroranschläge die Medien bestimmen und die viele deshalb nur aus dem Fernsehen kennen. Haben Sie keine Angst, diese Länder zu bereisen? Und wenn ja, wie gehen Sie mit diesen Ängsten um?
MO: Die Angst hält einen lebendig. Denken Sie nur an die Antilope. Wenn sie im richtigen Moment losrennt, hat sie eine Chance gegen die Löwen.
Blank: Sind Sie oft gerannt?
MO: Natürlich gab es solche Momente. In Nigeria war ich Zeuge einer barbarischen Hinrichtung. Direkt vor mir wurde ein Mann auf offener Straße enthauptet. Sein Kopf rollte vor meine Füße. Was in einem solchen Moment in einem vorgeht? Man ist wie versteinert, die Gedanken setzen aus. Wenn sie wieder einsetzen, erbricht man sich. Im Vordergrund stehen für mich aber immer die Menschen. In den Nachrichten aus Krisengebieten ist immer nur von Bomben, Terror, Chaos die Rede. Man könnte fast vergessen, dass dort auch ganz normale Leute leben: Väter, Mütter, Geschwister, Bäcker, Lehrer, Fischer und Bauern. Menschen mit ihren Problemen, sicher, aber eben auch mit ihren Freuden und Hoffnungen. Menschen wie wir. Über diese Menschen schreibe ich. Zum Beispiel über den Lehrer im Sudan. Ich traf ihn auf einer Fähre über den Nil, den afrikanischen Lebensstrom. Um uns drängten sich Hirten und Händler, Karren, Schafe und Ziegen und Kamele. Die bunten Kopftücher von Frauen mit Gesichtstätowierungen wehten im Wind. Der Lehrer ließ geröstete Pinienkerne in meine Hand rieseln, dann bat er mich, meinen Leuten daheim – also Ihnen – zu sagen, dass die Sudanesen keine Terroristen sind.
Blank: Ein Mensch, der immer unterwegs ist – ob in fernen Ländern oder auf Lesetour – gibt es für ihn so etwas wie einen Ruhepol, oder gar Stillstand? Können Sie mit Stillstand umgehen?
MO: Wenn ich mir vorzustellen versuche, was das Wort „Stillstand“ bedeutet, wird es dunkel um mich. Eine echt klaustrophobische Finsternis. Wie im Sarg. Unter der Erde. Wenn wir erst dort drunten sind, haben wir noch alle Zeit der Welt, um Stillstand in Reinform zu erleben. Ruhe? Ja, das ist etwas anderes. Das Gefühl von Ruhe durchströmt mich im Zug, im Bus, auf einem Schiff, unterwegs – irgendwohin.
Blank: Der Schriftsteller Paul Bowles meinte einst, dass seine größten Feinde seine Füße sind und musste deshalb immer weiter, bis er sich schlussendlich in Tanger sesshaft machte. Haben Sie einen ähnlichen Drang in sich und was wäre ein Ort, an dem Sie sich mit einem geregelten Leben für länger niederlassen würden?
MO: Es gibt Leute, die behaupten, Bowles sei wegen der Drogen in Tanger hängen geblieben. Damals in den Sechzigern gab es dort echt würzige Joints. Fast umsonst. Vielleicht hat ihm der Stoff die Füße einfach weggerissen. Wer weiß? Mein Ort ist Berlin. Diese Stadt wirkt auch wie eine Droge. Berlin ist ein Trip, ein andauerndes Delirium. Das gefällt mir. Seit ich hier wohne, seit fast sieben Jahren, komme ich gern von unterwegs zurück.
Blank: Auf Ihren Reisen begegnen Sie oft immenser Armut. Wie ist es als vermeintlich reicher Westler solcher Not zu begegnen? Gibt es dabei ein Gefühl von Ohnmacht und wie gehen Sie damit um?
MO: Wenn von der Armut in der sogenannten Dritten Welt die Rede ist, geht es meist um materielle Armut. Die gibt es, klar. Mit meinen Texten versuche ich etwas dagegen zu tun. Aber dabei vergesse ich nie den Reichtum, der mir unterwegs tagtäglich begegnet. Menschlicher Reichtum. Auf unserem Weg in die Hyperkonsumgesellschaft ist einiges auf der Strecke geblieben. Die „Armen“ besitzen Schätze, die wir uns mit unseren Euros nicht kaufen können: gegenseitiges Kümmern, Teilen, einen würdevollen zwischenmenschlichen Umgang, die fast körperliche Erfahrung vom Verstreichen der Zeit.
Blank: Sie haben einst Betriebswirtschaft studiert und in Paris gearbeitet. Was war der Auslöser zu sagen, ich verlasse das gesicherte Terrain und werfe mich in das abenteuerliche Leben eines Reiseschriftstellers?
MO: Damals war ich Mitte zwanzig, verdiente in Paris ein maßlos überzogenes Gehalt und sah einer lukrativen Managementkarriere in der sogenannten „freien“ Wirtschaft entgegen. Aber mir gefiel der Job nicht, dieses ganze Konzern- und Büroleben... grauenhaft. Ich setzte mich an meine Schreibmaschine und tippte die Kündigung. Ein Gewicht fiel von mir ab. Ich packte meinen Rucksack, flog nach Guatemala und ahnte nicht, dass meine Reise zwei Jahre dauern, dass sie mich kreuz und quer durch Mittel- und Südamerika bis hinunter nach Feuerland führen würde, in ein neues Leben. Wieder in Deutschland, schrieb ich meine Reisenotizen zu kleinen Aufsätzen um, versah sie mit Fotos und schickte sie an Zeitungen – so bin ich Journalist und später Buchautor geworden.
Blank: In Ihrem neuen Buch „Chatwins Guru und ich“, das eben im Malik Verlag erschienen ist, begeben Sie sich auf die Suche nach einem gewissen Patrick Leigh Fermor.
MO: Patrick Leigh Fermor ging 1933 zu Fuß von Rotterdam nach Konstantinopel. Dass ich ein Reisender wurde und anfing zu schreiben, verdanke ich seinen beiden Büchern über diese Wanderung. Ich bekam sie damals in Südamerika in die Hand, am Beginn meines neuen Lebens. Mit diesen Büchern hat alles angefangen. Und dann erfuhr ich, dass Fermor noch lebte, der älteste schreibende Vagabund der Welt, fast hundert Jahre alt. Ich machte mich Hals über Kopf auf die Suche nach ihm. Die Reise führte mich quer über den Balkan, nach Bratislava, durch Ungarn, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Mazedonien und Albanien bis auf den südlichen Peloponnes.
Blank: Und haben Sie Fermor gefunden?
