Seine Sprache und sein Gesang sind behutsam mit der Musik verwoben, ohne jedoch an Eindringlichkeit zu verlieren, zuweilen zart und verletzlich und doch mit einer subtilen Entschlossenheit. Zum ersten Mal veröffentlicht er jetzt eine Platte unter seinem eigenen Namen."An Open Letter To The Scene" erscheint am 30. April via Arctic Rodeo Recordings und ab Mitte Mai ist Walter Schreifels dann auch mit Band in Deutschland, Österreich und in der Schweiz unterwegs. Ein ausführliches Interview folgt.
Termine:
14.05.2010 Bremen - Tower
15.05.2010 Hamburg - Grüner Jäger
16.05.2010 Bielefeld - Bunker Ulmenwall
17.05.2010 Wiesbaden - Schlachthof
18.05.2010 Köln - Blue Shell
19.05.2010 St. Gallen (CH) - Grabenhalle
20.05.2010 Wien (A) - Szene
21.05.2010 München - Backstage Club
22.05.2010 Chemnitz - Atomino
23.05.2010 Berlin - Festsaal Kreuzberg
Wie HC-History heute klingt, kann man übrigens hier bestaunen.
Das Label Arctic Rodeo Recordings hier.
![]() |
Florian Horwath war irgendwann mal Elektromusiker, ist dann zum Glauben an die Gitarre übergetreten und hat auf irgendwas zwischen Lo-Fi und Folk umgesattelt. Diese Entscheidung hat ihm zurecht viel Lob seitens der Öffentlichkeit eingebracht. Auch sein drittes Album "Speak To Me Now" ist lobenswert. Ab und an blinken kleine Elektrofunken auf, Glockenspiele klingeln, Mundharmonikas quäken. Und zwischendrin: die Horwathsche Stimme. |
||
Ob er knabenhaft unschuldig klingt oder wie im Titeltrack "Speak To Me Now" wie eine Mischung aus Mick Jagger und Dirk von Lotzow – obwohl der Österreicher eigentlich nicht singen kann, er ist immer ehrlich. Und das ist ebenso sympathisch wie die Tatsache, dass Horwath über sich selbst und die Zunft der Folker lachen kann. "On The Kitchen Floor" beginnt wie eine unschuldige Hippie-Ode (sogar inklusive Geige und Tamburin) und während man in Gedanken gerade noch einer Zeile wie "C'mon Babe, set my colours free, c'mon babe shine a light on me." nachhängt, zeigt uns der kleine Florian eine lange Nase und hebt zum Refrain an: "I want it more on the kitchen floor." Am Ende geht's eben doch nur ums Ficken; Hippie-Romantik hin oder her. Da hat wohl jemand T.C. Boyles "Drop City" gelesen oder sich vom jungen Frank Zappa inspirieren lassen oder beides. Zurück zum Thema, dem kleinen Florian. Der hat zu unserem Glück seinen kindlichen Spieltrieb noch nicht abgelegt. Deshalb ist der nächste Track auf der Platte auch ein zuckersüßer Lovesong, der in Form eines Cluburlaub-Animationssongs gehalten ist und worin Horwath zu karibischen Trommelrhythmen unter anderem Anleitung zum "Kakadu-Move" und zum "Elephants Smile" gibt. Zum Brüllen komisch ist auch die Coverversion von "Spirit Of The Sky", die Horwath mit der Stimme eines stimmbruchgeschädigten 15-jährigen zum Besten gibt.
Neben all dem Schabernack betreibt Herr Horwath seinen Job als Musiker natürlich äußerst gewissenhaft und hält deshalb auch noch ein paar Songs, die zwar ernsthafter, aber nicht minder schön sind, auf dem Album bereit, beispielsweise das hauchzarte "Darlin' I Can See You Fallin'". Das gefällt uns. Danken wir dem Gott der Gitarre.
(Teresa Mohr)
![]() |
Soul mit Dreck unter den Fingernägeln. Unter der Zuhilfenahme von HipHop, Ambient, Weltmusik, Rock, Psychedelia, Reggae und so ziemlich allen anderen Genres, die sich unter der Fahne des Groove vereinen lassen (oder eben auch nicht), erscheint eine bedreadlockte Gestalt aus dem Westen der USA und legt ein Album vor, das in seinem Eklektizismus an Acts wie J Dilla, OutKast oder auch Funkadelic erinnert. |
||
Eine Stunde lang wirbelt sich Gonjasufi durch unterschiedlichste Soundparadigmen und schafft es via verstaubter Lo-Fi Ästhetik und einer wohligen, rootsaffinen Stimme allen Stücken von "A Sufi..." seinen eigenen, alchimistisch anmutenden, Stempel aufzudrücken. Dabei wäre die ineinanderlaufende Skit-haftigkeit einiger Stücke der einzige Kritikpunkt. Das sind nämlich die wenigen Momente, in denen das Album in ein rastloses Zappingmuster gerät, dem es an kompositorischer Substanz fehlt. Aber das nur am Rande. Sonst gibt es hier viele hörenswert verschrobene Popmomente zu entdecken. Eingewickelt in psychedelische Texturen und mit grobkörnigen Retrofuturismusschleifen versehen. Eine echte Alternative zum ganzen totpolierten R ´n´ B BlingBling.
(Daniel Vujanic)
Dendemann ist Deutschrap. Das muss nicht belegt werden, das ist mal so was von klar. Nicht nur, dass er zweifelsohne der beste Rapper und Reimer des Landes ist. Dende ist auch maßgeblich an der Präsenz von Hip Hop in deutschen Hirnen beteiligt.