MO: Ja. Nein. Vielleicht. Um nicht zu sagen: Steht alles im Buch. Viel wichtiger ist im Nachhinein, dass die Reise alle Fragen, die ich an Fermor hatte, beantwortet hat. Es war meine bisher wichtigste Passage. Als ich vom Balkan zurückkam, sah ich darin einen ganz persönlichen Schatz. Ich trug ihn fast ein Jahr mit mir herum, bis mir klar wurde, wie kostbar er auch für andere Leute sein könnte, Menschen, denen der Mut fehlt, etwas in Angriff zu nehmen, eine Last abzuwerfen, sich zu verändern, frei zu sein.
Blank: Welche Personen sehen Sie noch als Inspirationsquelle für Ihre Bücher und Reisen an?
MO: Bevor ich zu schreiben beginne, versuche ich, alle Bücher, die ich gelesen habe, zu vergessen.
Blank: Gibt es Länder, die Sie noch unbedingt bereisen und die Sie niemals bereisen wollen?
MO: Die Entscheidung, irgendwo hinzureisen findet selten rational statt. Manchmal genügt der Klang eines Namens – Timbuktu, Patagonien, Mandalay. Manchmal ist es eine Begegnung in einem anderen Land, auf einer anderen Reise… es geht immer weiter, es hört nie auf.
Blank: Gibt es ein Zitat oder eine Lebensweisheit, welches Sie für Ihr Leben beherzigen?
MO: Eine Zeile von Neil Young: Walk on, walk on.
(Boris Guschlbauer)

Neue politische Gedichte, von Tom Schulz (Hrsg.) (Rotbuch Verlag) ![]()
In seinm Vorwort „Warum politische Gedichte“ schreibt Herausgeber Tom Schulz: „Es gilt der Hauptsatz, dass alles formal wie stofflich interessant Komponierte und Wagnisbehangene dem Altbackenen, moralisch angesäuerten und politisch Korrektem vorzuziehen war. Denn die neue Qualität dieser Texte, vergleicht man sie mit Gedichten aus den 70er- und 80er-Jahren, ist ihr Hang zu komplexer Durchdringung einer mindestens parallelweltenen Wirklichkeit, der scharfgestellte entideologisierte Blick und das Vermögen zu kritischer Reflexion ohne Beschwörung einer trügerischen Hoffnung, wie sie zu Zeiten des Schwarz-Weiß aus Ost und West allzu oft schreibend praktiziert worden ist. Das Fehlen einer einfachen positiven Utopie mag im deutlichen Zeitencrash begründet liegen, der auf das Wort Zukunft keine Anagramme mehr bildet.“
Wer diese Zeilen, verstanden, überwunden und überlesen hat, kann sich anschließend an lyrischen Texten von Autoren wie Monika Rinck, Björn Kuhligk, Ron Winkler oder Daniel Falb abarbeiten. Den in dieser Anthologie versammelten Texten letztendlich etwas gemeinsames Abzuringen, erscheint dann erstens etwas überzogen und zweitens auch unwichtig, denn wie so oft bei Lyrik, kann schon ein einzelnes Wort, eine Zeile, ein Absatz oder im besten Falle ein einzelnes Gedicht für den Kauf dieser Sammlung entschädigen.
(Elmar Bracht)

Vielleicht gibt sich eine lyrische Generation doch nicht ganz zufrieden mit dem bisher geschehenen, geschriebenen, erreichten. Im Vorwort zur neuen, sich politisch gebenden Lyrik-Anthologie „Alles außer Tiernahrung“ von Herausgeber Tom Schulz heißt es: „Das Signalfeuer einer (sprach)- kritischen Dichtung leuchtet auf den Trümmern der weltkapitalistischen Apotheose. Und einer Ästhetik des Widersprechens, wie unzeitgemäß dies auch klingen mag – in einem Großteil der hier vorgestellten Gedichte kann man diese aufspüren und ihr passagenartig nachgehen.“ Auch wenn Sie nicht alle Begrifflichkeiten in diesen Zeilen kennen sollten, gehen Sie einfach mal hin. Am 24. September lesen u.a. Daniel Falb, Ron Winkler und Björn Kuhligk. Und hinterher wird es dann hoffentlich party-politisch. ![]()
Termin:
24.09. Berlin, SO36

In der August-Ausgabe können unsere Leser bereits in den ersten zwei Kapiteln von „Bitterstoffe“, dem Debut-Roman von Florian Voß schmöckern. Im September schicken wir ihn auf eine kleine Reise. In Stuttgart mit dabei: BLANK-Autor Stefan Kalbers. ![]()
Termin:
29.09. Berlin, Rodeo Club
30.09. Stuttgart, Beat!Club
01.10. München, Bar Privée

Dass Benedict Wells schreiben kann, hat Roman Libbertz ja bereits in seiner Kolumne festgestellt. Ob er nicht nur Leser sondern auch Zuhörer in seinen Bann zu ziehen vermag, kann man diesen Monat selbst heraus finden. ![]()
Termine:
13.05. Koblenz, Buchhandlung Reuffel
14.05. Nastätten, Bücherland
15.05. Pforzheim, Kulturverein Schulze e.V.
24.05. Tübingen, Tübinger Bücherfest

In der Krise haben Kinder Konjunktur, verriet Ursula von der Leyen kürzlich der Presse. Doch wo Familienpolitik noch immer keine fröhlichen demographischen Ergebnisse zeigt, suchen wir die Impulse an anderer Stelle. Die Autoren Sophie Andresky und Jan Off sind in diesem Frühjahr ausgezogen die Bücherwürmer ans Bett zu fesseln. Zeit für mehr Porno auf dem Papier. ![]()
„Gut geleckt bin ich immer nett.“ – Das ist die erste weibliche Weisheit, die Marei dem Leser ihres zügellosen Jahres präsentiert. Und ist der Fick danach Höflichkeit? So handhabt es zumindest die Protagonistin von Sophie Andreskys Roman „Vögelfrei“. Dies ist der erste kleine Hinweis darauf, dass ihr Jahr sexueller Streifzüge weniger egoistisch ist, als die subjektiven Schilderungen der Akte zwischen ihr und anderen Frauen, Fremden und Fremdgehern zunächst andeuten. Dennoch schmückt sie jeden Verkehr damit, zuerst zu kommen. Marei stellt die Regeln auf, Marei ist unerschrocken, Marei geht, wann sie will. Das begierige Publikum könnte eine wieder und weiter heraufbeschworene, notwendige sexuelle Befreiung der modernen Frau zwischen den Zeilen heraus lesen, doch auf feministische Appelle hat die versierte Sexkolumnistin bislang immer verzichtet. Möchte eine Frau ihr Schaffen damit adeln, dass ihr erotisches Schriftgut als Normalität und nicht als liebliche Abart aufgenommen wird, ist der Verzicht darauf, die Gleichberechtigung des Verlangens herauszustellen, die elegantere Spielart der Selbstvermarktung.
Frauen, die frei über Sex schreiben und reden, lösen bei Feministinnen entweder die Erkenntnis aus, dass sich mal wieder und endlich eine Autorin traut, Erotisches und Pornographisches zu formulieren, oder ein Entsetzen in der Manier Schwarzers, das abermals Gründe findet, Pornographie als etwas grundsätzlich Frauenfeindliches einzuordnen. Genau aber die erst genannte Einstellung führt dazu, dass jeder zaghaft erotische Roman von Frauen frenetisch von den Geschlechtsgenossinnen gefeiert wird. Ein Überlassen der neckischen Schreibe an die vereinzelten Vorlauten, ebnete Werken wie Charlotte Roches leicht bizarrem und weniger hold geschriebenem Buch ‚Feuchtgebiete’ den Weg zum ewigen Bestseller. Unzählige Male pinselte es den pinken Farbfleck ins Bücherregal und trieb den deutschen Feuilletonisten Angst-, Ekel- und erregten Schweiß auf die eloquente Stirn. Temporär mag danach die Offenheit gegenüber Analsex gestiegen sein, in Frauenzeitschriften und im Fernsehen bewegt sich die Thematisierung von weiblicher Lust immer noch auf eingefrorenem Niveau und verliert sich in Details und Technik. Gleitmitteltests, fernöstliche Stellungswechsel und Beckenbodentraining verweisen den Sex weiterhin öffentlich in die Schranken eines fiktiven Schlafzimmers, auf den IKEA-Küchentisch und auf oder unter den Partner der Wahl. Für mehr Freiheit braucht es entweder Reales in Verschwiegenheit oder den Roman.
Doch behaglich privat bleiben auch Sophie Andreskys Erzählungen, trotz Swinger-Partys, dem schnellen Geld über Sex im Netz und Spontanficks mit dem anonymen Gegenüber. Zwar ist Mareis Libido ganz selbstverständlich unbändig und unersättlich, ihre Triebfedern basieren hingegen nicht gänzlich auf Dauergeilheit und Neugier. Das vögelfreie Jahr der bis zum Aufdecken der Affäre ihres Mannes glücklich verheirateten Marei wird durch ein hoch komplexes, emotionales Chaos angetrieben, in dem Genugtuung und Grenzgang, Verletzung und Rache und die detailgetriebene Wortgewalt von „Deutschlands wohl erfolgreichster Porno-Autorin“ nur einen kleinen Ausschnitt der bestimmenden Motive bilden. Obgleich die Auseinandersetzung mit dem erzählenden Ich über ausschweifenden Sex als Mittel der Wahl geschieht, begibt sich Andresky eher in das Feld einer Charakterstudie als eines „erotischen Roadmovies“. Dennoch, die Autorin wird mit ihrer resolut erzählten Sprengung von Schamgrenzen Respekt, Applaus sowie eine erträgliche Zahl von Leserinnen und Lesern, vor allem für ihre Beschreibung der Sexszenen ernten.
In expliziten Worten versteckt sich derzeit ein Erfolgsrezept für weibliche Autorinnen; ein einfacher Weg zur Aufmerksamkeit, da alles zuvor publizierte Verdorbene nur punktuell mit der Etablierung von Normalität geflirtet hat, bevor von uns dafür wieder die Schmuddelecke geöffnet wurde, die wir brauchen, um mit ein wenig Sünde das eigene Ego auf Femme Fatale zu trimmen. Wenn richtiger Sex die Tabuzone verlässt, was bleibt dann für die Unterhaltung? Kichern wir anstatt über den biederen New Yorker Upper-Class-Koitus aus den Betten von Sex and the City über die Korruption in unserem weiblich geführten Bankenvorstand?
„Besorg es mir politisch korrekt und privat“ scheint trotz des Pornos in Frauenhand die Diskussionen in der Medienöffentlichkeit zu bestimmen, obgleich dieses Zitat für dein oder mein Schlafgemach keine Gültigkeit besitzt. Wenn, dann auch nur in Form von sporadisch zitierten Studien – wir wissen, dass die Schlafzimmer der Republik nicht in Trauerflor gekleidet sind. Traurig hingegen ist, dass die öffentliche Wahrnehmung, geprägt durch die Sprachrohre für Frauen, Sex mit sexy verwechselt und keineswegs übersexualisiert ist, sondern Sexualität zu einem sozialen Konstrukt aufgebaut hat, dass als Lernmodell für den Beobachter nicht hilfreich sein kann. Vermutlich macht es pädagogischen und praktischen Sinn, Kinder mit einem ausgesuchten Porno aufzuklären. Denn Hollywood-Sex in strahlend weißen Laken fügt sich nicht nur nahtlos in das Schauspiel des übrigen Films, sondern bedient auch nur eine kleine Auswahl von möglichen Rollenmodellen und Verführungskonstellationen. Wem sich Sex über den massenmedial verpackten Weg eröffnet, dem stehen vielleicht größere Anstrengungen bevor, von Sex zu profitieren, als jemand, dessen Erziehung ohne Fernsehen gestaltet wurde und der sich im Ferienlager unverhofft ins Neuland stürzt.
Von zuviel Lust um uns herum kann nicht die Rede sein. Die Rezeption von Sex geschieht in Hinsicht auf die weibliche Begierde über Sexyness und Fruchtbarkeit. Laszives Räkeln, hohe Lederstiefel zu gürtelschmalen Miniröcken, gepushte Titten und Babybäuche sind die Artefakte, mit denen wir Sex öffentlich am nächsten kommen und diese einfallslose Symbolik mit ihm verwechseln. Was in den einen Sphären mit visuellen Reizen hingekünstelt wird, fällt in anderen Bereichen der Öffentlichkeit gänzlich weg. Frauen in politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen legen sowohl Sexualität als auch Attraktivität verhuscht zur Seite, um sich einem maskulinen Stil zu nähern, der testosterongeschwängerte Macht ausstrahlt. Sie wirken auf diese Weise zusammen mit ihrem Gemahl und eventuellen Kindern in medialer Darstellung wie ein mechanisches Gefüge, das pragmatisch für Fortpflanzung und Versorgerprinzip steht. Die mächtigen Männer hingegen demonstrieren ihren Sex über aufgedeckte Affären, die ihnen, wie es im umgekehrten Fall eintreten würde, niemals ernsthaft schaden. Der Verführerin winkt als Trophäe die Scham, als Teil eines Ehebruchs weder ihr eigenes, noch anderes Glück befördert zu haben. Ihr Lustgewinn aus der Affäre äußert sich allenfalls über ein der Liaison entsprungenes Kind, das den Sex zwar verrät, diesen aber abermals in das klassische Symbol der Fruchtbarkeit fasst.