![]()
Vor über zehn Jahren flimmert das Video zu Eins Zwos "Hand aufs Herz" erstmalig über die Fernsehbildschirme der deutschen Wohnzimmer und ist gleichzeitig Bestandsaufnahme und Plädoyer für Hip Hop-Musik aus deutschen Gefilden. Im Video sitzen Dendemann, Rabauke und der Rest der Hamburg-Hip-Hop-Posse in einer Talkshow-Kulisse und verteidigen ihre in Deutschland damals noch junge Jugendkultur gegen Vorurteile und Anfeindungen. Das Tragen von Baggy Pants mag zwar noch für Konflikte mit Mutti gesorgt haben, und auch der in den Texten praktizierte "postpubertäre Zwangsvulgarismus" von Dende und Co. war sicher nicht immer unbedingt massentauglich. Trotzdem war damals noch alles in Ordnung. Deutscher Hip Hop war nicht nur etabliert, deutscher Hip Hop war groß. Und richtig gut. Aber Zeiten ändern sich, dich, und mich, das wissen wir nicht erst seit Bushido.
Deshalb kommt erfolgreicher deutscher Hip Hop im Jahr 2010 nicht mehr aus Hamburg, sondern aus Berlin. Deshalb machen Deichkind jetzt Eletroclash und Frauenarzt tritt auf dem Ballermann auf, während Sidos MTV-Unplugged im Märkischen Viertel aufgezeichnet wird.
Deutscher Hip Hop ist jetzt wieder richtig groß. Aber nicht unbedingt gut.
Dendemann weiß das. Und das scheint ihn irgendwie sauer zu machen.
Sein neues Album ist jedenfalls sehr laut, roh und wild. Hip Hop und Rock'n'Roll in einem. "Vom Vintage verweht" ist voll von Beschwerden und Nörgeleien, mit denen Dende kokettiert: nicht nur "Stumpf ist Trumpf", "Es geht bergab!". Er hat sich freigemacht von Genregrenzen und Erwartungshaltungen und schüttelt diese mit aller Kraft aus sich heraus. Hat der jetzt etwa eine Midlife-Crisis?
Beim Interview stellt sich schnell heraus: um sein Gemütsleben muss man sich keine Sorgen machen. So lange, wie die Nikotinversorgung lückenlos stattfindet, ist alles im Lot.
Teresa Mohr hat mit Dendemann geraucht und geredet.
BLANK: Schon mal zur Beruhigung: wir werden nicht über den Bushido-Film sprechen.
DENDEMANN: Das empfinde ich tatsächlich als beruhigend. Außerdem hab' ich jetzt wieder Zigaretten. Wie kann man nur ein Interview führen, ohne zu rauchen?
Das mit Bushido ist eben so eine unangenehme Begleiterscheinung, außerdem war das ganze Interview daneben, wenn mir jemand Fragen stellt wie "Ja und wie stehst du generell zu Hip Hop und so?" ist ja eigentlich alles klar. So was hatte ich schon schon lange nicht mehr. Trotzdem habe ich dafür noch eher Verständnis, als wenn dann die Tagespresse mit so etwas kommt.
BLANK: Warum auch indirekt für Bushido die Werbetrommel rühren, wenn man selbst ein neues Album zu vermarkten hat.
DENDEMANN: Ja eben. Außerdem hat der Typ die Feldbusch-Nummer noch mal durchgezogen. Als wäre es bei ihr nicht schon schlimm gewesen, sich fünf Jahre lang so dämlich zu stellen, dass danach jeder Hauptsatz als Erfolg gewertet wird. Das einem das noch mal passiert, nach ihr! Das hätte ich nicht gedacht von Deutschland.
BLANK: Dafür hat Deutschland aber wenigstens das Tocotronic-Album von null auf eins in die Charts geschickt.
DENDEMANN: Obwohl man ja ehrlicherweise sagen muss, dass das natürlich an den Hardcore-Fans liegt, die schon auf das Album warten und direkt nach Release in den Plattenladen rennen. Um von null auf eins zu gehen, muss man in Deutschland ja nicht mehr Millionen Platten absetzen. Das kann man zwar schaffen, wie der Jan (Delay) und der Peter (Fox) bewiesen haben. Aber wirklich viel kommt bei einer Einser-Platzierung nicht rum. Trotzdem habe ich mich tierisch für die Tocos gefreut und auch schon gratuliert.
BLANK: Für deine Alben lässt du dir immer relativ viel Zeit. Brauchst du das, arbeitest du dann kontinuierlich oder lässt du dich so richtig schön gehen?
DENDEMANN: Ich war zweimal in New York innerhalb kürzesten Abstands. Ansonsten bin ich viel aufgetreten. Natürlich hätte ich schon eher Zeit gehabt, eine Platte zu machen, aber diese Zeitspanne von 3 ½ Jahren ist bei mir eigentlich Standart. Obwohl ich letztens feststellen musste, dass sich so ein Live-Album ganz gut in der Discografie macht, da verkürzt sich dann der Rhythmus auf einmal auf zwei Jahre... Die Discografie sieht auf jeden Fall ganz sauber aus, nach einem ganz fleißigen Künstler. Um ehrlich zu sein, habe ich mich ein Jahr lang intensiv mit der Platte beschäftigt. Und habe davor ein halbes Jahr lang so getan. Dann habe ich noch mal ein halbes Jahr so getan und schon sind zwei Jahre vorbei. Auf jeder Tour nimmt man sich vor, auf den Fahrten schon mal zu schreiben. Passiert natürlich nie. Was aber wirklich super nebenher funktioniert, ist Beats machen. Das ging wie aus dem Eff-Eff. Das Programm habe ich mir im Dezember 2008 geholt, hab mich dann mit dem Computer aufs Sofa gesetzt und die Beats gemacht, komplett in einem durch. Dreizehn Dinger. Und das war's. Mit den Beats bin ich zu Moses Schneider gegangen, hab gesagt: "Hier, produzier'. Wir brauchen eine Band, ich stell mich dazu und rapp' direkt." Die Platte ist eigentlich auch eine Live-Aufnahme, wir haben alle gemeinsam aufgenommen und der beste Take ist das Stück.
BLANK: Wie hast du denn Tocotronic dazu bekommen, dir ein Sample zu überlassen? Die Jungs sind da ja nicht immer unbedingt kooperativ...
DENDEMANN: Das ist der letzte Song vom letzten Album der Tocos, "Explosion". Oder wie Moses Schneider sagt: "Eine musikalische Alliteration", weil es auch schon auf dem Toco-Album das letzte Lied war, und jetzt wieder das Schlusslied ist.