Sophie Andresky schafft die Verdichtung der zwei Facetten von sexueller Regentschaft in der Erzählerin von „Vögelfrei“: Marei ist zum einen zum Niederknien schön und übt entmachtende Anziehungskraft auf beide Geschlechter aus, so dass zunächst hier eine Verbindung zu ihrem erfüllten Sexleben gesucht werden kann. Zum anderen ist sie zumeist mental überlegen, selbstbewusst, berechnend und finanziell unabhängig, wodurch ihr weitere Kräfte zur Verfügung stehen, zu verführen und dabei immer die Oberhand zu bewahren. Sie vereint in sich somit solche Eigenschaften, die den Leser im Glauben lassen, sie seien der Heilsweg für den Sex, den man nicht zu träumen wagt. Allerdings sind diese Charakterzüge und Äußerlichkeiten Zuschreibungen, die von Mareis Partnern oder aus der Perspektive des Lesers wahrgenommen werden. Man trifft Marei nicht beim kritischen Blick vor dem Spiegel, in selbstverliebten Momenten oder erhabenen Handlungen. Man trifft eine Frau, die sich selbst nur in Momenten des Haderns mit dem Verlust des Eheglücks in Frage stellt und ihre Beziehung zu den geladenen Dinnergästen, die ihr das Jahr über Gespielen waren, erst am letzten Tag ihres vögelfreien Jahres reflektiert. Abseits davon gestaltet sie Beziehungen und Sex, indem sie sich gänzlich und mit großem Vertrauen auf Neues einlässt, wartet, laufen lässt und fortgeht, wenn die Zeit es will. Dies hat nicht nur das Entdecken einer Lust zur Folge, die sie bis dahin nicht in sich vermutet hatte, ebenfalls gelangt sie zu einer Erkenntnis, die zum Ende ihres vögelfreien Jahres eine entscheidende Weiche stellt: Sex ist niemals nur Sex.
Die Herleitung dieser Einsicht, die Andresky in sechs sexuellen Episoden vollbringt und zudem mit Hauptcharakter Marei das Oxymoron der notgeilen Romantikern auflöst, verleiht der amtlich obszönen Erzählung im entscheidenden Moment den Schliff hin zu einer stimmigen Parabel. Dass Liebe und Ficken einander näher sind, als die Worte nebeneinander gestellt erahnen lassen, kann Sophie Andresky auch über 238 Seiten getippter Fantasien nicht verbergen: Die Gelegenheiten, in denen Marei’s Lust ausbricht, aus Rache, Analyse und fucking the pain away, in denen sie versehen ist mit einem Aufbegehren von Zuneigung, verliebtem Zucken und Gefühlswirrwarr, lesen sich lauter und wirken, obgleich weniger explizit, näher an der Verheißung. Das ist der Mindfuck, den Sophie Andresky als Schlusswort formuliert. Diese Wendung von Hardcore zu Romanze trifft ihre Leserin mehr in Herz und Hirn als ihre Hüftregion.
Die Unentschiedenheit zwischen Porno, dem sachlichen Entflechten von Beziehungen und Unterschlupf in mädchenhafter Verzückung hinterlässt eine Unsicherheit über das soeben Rezipierte. Wenn die Wahrheit irgendwo zwischen großer Gier und großem Glück liegt, schmeckt beides nach Mittelmaß und nicht nach Kick. Jan Offs neuer Roman „Unzucht“ zerrt das Verhältnis zwischen dreckigem Wort und literarischem Leckerbissen gerade. Durch Sprache und Perspektive gelingt ihm zumindest auf dem Papier die einseitige und gradlinige Art von Verführung, die Frauen bisweilen zu schätzen wissen. Die tatsächliche Verlockung wird bei Andresky nicht plastisch. Mit Off‘s Geschriebenen vor sich kann der Leser nicht spielen, kann nur durch Abbruch ausweichen; einmal gelesen hat ihn der Text in der Hand. Ein genialer Halunke, der hinter einem schwarzen, schlichten Cover sein Gespür für das würdige Wort versteckt und mit „Unzucht“ ein Werk veröffentlicht hat, das einen Platz als Buchgeschenk des Jahres für die dir nächste Frau mehr verdient hat, als der pinke Bestseller aus dem Hause Roche oder der zwar derb ins Detail zielende, aber seicht in der Sprache weilende erotische Ausflug von Sophie Andresky. Die sprachliche Überlegenheit, aber vor allem die Kunst, die am Körperspiel Beteiligten gleichsam sprechen zu lassen, spricht das Prädikat für den besseren Porno Jan Off zu. Rührend und leicht erzählt er aus der Sicht des männlichen Parts und vermag dank dessen Gedankengängen sowie den Dialogen der Gespielen zum einen die Sicht der ebenso hoffnungslos in der Lust verlorenen Frau einzufangen, zum anderen behaftet er, aus augenzwinkernder Vogelperspektive, das Treiben der beiden mit gesellschaftlicher Sicht und Klischees. Die Verdichtung von drei Perspektiven gleicht dem Trick, der beim Sex das Hirn vernebelt und den Moment fesselt, wenn eigenes Empfinden, das des anderen und Vorstellungen von Normalität, Moral und dem, was möglich ist, aufeinander treffen und keinen Sinn ergeben.
Verfalle ich der Wortkunst und einem rauen, männlichen Ton oder weit schweifender weiblicher Fantasie, garniert entlang eines Dinners für Gourmets? Ergebe ich mich einer Frau, einem Mann oder vielen Gespielen? Eine Annäherung, hinaus über das subjektive Empfinden, an die Antwort, warum „Unzucht“ aus der Feder eines Mannes, dessen sexuelle Tonart weniger exotisch und in kleinerem Rahmen spielt als „Vögelfrei“ und Frauen möglicherweise näher tritt als Andreskys Roman, dessen pornographische Sequenzen als Brennstoff mehrerer eigenständiger Erotikfilme fungieren könnten, liefert die Wissenschaft, nicht das Bauchgefühl. Marta Meana, eine amerikanische Professorin mit einem Forschungsschwerpunkt auf weiblichem Lustempfinden, schlussfolgerte aus ihren Forschungsergebnissen unlängst, dass der weibliche Wunsch nach männlichem Begehren „der Orgasmus schlechthin“ sei (Beatrice Schlag: „Landkarte der Lust“. Die Weltwoche. Ausgabe 14/09). Die Lösung des weiblichen Dilemmas – auf der einen Seite die schiere Lust, andererseits das Jahrtausende alte Interesse an einer langlebigen, verlässlichen, Sicherheit bietenden Beziehung – sieht Meana in einem Beziehungskonstrukt, das einer feministischen Perspektive auf Sexualität widerspricht, obgleich dies aus ihrer Sicht Lust fördernd wirke: „Wir müssen neue Bezeichnungen finden für eine Fantasie, in der die Frau sich letztlich willentlich dem Mann ergibt.“ So ist der weiblich gesteuerte Streifzug durch die Betten ihrer Lustobjekte in Andreskys Erzählung zunächst erfolgreich darin, die Leserinnen abzufangen, die immer noch Fürsprecher für mehr weibliche Freizügigkeit suchen. Er stolpert aber gleichsam über die einseitige Jagd nach dem eigenen Vergnügen, da er das Wechselspiel zwischen Machtausübung und Hingabe missachtet, das Jan Off sowohl einseitig bestimmt als auch wechselseitig inszeniert und zudem seine Protagonisten unnachgiebig aufeinanderprallen lässt, wenn sie in gleiche Rollen schlüpfen. Die Dramatik zündet hier.