Als ich schon mit den gleichen Leuten wie auf dem Album einen Studiotrack fürs Live-Album aufgenommen habe, habe ich eine Tocotronic-7inch gefunden, die "Explosion"-String Version. String Version hört sich immer nach wenig Schlagzeug an, also gut samplebar. Mit diesem Toco-Sample habe ich dann einen Beat gemacht. Im Laufe der Album-Produktion stellt man dann fest, dass die Tocos da auch immer aufnehmen, und dass man ja dadurch auch direkt das A-Capella benutzen könnte. Das ist dann doch einfach scratch-freundlicher. Habe ich früher zwar immer gehasst – entweder gab es das auf Platte oder nicht, aber in Zeiten von Serrato und Final Scratch sollte man doch mal Fünfe gerade sein lassen. Ja ... so lief das. Und Dirk mags auch.
BLANK: Schön. Neben der Tatsache, dass es sehr überraschend war, Dirk von Lotzow auf einem Hip Hop-Album zu hören, ist es ebenfalls auffällig, dass die Stimmung auf dem "Schall und Wahn"-Album schon der auf "Vom Vintage verweht" ähnelt. Ist 2010 das Jahr der gegen die gesellschaftlichen Missstände aufbegehrenden Künstler?
DENDEMANN: Ich weiß nicht. Man muss ja immer erstmal schauen, was 2009 war. Bei mir ist es so, dass ich immer nur bis zu einem bestimmten Punkt glücklich mit der letzten Produktion bin. Dann sucht man die Schwachpunkte, guckt, was muss bleiben, was muss sich ändern. Und dann guckst du vielleicht erstmal, was die anderen sagen. Es war mir schon zum Zeitpunkt der letzten Produktion klar, dass ich diesmal wieder selber die Musik machen werde. Und die ist irgendwie ganz schön wütend geworden. Ich kann es leider auf nichts mehr anderes als mein Wesen schieben, weil ich erstmals völlig ohne Samples gearbeitet habe. Und diese Noten – ich kann keine – das ist Ausschlussverfahren. Alles, was nicht falsch klingt, ist richtig. Aber diese Stimmung, diese Noten, diese Töne, sind das, was aus mir rausgekommen ist. So abgedroschen wie das klingt, für mich ist das neu. Ohne Input etwas rauszuschießen, ist für mich neu und Ziel des Ganzen war, dass die Texte möglichst so bleiben, beziehungsweise besser werden sollten. Die Musik muss wie immer – auch wenn die Leute nicht darauf klarkommen – etwas sein, was mir richtig gut gefällt, ansonsten werde ich keine Höchstleistungen darüber erbringen können. Das heißt ich musste rhythmisch was produzieren, was mich irgendwie kickt.
Und darüber ist ganz viel Musik entstanden, die viel schneller klingt als sie tatsächlich ist. Das heißt, ich rappe in einem eigentlich sehr langsamen Tempo über sehr schnelle Musik. Und, um wieder zum Punkt zu kommen, Ziel des Ganzen war es, die Energie eines Dendemann-Konzertes auf ein Album zu bringen.
BLANK: Tatsächlich ist das auch einer der ersten Gedanken beim Hören des Albums: Boah, live bestimmt saugeil!
DENDEMANN: Ja, das kann man so in einem durchspielen. Die Setlist für die kommende Festivalsaison quasi.
BLANK: Wie sieht denn deine Live-Band eigentlich aus?
DENDEMANN: Kennengelernt haben wir uns auf Live Demo-Veranstaltungen. Dafür hatten die mich öfter gebucht, und seit der Herbert (Grönemeyer)-Tour ist das meine Band, bestehend aus Keyboard, Bass und Drums. Jetzt haben wir noch auf Gitarre aufgestockt, und DJ Maxi ist dabei. Das ist ein alter Weggefährte aus Bremen. Den kenne ich schon seit Ende der 90er, da war er der 16-jährige Zögling von Stylewarz, der immer überall dabei war. Die Produktionskosten für so eine Tour mit elf Leuten sind natürlich nicht gerade niedrig. Es ist aber auffällig, dass die Fans bereit sind, wahnsinnig viel Geld für Konzerte auszugeben. Tut mir natürlich sehr, sehr gut. Aber es ist schon komisch: plötzlich ist der Ticketpreis keine Idee mehr davon, wie viel man gerne kosten würde, sondern eine nüchterne Rechenaufgabe, bei der ein Ergebnis herauskommt, ob es einem gefällt oder nicht.
BLANK: Ist das, was du auf dem Album präsentierst, eigentlich "Der neue Dendemann"? War das eine bewusste Entscheidung oder hat sich das entwickelt?
DENDEMANN: Also erstmal ist das für mich eine ziemlich lahme Entwicklung. Das zieht sich ja jetzt schon seit drei Jahren.
BLANK: Da geht aber jemand mit sich ins Gericht.
DENDEMANN: Nein, gar nicht. Ich mache es mir sehr einfach. Denn das sind keine Entscheidungen. Trotzdem muss ich in den Gesprächen, die ich über die Platte führe, feststellen, dass die Hälfte der Leute mich fragen, was zuerst da war, die Optik oder die Musik. Und da denke ich mir: "Du hast doch nicht mehr alle Latten am Zaun!" Ich lass' mir doch nicht über Nacht eine Matte wachsen. Ich laufe schon seit ziemlich genau zwei Jahren so rum, natürlich nicht mit der ganzen Pracht. Aber die Musik, das hat sich wirklich entwickelt, ich dachte mir nicht: "Jetzt machst du mal was ganz anderes."
BLANK: Gab es da einen Auslöser?
DENDEMANN: Angefangen hat das auf der Grönemeyer-Tour. Da war dann klar, entweder bin ich mit meinem DJ der Stadionsprecher oder ich gehe da mit Band hin. Die Band kannte ich, wie gesagt, schon von deren Veranstaltungen, wo ich Mikrofongast war, diese Sache war also relativ schnell zusammengestellt. Ich wollte das alles minimal halten. Erstens wegen der Kosten, zweitens, weil ich da keine zehn Mann stehen haben muss. Ich brauch' nur Bass, Drums und Noten, ein bisschen Stimmung, und dann Stimme. Und auf einmal mussten Songs, die eigentlich auf einem vollen Bläser-Funk-Sample basieren, wie zB. "Lieblingsmensch", so interpretiert werden. Ich habe damit kein Problem, ich brauch' das nicht genau wie auf Platte. Die Leute kannten es nicht, standen dem also völlig offen gegenüber. Und auf einmal wurde alles verrockt. Alles gewann einen angenehmen Rock-Charakter. Und zwar wie das "Rock", was die Mitte der 80er im Rap immer meinten: "Rock the house!" Es rockt, ooohh, es rockt! Egal ob Gitarre oder was, es geht nicht um die Musikrichtung, es rockt wieder, das ist Energie. Und meiner Meinung nach war diese Energie zuletzt Mitte der 80er auf Rap-Platten zu hören. 90er war eine andere Energie. Und dieser 90er-Energie habe ich bisher jede Platte gewidmet, im Nachhinein betrachtet. Auch wenn ich es nicht immer so gemeint habe. Im Endeffekt hält sich jede dieser Platten an einem Klangbild der 90er fest.
BLANK: Diesmal nicht.
DENDEMANN: Diesmal nicht. Diesmal habe ich gedacht: "Wenn du heute mit der Live-Erfahrung und jetzt immerhin fast zwei Jahren Band auf dem Buckel eine Platte machen möchtest, die den jungen Cool J aufgreift, dann musst du das aber so machen, wie du es heute machen würdest." Und die Beats, die ich dann gemacht habe, die klingen wie 85er-Hip-Hop-Beats: Plastikgitarren und LOL-Drums. Die kommen dann aber dann von einer Live-Band und ich bin mittendrin, das war eine vielversprechende Vorstellung. Frei nach dem Prinzip "Old ist he new new".
BLANK: Um jetzt noch mal auf die Texte zurückzukommen: Die Single "Stumpf ist Trumpf" ist ja offensichtlich gesellschaftskritisch. An wen wenden wir uns denn da, Herr Dendemann? Gab es einen Auslöser für den Song?
DENDEMANN: Sind Menschen, die gerne allein sind, eigentlich gesellschaftskritisch?
BLANK: Nicht unbedingt.
DENDEMANN: Okay, weiter.
BLANK: Zurück zu Stumpf ist Trumpf. Du prangerst Missstände an, stellst aber im selben Song fest, dass sich sowieso niemand für diese Problematiken interessiert, weil Stumpf eben Trumpf ist.
DENDEMANN: Auslöser war vor 3 ½ Jahren das Gespräch mit Bud von Cleptomanix, als es um das Tour-Merchandising ging. Ich hatte wilde Ideen, man hätte ja dieses und jenes machen können. Er schlug mir aber folgendes vor: "Wir machen ein schwarzes T-Shirt, mit deiner Schrift in gelb, du weißt ja, Stumpf ist Trumpf." Ich konnte gar nicht glauben, dass es diesen Spruch wirklich geben sollte. Gibt es aber. Das Shirt, das nach dem "Stumpf ist Trumpf"-Prinzip designt wurde, hat es auch tatsächlich gegeben. Es war nicht nur der Verkaufsschlager, in seiner Stumpfheit, nein es ist auch ein Shirt, das ich wirklich gerne an Leuten sehe. Weil es schlicht ist, und gut. Es war immer klar, dass ich irgendwann dieses Lied machen würde. Es blieb als Thema und als die Musik dann langsam da war, dachte ich mir: Du kannst kein Lied darüber machen, dass stumpf Trumpf ist, weil das ja nicht meiner Meinung entspricht. Du könntest aber so tun, als wärst du der festen Absicht, etwas wirklich Gehaltvolles zu produzieren, aber während des Prozesses, in den du die Leute einweihst, gelingt es erstmal nicht, zweitens ist es nicht wirklich notwendig und drittens wird das Ganze auch noch thematisiert. Und am Ende hat man genau das: Ein Lied, in dem jemand sich total mit irgendetwas beschäftigt, was aber angenehm stumpf ist. Am Ende des Tages ist es das Lied, wo man am wenigsten wissen muss, worum es geht. Obwohl es ganz bedeutungsschwanger losgeht. Und das war so eine Selbstverarsche, so ein trojanisches Steckenmaultier.
BLANK: Trotzdem. Generell herrscht auf dem Album eine Riot-Stimmung. Und zwar nicht nur rein gesellschaftlich, sondern auch zwischenmenschlich, sei es "Tierisch", "Petze" oder "Metapher Than Leather". Du scheinst dich auch über ein paar Leute ziemlich geärgert zu haben.
DENDEMANN: Ich bin ja nicht der Typ, der so etwas immer direkt sagt. So kommt es dann, dass ein Lied, das sich eigentlich über das Querulantentum aufregt, sehr quengelig geworden ist. Das ist dann aber auch das, was es soll. Natürlich möchte ich wie der schlimmste Quengelkopp klingen, damit das der Spiegel ist. Nachdem alle "Es geht bergab" mitgegrölt haben, soll dann irgendwann – Autorenwunschdenken – der Punkt kommen, wo man denkt: "Worüber meckern wir eigentlich?" Na klar, Wut war da. Aber eigentlich nur gegen Plörre, gegen Einheitsbrei und gegen diese Scheiß-Fahrstuhlmucke. Und zwar nicht im Positiven à la Schmusejazz, sondern diese Verweichlichung ... für was? Nicht einmal der Markt will das. Niemand will diese Art von "uäääh"!
Aber scheinbar doch, denn alle erfolgreichen Sachen sind so was. Aber ich akzeptiere das einfach nicht. Dazu kommt noch, dass ich bei meinem Veröffentlichungsrhythmus schon fast Vierzig bin, wenn meine nächste Platte kommt. Wann soll ich also anfangen, Krach zu machen? Ich will Krach machen! Ich fühl mich jetzt nicht gerade nach Midlife-Crisis oder ähnlichem.
BLANK: Ein kleines Rumpelstilzchen bist du aber auf jeden Fall.