Die sexuelle Emanzipation der Frauen darf daher nicht in der vollständigen Übernahme der Kontrolle über das Geschehen gesucht werden, sondern in der Auflösung jeglicher Rollenmodelle, die letztendlich die Spannung aufkocht. Zwar mögen gesellschaftliche Strukturen noch nicht für den weitergehenden Aufbruch von Rollen bereit sein, unsere Betten und Bücher sollten den Nährboden des Festgefahrenen hingegen längst überwunden haben. Durch die Plakatierung von Klischees, zu denen popkulturelle Schriften selbst die sexhungrige Frau stilisiert haben, scheint lediglich der Applaus näher, das erlösende Seufzen hingegen weiter entfernt. Zumindest für den Bereich Porno muss gelten: weniger Diskurs, mehr Praxis.
(Teresa Bücker)

Julia Zange schreibt mit Palette und Pinsel. Gemalte Gedanken in gedeckten, satten Farben verbergen sich unter dem mädchenhaften Einband ihres ersten Romans. Auf dem Einband begrüßt ein Eislöffelchen aus zartpinkem Plastik den Leser: Verführerische Kost, eine frostige Großstadt, die Geschichte garniert mit einem Ausflug in die süße Surrealität, in der die Laster lauern. ![]()
Die junge Autorin Julia Zange zeichnet in ihrem Erstlingswerk eine pastellfarbene, lieblich scheinende Welt. Ein abgeleges Gehöft bewohnt von knabenhaften Müttern wird zu einer kontrastierenden Zufluchtstätte für ihre Romanfigur Loretta, als diese mit ihrem Baby Stadtflucht begeht. Die fragile Konstellation aus Porzellanpuppe, gepudertem Säugling und dem dazugehörigen Vater veranlasste Loretta zum Ausbruch aus der Utopie des jungen Familienglücks. „Die Anstalt der besseren Mädchen“, fernab in der Idylle, verspricht keine Genesung von der Last Lorettas‘ gescheiterten Versuchs, erwachsen zu werden. Gleichsam klein, blond und problematisch – der Typ Mädchen, auf den der Vater ihres Kinder immer hereinfällt - kehrt sie zu dem verzweifelt wartenden Malte zurück. Weiterhin gehüllt in einen klebrigen Mantel aus Kindlichkeit, mit ihrem viel zu schönen Kind. Zurück zu artifizieller Erotik im Ehebett, fernab von der Fantasie, einen Jungen auf dem Eisbärenfell zu ficken. Julia Zange lebt derzeit in Berlin und studiert dort an der Universität der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. BLANK hat mit ihr über ihr erstes Buch, Flanellhemden und Familienidylle gesprochen.
BLANK: Du hast erst eine Zeit in München studiert. Wie kam es zu dem Ortswechsel?
JULIA ZANGE: Ich habe mein Germanistikstudium dort abgebrochen, bin mit München aber auch nie warm geworden. Ich weiß zwar nicht ob es daran lag, ich gebe ich mir aber immer die Schuld und denke, ich hab mir drei Jahre lang keine Mühe mit der Stadt gegeben. Ich bin dann nach Berlin gegangen und hab dieses komische GWK angefangen. Ich wollte das eigentlich nie machen und ich mag es auch nicht besonders. Ich wollte nach Berlin und ein Freund von mir hat das studiert. Er hat mich in der Hinsicht dazu verführt, dass ich dachte wenn er das macht, ist das auch was für mich, obwohl er meinte: „Julia, das ist gar nichts für dich. Mach das bloß nicht.“ Dann bin ich da irgendwie hängen geblieben.
BLANK: Mit welcher Motivation hast du in München ein Germanistikstudium begonnen?
JZ: Literaturliebe. Die hat man mir aber gleich in den ersten Vorlesungen ausgetrieben. Ich hatte eine vollkommen falsche Vorstellung von der Uni. Ich dachte ich studiere Germanistik und das ist dann so ein Akademiegefühl und man ist nur mit Literatur liebenden Menschen zusammen. Aber es war einfach erst mal trocken und grau und auberginenfarben. Die Mädchen jedenfalls. Bayerische Lehramtsstudentinnen.
BLANK: Du bist in München in einem Kurs von Suhrkamp-Lektoren entdeckt worden, hast das Buch aber dann erst in Berlin geschrieben.
JZ: Die Leute von Suhrkamp haben mich sanft geschubst. Wenn mir niemand nachgeholfen hätte, indem er immer wieder nachgefragt hätte, hätte ich es wahrscheinlich nie gemacht. Die Entscheidung, das Buch zu schreiben, ist dann in Berlin gefallen und ich hab dann einen Sommer lang fast drei Viertel davon geschrieben.
BLANK: Der Titel des Buches „Die Anstalt der besseren Mädchen“ stand für dich schon fest, bevor du begonnen hattest zu schreiben. Was hast du dir zunächst unter einer Anstalt für bessere Mädchen vorgestellt?
JZ: Der Titel ist mir eines Morgens in der U-Bahn eingefallen. Einfach so, und ich dachte: „So heißt das Buch, das ich schreibe.“ Ich wusste da auch noch nicht, was er bedeuten soll. Vielleicht hängt das mit einem Wortfaible von mir zusammen. Ich fand die Kombination gut und hab eine Bedeutung dahinter vermutet. Dann hab ich angefangen und fünf Sätze lang eine Internatsgeschichte geschrieben (lacht). Was gar nicht geklappt hat. Das wäre dann ein „Hanni und Nanni“-Buch geworden. Irgendwann haben sich dann die Sachen, die mir eingefallen sind, mit dem Titel zusammengefügt.