DENDEMANN: Ich bin auch trotzig, klar. Es heißt auch irgendwo auf dem Album "Nenn' es Trotzphase, ich nenn' es freud'schen Punk." Das ist es aber auch, es ist kein Punk, weil es viel zu verkopft ist, und, um Gottes Willen, bitte nicht intelllektuell, aber fuilletontauglich. Das ist auf jeden Fall das Nicht-Punkige daran.
Aber auch diese ganze Bediener-Attitüde regt mich auf...ich denke da an Puff Daddy's Zeiten, wo ich gefragt wurde, wie ich mit dieser ganzen Scheiße klarkomme. Und ich habe geantwortet: "Die haben doch nur den Kunstbegriff neu definiert." Als Puff Daddy hast du das Gefühl "Kunst, whatever that is", weil es das ist, wozu es ernannt wird. Die Leute bekommen jeden Tag mit, dass du die Sachen selbst belabelst. Und wenn du es nicht tust, dann wird es jemand anderes tun, aber nie so wie du es selbst könntest, also mach' es einfach. Komm' bloß nicht auf die Idee, zu sagen "Whatever you think it is.", sondern label' dich selbst, das ist die sicherste Variante. Und dann kommt so ein Typ nach ungefähr 100 erfolgreichen Scheiß-Songs und fünf erfolgreichen, guten Songs auf die Idee, zu sagen: "Moment, für mich ist Kunst nicht, Neues zu kreieren, was dann durch einen Hype oder ähnliches als Neues empfunden wird und sich dann verselbstständigt, für mich ist Kunst, etwas zu produzieren, das die Leute wollen." Hört sich total harmlos und gut an, ist aber natürlich die Wurzel allen Übels. Klonmusik. Das ging ja damals so weit, dass die Amis bei den Neptunes angerufen haben und gesagt haben: "Geile Beats, kannst du aber bitte trotzdem die Snare benutzen, die du schon für den anderen Song benutzt hast?" Wiedererkennung.
BLANK: Dieses Phänomen lässt sich aber auch auf den deutschen Hip Hop heutzutage übertragen. Während früher alle ihr eigenes Süppchen gebraut haben, und die Sekte noch Playstation-Beats verwendete, orientiert man sich heute vorrangig an den Standart-Amibeats.
DENDEMANN: Zu deutschem Hip Hop heutzutage lässt sich schwer etwas sagen. Aber die ganze tolle Endneunziger deutsche HipHop-Phase (die man übrigens als Hamburger sicherlich noch mal anders empfindet, als als Berliner, weil wir echt 'ne gute Zeit hatten) war schon spannend.
Als ich nach Hamburg kam, damals, als Zugezogener, habe ich alles so vorgefunden, wie ich es erwartet hatte: Es war ein großer Haufen Hardcore-Nerds.
Wir hatten ein Wissen gesammelt ... über die aktuellen Veröffentlichungen und die vergangenen, über die richtigen Plattenverkäufer und so weiter. Uns konnte keiner was. Als Big Al erschossen wurde beispielsweise: Da lief an diesem Abend in den Clubs eine Stunde lang ausschließlich Big Al-Mucke, da wurden nachts von den Leuten, deren Platten du gehört hast, Pieces neben dem Club gemalt und los gings. Das war eine Zeit, als in Stuttgart schon dieser Endneunziger-Clubhiphop lief. "Jiggy" war da so eine Vokabel – auch wenn es dabei eigentlich um Kleidung ging, was aber keiner gerafft hat. Da ging es schon los, dass sich alles gegenseitig gebissen hat. Und wir haben, ehrlich gesagt, von dem ganzen anderen Kram nichts mitbekommen – wir hatten ja alles. Noch dazu ging es darum: Amis. Sound, Flow, Beats? – Ja. Live-Performance? – Nein. Artwork? – Nein. Mechandise? – Nein. Alles, was schlecht war von drüben, wurde ganz offen und ehrlich für nicht adaptierbar erklärt. Es wurde immer das Gegenteil davon gemacht. Weil damals auf Hamburger Bühnen so viele Idole gestorben sind, von Rakim bis sonstewem. Alle haben verkackt.
Und wir hatten einfach was vor. Das waren vor allem Leute, die die Zeit mitbekommen hatten, als mit deutschem Hip Hop niemand etwas zu tun haben wollte.
BLANK: Nämlich wann?
DENDEMANN: Noch vor den Fantas. Oder zwischen dem ersten und zweiten Album der Fantas. Als VIVA entstand und die gesagt haben: "Wir spielen natürlich 40% deutsche Musik. Aber doch nicht so was!" Dann kam die Zeit der Fantas und der Brote – peinlich, aber okay. Jedenfalls war so das allgemeine Empfinden, ich hab's gefeiert. Dann kam die Zeit '99/2000, wo du, wenn du auf die Frage, welche Musik du hörst, mit " deutschen Hip Hop" geantwortet hast und völlig safe warst. Und jetzt sind wir eigentlich auf einem Peinlichkeitslevel, mit dem ich nicht gerechnet hätte. Dass man darauf zurückfallen kann...
BLANK: Dann versuch doch mal, den Status Quo der deutschen Hip Hop-Szene zu beurteilen.
DENDEMANN: Kann ich nicht. Weil es mir so unangenehm ist. Die selbe Frage sollte ich schon zum letzten Album vor – ja, zum mitschreiben – vor dreieinhalb Jahren beantworten. Und auch da habe ich schon gesagt, dass ich das nicht beurteilen kann.
BLANK: Gibt es überhaupt noch eine Szene?
DENDEMANN: Gab es überhaupt je eine? Die Leute, die das von Anfang an miterlebt haben, die behaupten, es gab schon Anfang der 90er keine Szene mehr.
BLANK: Aber war es in Deutschland nicht schon immer so, dass sich Hip Hop immer standortbezogen abgespielt hat – also beispielsweise in Hamburg oder Stuttgart oder Berlin?
DENDEMANN: Es gab mal eine gesamtdeutsche Szene, habe ich gehört. Es gab eine Interrail-Community, die sich jedes Wochenende auf Jams getroffen hat, egal wo dieser Jam war. Weil es der einzige war. Das heißt, die Hamburger fuhren da hin, die Heidelberger fuhren da hin, und alle trafen sich da. Das muss es gegeben haben. Kurz nach dieser Zeit stand ich dann bei den Hip Hop-Veranstaltungen selbst im Publikum, so 92/93. Da stand ich dann beim Merchandise-Stand von Torch rum und haben denen zugehört. Aktuell kann ich zu deutschem Hip Hop nichts sagen, leider. Ich weiß, da wird was gehen. Weil ich glaube, es gibt Gruppen und Bewegungen, die sehr zukunftsverheißend sind für was frisches, neues, unverbrauchtes. Vor allem wird da etwas entstehen, von dem sich nicht mehr sagen lässt, wann es noch Hip Hop ist und wann nicht. Das bricht sich ja gerade komplett. Ich hoffe, die Entwicklung wird sein, dass ein guter MC, nicht ein Straßenrapper, sondern jemand, der sich als vollwertiger MC empfindet, dass der sagt: "ich rapp' über alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ob das ein Rock-Beat oder ein Justice-Beat ist, ist mir doch scheißegal. Ich kann doch rappen." Das ist ein neues Ding, das habe ich bei Leuten wie Mickey Factz beobachtet. Trotzdem würde ich mich dazu nicht äußern wollen.
BLANK: Das heißt, du würdest jetzt auch keine Newcomer-Empfehlung aussprechen.
DENDEMANN: Nein, kann ich nicht. Ich weiß, da sind ein paar spannende Sachen am Kommen. Aber bevor ich jetzt mein gefährliches Halbwissen auspacke und zwei, drei Namen nenne, gebe ich mir und den Leuten lieber noch ein Jahr. Dann können sie touren, werden gute und auch mal schlechte Käsebrötchen essen müssen, und am Ende kommt hoffentlich was Gutes dabei raus. Dann höre ich mir vielleicht auch wieder mal eine Platte an. Aber jetzt kann ich nicht und will ich nicht.
BLANK: Gab es in den letzten Jahren überhaupt eine richtig gute deutsche Hip Hop-Platte, gemessen am ursprünglichen Hip Hop-Schema? Am ehesten könnte man da noch KIZ nennen.
DENDEMANN: Denke ich auch. Obwohl ich darüber jetzt nicht unbedingt sprechen möchte. Aber ich finde, dass das wirklich ein sehr gelungener Spagat ist zwischen Fünf Sterne Deluxe-Ideenrap und einer für Berliner anscheinend notwendigen Härte im Ton, ohne die man sich irgendwie gar nicht so richtig wohlfühlt.
BLANK: Auf deinem Album blickst du mit "I'm A Record Junkie und zurück" auch, so scheint es zumindest, sehnsüchtig zurück auf die guten alten Plattensammelzeiten. Es scheint so, als würdest du das Mp3-Zeitalter und die damit verbundene Verschiebung der Wertigkeit von Musik bedauern. Oder ist das, Informations-und Möglichkeitsüberfluss hin oder her, trotzdem eher eine Chance? (Pause)
DENDEMANN: Weißt du, ich habe ein Autoradio. Und habe letztens eine Adapterkassette gekauft, das funktioniert, klingt aber meistens scheiße. Ich kann doch nicht behaupten, dass ich lieber zurückspule, als einen Song zu skippen. Das ist alles nur von Vorteil. Diese Selbstverständlichkeit, Musik dabei zu haben, auf dem einzigen Gerät, was heute jeder immer dabei hat. Das Handy ist da ja fast wichtiger als der Haustürschlüssel. Oder die ganze Sache, dass man mit Gratis-Software Beats machen kann, wie 9th Wonder aus den USA. Auf den ist Jay Z durchs Internet gestoßen und dann hat er für Destiny's Child produziert. Man muss nur wissen, dass so etwas aber auch immer Begleiterscheinungen hat. Man muss sich durch mehr Schrott wühlen, denn wenn jeder im Internet Beats bauen kann, ist natürlich auch dementsprechend viel Mist dabei. Aber auch das ist Hip Hop, finde ich. Ob du nun der Writer bist, der aus einem reichen Elternhaus kommt und sich Dosen kauft und dann Scheiße baut oder ob du sie klauen musst oder ob du weder noch bist und, weil du dich nicht traust, zu klauen oder illegal zu malen, hast du eben 20 Skizzenbücher voll. Du bist immer noch Künstler. Jeder, wie er meint. Und das ist auch das tolle an Hip Hop, deshalb ist Hip Hop auch diese wahnsinnig einflussreiche Jugendkultur. Das Besondere ist dieser unglaublich schmale Grat zwischen Konsument und Aktivist. Weil für jeden etwas übrig bleibt. Man kann alles ausprobieren.
(Teresa Mohr)

Während sich Künstlerinnen wie Lady Gaga oder Beyoncé ihre vom Personal Trainer gestählten Hintern aufreißen, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu lenken, kann sich Siri Svegler ins Fäustchen lachen. Die braucht nämlich weder crazy Outfits, noch hochkomplexe Tanzchoreografien, um von sich zu überzeugen. Sie singt einfach. Und hat damit sogar Seal um den Finger gewickelt.
![]()
Nicht jede Schwedin ist blond und bleichgesichtig. Da das menschliche Gehirn ja dazu neigt, in Prototypen zu denken, ist es durchaus überraschend, zum ersten Mal das Gesicht zum nordischen Namen von Siri Svegler zu sehen.
Die Frau sieht nämlich aus wie Schneewittchen, obwohl man ihr ganz andere Attribute zuschreiben möchte, als Haare schwarz wie Ebenholz und Lippen rot wie Blut.
Dementsprechend wollte BLANK nicht auf ein Modeshooting verzichten und hat Siri Svegler in feinsten Blutsgeschwister-Zwirn gehüllt und im Berliner Rodeo abgelichtet.
Zum Shooting kommt das Fräulein, dem man kaum glauben mag, dass es 29 Jahre alt ist, ein wenig zu spät und berichtet, während sie ihren zarten Körper auf einem altersschwachen Barhocker balanciert und ihn dabei mit Pommes befüllt, vom Auftritt in der letzten Nacht.