BLANK: Der Markt ist, rückblickend auf das letzte Jahr, mit jungen Autorinnen, die über Mädchen und Frauen geschrieben haben, überschwemmt worden. Es war eine gute Zeit für feministische Ideen. Charlotte Roche ist gepusht worden; es gab Theoretisches wie „Wir Alphamädchen“ oder „Neue deutsche Mädchen“. Ist dir das zu Gute gekommen?
JZ: Nein, wenn, dann hatte es einen negativen Effekt, weil junge Autorinnen zu diesen Themen so stark besprochen wurden. Ich glaube, es gibt auch gar keinen thematischen Zusammenhang mit meinem Buch.
BLANK: Aber es spielt stark mit dem heutigen Frauenbild…
JZ: Ja, es geht viel um Formen von Weiblichkeit. Ich habe keines der neuen feministischen Bücher gelesen. Immer nur über die Bücher. Ich wollte damit auch gar nicht in Zusammenhang gebracht werden.
BLANK: Dein Buch übt subtiler Kritik am Bild von Frauen und Schönheit als die anderen Bücher, die zuletzt von jungen Frauen veröffentlich wurden. Den neuen Feminismus so zu benennen, ist letztendlich auch eine Marketingstrategie. Hast du denn eine Position in dieser Debatte? Hat man als Frau nicht immer automatisch eine Haltung zu diesen Themen?
JZ: Wenn man als Frau irgendwas veröffentlicht, wird man immer auf das Frausein angesprochen, was ich nicht wollte. Ich habe keine feministische Position. Es gibt viele Dinge, die ich an Frauen und Mädchen mag und viele, die ich nicht mag. Ich glaube, die kommen in dem Buch auch ein bisschen raus. Aber mit dem Wort Feminismus ist es nicht verbunden. Die Beschreibungen von den Büchern hörten sich so furchtbar langweilig an. Und ich weiß nicht, ob da neue feministische Positionen herausgekommen sind. Eins davon wurde als Buch für Mädchen und ihre Eltern beworben. Schrecklich.
BLANK: Das Missy-Magazine, ein Popkulturmagazin für Frauen, lässt nun ausdrücklich keine Männer mitschreiben. Der Spielplatz des Popjournalismus sei von Jungs besetzt, die Mädchen nicht mitspielen lassen wollten, so die Redakteurinnen. Daher müsse man sich stark abgrenzen.
JZ: Wenn Weiblichkeit für ein Magazin Qualitätskriterium sein soll, geht doch sehr viel verloren. Ich glaube das bessere Produkt setzt sich durch, egal ob von Männern oder Frauen produziert. Quoten halte ich nicht für sinnvoll. Erfolg ist bei Männern natürlich eine sexuelle Aufwertung. Hingegen glaube ich, dass Männer Abstand von erfolgreichen Frauen nehmen. Das sieht man ja auch an den Frauen, mit denen sich erfolgreiche Männer umgeben. Die sind meist dümmliche Models. Aber vielleicht ist das auch nur in der Gala so.
BLANK: Glaubst du, dass eher die Männer in Zukunft Probleme bekommen und Ratgeberbücher brauchen, weil alle Frauen sich ganz natürlich als sehr emanzipiert begreifen? So wie in deiner Erzählung Malte, der sich die ganze Zeit nur kümmern möchte, das sorgende Familienoberhaupt sein will und darunter leidet, dass ein klassisches Rollenverhältnis für seine kleine Familie nicht funktioniert?
JZ: Malte ist ja sehr verweichlicht. Das heißt nicht, dass man sich um ihn kümmern muss. Er hat eine besondere Ausprägung eines Helferkomplexes. Insofern würde ich das nicht generell auf sein Mannsein beziehen. Das ist ein individueller Zug von ihm. Ich weiß nicht, ob Männer wegen selbstbewusster Frauen Probleme bekommen. Ich beobachte das manchmal trotzdem. Wenn ich Schüler in der U-Bahn beobachte, fällt mir auf, dass die Mädchen die Jungs richtig rumkommandieren.
BLANK: Magst du die „Berliner Mädchen“? Alle studieren Modedesign, sind schön, nett und stylisch, aber viel mehr interessiert sie nicht? Man bedient gerne das Mädchenklischee.
JZ: Das ist in meinem Freundeskreis nicht so. Ich gebe mich manchmal gerne dem Mädchending hin, aber ich finde Frauen nicht einfach. Ich bin letztens nach einer Romanfigur gefragt worden, mit der ich mich identifizieren kann, aber mir ist keine Frauenfigur eingefallen.
BLANK: Wie ist es in Berlin denn wirklich um die Emanzipation junger Frauen bestellt? Wir kennen den Begriff und die lauten Mädchen sind medial sehr präsent. Wir sind aufgeklärt und emanzipiert, weil wir „Feuchtgebiete“ im Regal stehen haben. Das ist aber nur ein flüchtiger Gedanke. Dann finden wir uns Mitte 20 in einer klassischen Beziehung wieder, werden direkt schwanger und sind dann die Mami im Prenzlauer Berg mit den anderen hübschen Mamis, die ein süßes Accessoire dem Berufsleben vorziehen. Berlin bekommt in deinem Buch ja in dieser Hinsicht schon einen auf den Deckel.
JZ: Ja, subtil. Es geht ein bisschen um das Familiending, auch um die Kastanienallee. Mich hat es da am Anfang furchtbar geekelt. Mittlerweile hab ich mich dran gewöhnt. Die Kastanienallee mag ich immer noch nicht, aber ich kann da mittlerweile hingehen. Aber am Anfang hab ich Berlin wirklich gehasst. Trotz aller Offenheit gibt es so viel Getue. Da ist München ehrlicher.
BLANK: Malte beschreibst du als Stereotyp eines vermeintlich hippen jungen Mannes. Er steht da in Acne-Jeans, weißem Rippunterhemd mit Sternchenanstecker und einem grauen Cardigan. Ich hatte ihn bildlich vor Augen, an mehreren Stellen in Berlin.
JZ: Die Inspiration zu Malte kam aber aus München. Ich glaube, das ist ein deutschlandweites Phänomen.
BLANK: Kann die Auswahl von Mode denn Figuren Charakterzüge verleihen?
JZ: Ja, Modisches spielt in dem Buch eine Rolle. Ich bin auch nicht gegen Mode. Ich spiele gerne mit Mode. Ich würde auch gerne ein richtig modisches Buch schreiben. Den American Apparel Schal habe ich Malte aber nicht bewusst angezogen, um ihn zu charakterisieren. Aber es verrät meistens doch ein bisschen über die Figur.
BLANK: Loretta hat ein kariertes Flanellhemd, das man sonst eher von Holzfällern kennt, aber auch im Berliner Nachtleben gehäuft über zarten Frauenschultern sieht. Sie sind zu groß, hässlich, dreckig und nehmen dem Körper jegliche Kontur. Was hast du dir dabei gedacht?
JZ: Ja, das Flanellhemd. Das hat natürlich eine tiefe Bedeutung (lacht). Ich war fast schockiert, als ich gesehen habe, dass du ein eigenes Blog dafür schreibst. Mit dem Flanellhemd war ich, gleich als ich die ersten gesehen habe, sehr verbunden. Ich mag sie auch an Frauen sehr. Loretta trägt eins, nämlich als sie aufs Land flüchtet. Das ist bei ihr zum einen modische Attitüde, denn sie trägt gerne Springerstiefel und Holzfällerhemden, zum anderen ist sie rauer und männlicher dadurch. Ein Flanellhemd ist weich, und trotzdem stark, und sieht einfach gut aus. Aber haben die Jungs nicht damit angefangen? Vielleicht hat es auch mit Natursehnsucht zu tun, nicht nur mit Männlichkeit. Eigentlich ist es auch ein echtes Autorenelement. Wenn ich ein Flanellhemd anziehe, denke ich immer an Holzhütte. Und an Kindheit, weil es so ein weicher Stoff ist.
BLANK: Loretta bekommt in dem Buch eher ungeplant ein Baby, das in ihr ohnehin schon instabiles Leben platzt. Kindlichkeit, symbolisiert durch die Kindfrau Loretta und das Baby Marla, ist eines der dominieren Themen des Buches. Weshalb?
JZ: Das hat mich schon immer belastet. Ich hab schon immer ein imaginäres Kind mit mir herumgetragen. Aber eins, das ich nicht ausstehen konnte. Wenn ich Mütter mit ihren Kindern gesehen habe, hab ich immer seltsame Emotionen bekommen. Und besonders wenn Mütter ihre Kinder gestillt haben, fand ich das unnatürlich. Obwohl es etwas Natürliches ist. Aber irgendwie müssten wir schon darüber hinaus sein. Bei Loretta ist es so, dass sie selbst noch ein totales Kind ist, und dann dieses Kind bekommt, und dann in eine Mischung aus Aggression und Pädophilie gleitet. Sie ist teilweise in einer Art Erregungszustand ihrem Kind gegenüber und verspürt Konkurrenzdenken gegenüber Marla, dass diese schon im Kinderwagen den Männern den Kopf verdrehen könnte. Ganz viele Kinderbeobachtungen sind mit in dem Buch drin, auch vom Babysitting. Ich mag Kinder prinzipiell total, aber ich weiß noch nicht, ob ich eins will.
BLANK: Hast du dabei auch die Beobachtung machen können, dass ein Baby Accessoire oder soziales Event sein kann?
JZ: Ja, allgemein ist das in den letzten Jahren zu beobachten. Ganz krass finde ich auch die Kinderzeitschriften, die es en masse gibt, wie Luna oder Kids Wear . Sie sind voll von kleinen Prinzessinnen. Wobei sich die kleinen Mädchen bestimmt drüber freuen. Es ist eine Kreisbewegung. Früher wurden Kinder erwachsen zurecht gemacht oder es wurde sich mit ihrem Style sehr viel beschäftigt. Dann kam die Phase, in der es eher egal war, ungefähr als ich groß geworden bin. Für mich gab es keine Röckchen. Ich musste ein Hosenkind sein, und wollte das gar nicht. Jetzt wird wieder wahnsinnig viel Aufmerksamkeit darauf gelegt, wie das Kind wirkt, auf welche Schule es geht, und dass es schon mit drei Klavier spielen beginnt. Eltern haben einen wahnsinnigen Ehrgeiz ihren Kindern gegenüber, glaube ich.
BLANK: Ist dein Buch irgendwo so aufgenommen worden, dass du sagen würdest, da hat mich jemand komplett missverstanden?
JZ: Ja. Es gab wahnsinnig viele sehr waghalsige Interpretationen. In einer Rezension steht, dass am Ende des Buchs herauskommt, Loretta sei vergewaltigt worden. Da habe ich mich gefragt: „Wo haben sie das denn jetzt herausgelesen?“ Was mich ein bisschen gestört hat ist, dass ich beim Schreiben nicht geahnt habe, was meine kleine Familie anstoßen würde. Der Handlungsstrang oder eine psychologische Entwicklung der Personen war mir nicht so wichtig. Es geht viel mehr ums Kind sein, als ums Kinder haben. Um die Potenz von Kindlichkeit, Flucht und Utopien. Es ging mir viel um die Sprache und die Erzeugung von Bildern. Für mich war das Schreiben wie einen Teppich zu weben, wie die Erstellung eines Wandteppichs.
BLANK: Welche Pläne hast du in diesem Jahr?
JZ: Ob ich GWK fertig studiere, entscheide ich von Tag zu Tag. Ich versuche gerade einen Film zu drehen, aber was ich genau in diesem Sommer mache, weiß ich noch nicht. Ich werde auf jeden Fall weiter schreiben, aber ich werde keine Berufsschriftstellerin. Ich kann mir nichts Langweiligeres vorstellen. Von Stipendium zu Stipendium zu leben und in seiner Gartenlaube zu sitzen und zu schreiben, ich weiß nicht. Ich kann mir viel vorstellen. Ich würde gerne was in Richtung Film machen. Film und Bücher. Vielleicht auch Werbung. Schaufensterdekorateurin wollte ich auch immer werden.
Julia Zange
„Die Anstalt der besseren Mädchen“
Suhrkamp Verlag
157 Seiten, Gebunden, Euro 15,00
ISBN 978-3-518-42025-6
(Teresa Bücker)

Jeden Monat schreibt unser Autor Jan Off über Themen, die uns, im wahrsten Sinne des Wortes, brennend interessieren. Im März geht es um die Athener Aufstände und was hängen bleibt. Wer den Meister des gesprochenen Wortes live erleben möchte, hat während der Leipziger Buchmesse die Chance. Off liest am Samstag, den 14. März, ab 21:00h im Helheim in der Weißenfelder Str. 32, aus seinem neuesten Werk „Unzucht“. ![]()
Ungezählte Demonstrationen und Kundgebungen, mehrere hundert besetzte Schulen und Universitätsgebäude, besetzte Rathäuser, besetzte Gewerkschaftszentralen, Angriffe auf Polizeiwachen, zerstörte Banken, verwüstete Einkaufsmeilen, ein Sachschaden zwischen zwanzig und fünfzig Millionen Euro, die wiederholte (wenn auch kurzfristige) Übernahme von Radio- und Fernsehsendern – keine Frage, in den letzten Wochen hat Griechenland allerhand Erfrischendes zu bieten gehabt.