Die Songwriterin ist im Rahmen ihrer Auszeichnung mit dem Nachwuchspreis der VW Soundfoundation unterwegs gewesen, ihr Mentor für dieses Programm ist kein geringerer als Seal, der sich vor Begeisterung kaum einkriegt, wird er auf die Schwedin angesprochen.
Doch bis hierher war es für sie ein steiniger Weg: „Es gibt so viele Aspekte, die erfüllt werden müssen, um den Durchbruch zu schaffen. Natürlich braucht man Talent, natürlich auch ein wenig Glück. Und ohne gute PR läuft nichts. Du kannst eine super Platte machen, doch davon wird niemand etwas erfahren, wenn du keine gute PR machst. Promotion ist ein ganz ausschlaggebender Punkt in diesem Business.“
Doch die Zeiten stehen gut für Songwriter-Damen, wie Duffy, Amy Winehouse, Pixie Lott, Marit Larsen und Co. beweisen. Wenn man dann noch aufregender als die junge Norah Jones klingt…
Dabei sahen Siri Sveglers ursprüngliche Pläne für die berufliche Zukunft ganz anders aus.
Ihr eigentliches Steckenpferd, dessen war sie sich sicher, sei das Tanzen. Schließlich zeichnete sich schon im Kleinkindalter ab, dass die kleine Siri geboren wurde, um zu entertainen. „Dazu gibt es eine lustige Anekdote aus meiner Kindheit. Im Fernsehen lief der Musical-Film „Victor und Victoria“ mit July Andrews. Ich kam in den Raum, bin sofort auf den Fernseher zu gerannt und habe angefangen mitzusingen und zu tanzen. Singen lief aber immer eher nebenher, ich war als Kind vor allem körperlich kreativ.“
Deshalb bewirbt sich Svegler an einer renommierten Londoner Schauspielschule und zieht 2000, nachdem sie die Aufnahmeprüfung erfolgreich bestanden hat, aus Göteborg in die Millionenstadt: „London als Weltmetropole hat fast mehr Einwohner als Schweden insgesamt. Es war ein Riesenunterschied in fast jedem Aspekt.“
Die Ausbildung an der Arts Educational School ist hart, schon im ersten Jahr der Ausbildung müssen viele die Schule wieder verlassen, weil sie den Anforderungen nicht gewachsen sind. Die damals 20-jährige hält durch, obwohl die Methoden fragwürdig sind: „Es war hart! Sieben Tage die Woche Unterricht, acht Stunden lang. Man musste jeden Tag vor viertel vor neun einchecken. Kam man zu spät, war man für den Tag vom Unterricht ausgeschlossen. Die Schulleitung legte großen Wert auf Disziplin, man wollte uns wohl für die Branche vorbereiten. Es war echt krass, mein erster Kulturschock.“
Doch die Mühen werden belohnt. Ein Casting-Agent aus Hollywood sieht die Schwedin in einer Produktion der Schule und lädt sie zu einem Vorsprechen für das Wolfgang Petersen-Epos „Troja“ ein. Siri bekommt die Rolle, und die Dreharbeiten mit Stars wie Brad Pitt und Orlando Bloom ermöglichen ihr einen Einblick ins Hollywood-Leben, der sie eher verstört: „Es ist einfach nicht mehr normal, wie die Menschen auf die anderen Schauspieler reagiert haben. Wir sind nur von einem Restaurant zu einem Nachtclub gelaufen, und für fünf Minuten war man blind wegen des Blitzlichtgewitters. Ich habe die Bilder in der Boulevardpresse gesehen, als ich zurück in London war. Das war schon seltsam. Wie eine parallele Wirklichkeit, an die nur die Öffentlichkeit glaubt. Es ist verdammt einfach, in diesem Business missverstanden zu werden.“
Ihre Ausbildung zieht sie weiter durch, obwohl sie mittlerweile spürt, dass die Härte und Disziplin des Tanzbusiness nicht ihr Ding sind. Doch sie hat ein anderes Talent in sich entdeckt, das sich nun über ihre Stimmbänder seinen Weg nach draußen bahnt. „Eigentlich ging es erst nach dem Studium an der Schule wirklich mit Musik los. Dann habe ich mich nämlich mehr und mehr mit verschiedenen Bands befasst, mir Gitarre beigebracht und angefangen zu schreiben. Das war vielleicht spät, aber manchmal dauert es eben ein wenig, bis man seinen Weg gefunden hat, damit man sich wirklich ausdrücken kann.“
Noch in London beginnt sie, sich musikalisch auszuprobieren, und gerät dabei gleich an einen der Top-Jazzpianisten: Christian Vaughan, der so beeindruckt von ihrer Stimme ist, dass er eine Band zusammenstellt, die Siri den perfekten Rahmen bieten soll. Doch London ist nicht Endstation auf Siris Reise, denn bei einem ihrer ersten Berlin-Besuche verliebt sie sich und zieht in die deutsche Hauptstadt: „Mein Leben hat sich sehr verändert, aber ich habe meinen Umzug nie bedauert. Berlin ist die einzige Hauptstadt Europas, wo auch eine anfangende Künstlerin unbeschwert das Leben genießen kann. Man kann immer noch eine günstige Wohnung finden, und so weiter. Auch die Geschichte der Stadt ist faszinierend, Berlin hat so viel durchgemacht.“
In Berlin angekommen, geht es für Siri richtig los. Sie textet und komponiert, arbeitet mit Produzenten Frank Schellenberger zusammen, der auch schon Smudo und Samy Deluxe den letzten Feinschliff verpasste. „Ich bin eine sehr textorientierte Musikerin. Für mich spielt der Text eine große Rolle, ich finde es besonders gelungen, wenn man regelrecht Geschichten erzählt, wenn etwas im Song passiert.“
Große Inspiration findet die Schwedin in Künstlern wie Leonard Cohen, Lou Reed, Joni Mitchell und David Bowie. Ihr Stil auf ihrem auf Compost Records erschienenen Debut „Their Whine“ liegt irgendwo zwischen Pop, Jazz und Folk. Um es kurz zu machen: Die Platte ist ein Hit. Wir sind sicher, vom schwedischen Schneewittchen wird man noch einiges hören. Und es wird gut sein.