Nun ist zwar nicht davon auszugehen, dass sich die griechische Flagge in Kürze in den Farben Schwarz und Rot präsentiert und die aktuelle Hymne durch einen Song von Mikis Theodorakis oder den Klassiker „A las Barricadas“ ersetzt wird. Eins aber vermitteln das Ausmaß und die Qualität der Proteste allemal, nämlich die wohltuende Botschaft, dass es manchmal eben doch schneller gehen kann, als allgemein vermutet (an dieser Stelle einen kurzen aber hämischen Gruß an Erich Mielke und Nicolae Ceausescu). Soziale Revolution? Das klang doch – zumindest seit Mitte der 1980er – wahlweise nach Mottenkiste oder Christi Himmelfahrt. Und auch im Hier und Jetzt will der Begriff noch nicht mit der rechten Geschmeidigkeit über die Lippen. Aber vielleicht lohnt es sich, die Aussprache schon mal vor dem Spiegel zu üben. Vielleicht besteht ja doch noch der Hauch einer Chance, die „freie Assoziation freier Individuen“ zu erleben, bevor die Menschheit sich endlich selbst abgeschafft hat (was dann natürlich das wahre Paradies auf Erden darstellen würde).
Dass in den Mainstream-Medien von Springer bis Spiegel ausschließlich auf den gewalttätigen Aspekt der Unruhen Bezug genommen wurde, ist so überraschend wie ein Leberschaden nach dreißig Jahren Vollsuff. Muttis guter Stollen schmeckt doch gleich noch besser, wenn in Athen der Christbaum brennt. Natürlich ziehen derart heftige Auseinandersetzungen Menschen an, die auch noch den blutigsten Hundekampf als abwechslungsreichen Event willkommen heißen würden (von denen haben die gesellschaftlichen Verhältnisse ja schließlich eine ausreichende Zahl hervorgebracht). Aber lässt sich mit dieser mehr als banalen These der Protest in seiner Gesamtheit diskreditieren? Bei denjenigen, die über strukturelle Gewalt, die über Herrschaft und Wettbewerb nicht nachdenken wollen, vielleicht. Umso wichtiger, zu erwähnen, dass sich die Interessenvertretungen der Lehrer und Professoren mit den Aktionen der Protestierenden solidarisiert haben. Nicht minder wichtig, darüber zu informieren, dass in den besetzten Rat- und Gemeindehäusern in Athen und anderen Städten täglich öffentliche Vollversammlungen stattfinden, an denen zum Teil mehrere hundert Bewohner der betroffenen Stadtteile teilnehmen. Dahinter ausschließlich fehlgeleitete Hooligans zu vermuten, ist mehr als aberwitzig. Vielmehr sieht es so aus, als hätten nicht wenige Menschen Lust bekommen, ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen, sich jenseits von gesetzlichen Vorgaben, Parteitagsbeschlüssen und medialer Rundum-Beschallung einen Happen Selbstbestimmung zurückzuerobern.
Und im deutschsprachigen Raum? Abgesehen von einer Botschaftsbesetzung und einem guten Dutzend Demonstrationen mit einer Gesamtzahl von nicht mehr als dreitausend Teilnehmern rabottet eine geradezu unfassbare Mehrheit vor sich hin, als ob nichts gewesen wäre. Stellt sich die Frage, worauf sie alle warten, die kunstschaffenden Freigeister, die gepiercten Jünger aufmüpfiger Subkulturen, die vermeintlich Unangepassten mit der rebellischen Attitüde, die klugen Köpfe, die doch schon seit langem wissen, dass der Kapitalismus sich nicht selbst überwindet, die Abgehängten und die, die sich selbst abgehängt haben, die Tierrechtler und Umweltschützer, die Lesben und Schwulen, die Transsexuellen, die Zeitarbeiter, die Poplinke, die BohŹme, all jene, die an einer Welt ohne Abschiebungen und ohne Grenzen interessiert sind, die Feministinnen, die selbst erklärte Avantgarde, die Friedensbewegten… Vielleicht darauf, dass die Toten Hosen oder der Präsident des Arbeitgerberverbandes oder Sahra Wagenknecht den Anbeginn der neuen Zeit via TV verkünden. Auf Polizeigewalt und anderes Unrecht warten sie sicher nicht. Davon gibt es in dem Land, das uns zu seinen Staatsbürgern erklärt hat, mehr als genug.
Termine:
27.03.09 Wiesbaden, Kulturpalast
29.03.09 Mannheim, Blau
(Jan Off)

Irgendwo steht, dieses Buch würde viel über die politische Situation
im heutigen Russland erzählen. Das ist natürlich Quatsch und einmal zu
viel um die Ecke interpretiert. Doch „Metro 2033“ ist trotzdem ein
gutes Buch, denn es erzählt von den Schwächen des Menschen und seinem
unbändigen Willen zu überleben, zu siegen. Im März kann man den Autor
an drei Terminen live on stage zuhören, an seiner Seite dann der
Schauspieler Robert Stadlober. Mehr zu Glukhovskys Debut und Endzeit-
Entwurf in der Aprilausgabe. ![]()
Hamburg
Dienstag, 10. März
19h, Abaton Kino
Berlin
Mittwoch, 11. März
20h, Russisches Theater/Kulturbrauerei
Leipzig
Donnerstag, 12. März
20.30h, die naTo


Das neue BLANK kommt. Unsere Tinte gewordenen Gedanken, Hoffnungen und Meinungen. Diskordianisch nicht, aber Diskurs immer. Gesellschaft, Diskurs, Disko – zum Anfassen, Blättern, Freuen und vielleicht sich ärgern.


Die Texthölle: Geschichten unserer Autoren über alles was wichtig und richtig, schön und hässlich, gut und schlecht ist. ![]()

Der BLANK-Blick auf die Welt von An-, Aus- und Umziehen. Oder Verkleiden. ![]()

Eine Kolumne von Roman Libbertz. ![]()

Die etwas andere Kolumne von Nilz Bokelberg. ![]()

Zuweilen sind wir Sneaker-Affin.
Nicht erst
seit dem
Hilfsprojekt „Turnschuh-klappe“,
bei dem wir zu Weihnachten Turnschuhe gesammelt und dem Kinderhilfsprojekt ARCHE e.V. geschenkt haben. Auch ASICS hatte das Projekt mit Schuhen unterstützt und so ein paar Jugendliche und Kinder glücklich gemacht. Hilfe kann manchmal ganz schön einfach sein.![]()