(Text: Teresa Mohr / Fotografie: Svenja Eckert)

![]() |
So richtig groß geworden ist die die Band um die rattenscharfe Frontfrau Maja nun doch nicht. Bei der ganzen miesen Genrekonkurrenz eigentlich ungerecht; und nach dem Hören der aktuellen Songs fragt man sich erst recht wieso es denn bisher nicht hundertprozentig an vorderster Popfront geklappt hat.
Mit Studioalbum Nummer drei dürften die Karten nun aber nochmal neu gemischt werden (um mal endlich wieder eine abgetakelte Redewendung ins Spiel zu bringen). |
||
Das vorliegende Album bietet von Anfang an einen Dauerbeschussß an Singalongs und einprägsamen Refrains. O.k. - zugegebenermaßen findet sich ab und an auch etwas zu zeitgemäß zusammen gezimmertes Songwerk neben den echten Ohrwürmern wie „No One Sleeps...“ oder „Dorchester Hotel“ ein. Das nennt sich dann wohl Popkannibalismus mit 1 A Anschauungsmaterial: „Beatbox“ beispielsweise, könnte sich auch gut auf einer Robbie Williams Single B-Seite machen. Aber diese Ausflüge in Richtung Konsensfaschismus & Kompromisssound bleiben dann doch recht überschaubar. Gut so, wenn man bedenkt, dass hier Leute am Werk sind, die in der luxuriösen Lage sind, tatsächliche Hits zu schreiben. So wird das Spiel mit der Erwartungshaltung locker und mit noch etwas Platz „nach oben“ gemeistert. Fazit: „...The Rubicon“ ist ein kurzweiliges Powerpop-album mit einigen Highlights geworden. Vor allem dann, wenn die Schweden die synthetisierte Joan Jett/Pretenders Schiene fahren („Midnight Sun“). Ihr wisst schon: Rotzig und voller Pathos, aber eben nicht zu dreckig. Da reicht dann schon eine schicke Hookline über flächigen Gitarren, schlierenden Synths und einem begradigten Stampfbeat aus. Demnächst sicher im Radio bzw. in der Indiedisse eures Vertrauens.
Im Zuge der bevorstehenden Deutschland-Veröffentlichung des dritten The Sounds Albums namens „Crossing The Rubicon“, konnte ich mit Gitarrist/Keyboarder Jesper ein paar Worte wechseln. Das Album ist bereits seit gut einem halben Jahr ausschließlich über Import erhältlich, was bei der Qualität des Powerpopquartets eigentlich verwundert. Vertriebsprobleme? Labelzoff? Outsourcing? Fragen über Fragen...
BLANK: Wieso habt ihr euch eigentlich dazu entschieden, das neue Album auf dem eigenen Label Iimprint zu veröffentlichen?
Jesper: Nun, ich bin seit meinem siebzehnten Lebensjahr bei The Sounds und ab einem gewissen Punkt weiß man halt einfach wie das Musikgeschäft läuft. Dann willst du natürlich auch das Maximum aus deiner Situation rausholen. Wir hatten einfach streckenweise das Gefühl, dass wir nicht wirklich „weiter“ kommen. Gerade in einem Land wie Deutschland, saßen wir mehr oder minder fest, weil das Label uns nicht das Engagement entgegenbrachte, das wir gebraucht hätten.
Wenn du dich aber dazu entscheidest alles selber zu machen, bist du in der Lage, die fertige Platte am Ende verschiedenen Labels anbieten zu können, ohne Kompromisse im Verlauf der Produktion in Kauf genommen zu haben. Das ist auch eine Sache des Stolzes.
BLANK: The Sounds sind ja eine Band, die sich sich einen Namen durch intensives Touren erspielt hat. Wie schaffst du es der Routine des Touralltags zu entkommen und dich abzulenken?
Jesper: Hmmm. Manchmal ist das Tourleben einfach ein Riesenspaß, ab und an aber auch einfach nur trist. Je nach Land, Stadt oder Stimmung. Dann halte mich mit Workouts fit und versuche mit Hilfe der Tagesnachrichten einen Bezug zur Welt da draussen beizubehalten.
BLANK: Also das alte Spiel Mikro- vs. Makrokosmos?
Jesper: Ja, das kann man definitiv so sehen.
BLANK: Ihr wohnt ja inzwischen alle in der südschwedischen Stadt Malmö. Was für eine Art symbiotische Beziehung habt ihr denn zu diesem Ort entwickelt? Gibt es irgendetwas Spezifisches, was diese Stadt auszeichnet und was nur dort möglich ist?
Jesper: Malmö ist eine Stadt der Arbeiterklasse. Es wirkt etwas rough aber dort herrscht prinzipiell ein guter Vibe, der sich auch auf unsere Musik niederschlägt. Wir haben unser Studio in der Nähe eines geschäftigen Eisenbahnquartiers, also bekommen wir auch die entsprechende Geräuschkulisse mit. Anfahren, Abfahren, das Gebimmel..., vielleicht könnten wir ja auch mal ein paar Fieldrecordings bei einem Song einbauen. Jedenfalls kennen uns die dortigen Arbeiter schon und man sieht sich und begrüßt sich; und begegnet sich mit dem nötigen Respekt.
BLANK: Apropos Respekt. Hast du eine schwedische Lieblingsband, quasi einen All-Time-Favourite?
Jesper: Ja. Das wären Kent.
BLANK: Und was hörst du aktuell an schwedischen Bands?
Jesper: Peter, Björn & John finde ich ganz gut.
BLANK: Gab es bei dir einen klassischen Moment der Initiation, bei dem der Wunsch und das Verlangen aufkam bzw. sich verfestigte, mit der Musik deinen Lebensunterhalt zu verdienen?
Jesper: Ich hatte seit dem sechsten Lebensjahr Klavierunterricht und das Musizieren hatte in erster Linie einen therapeutischen Zweck. Darauf könnte man es auch heute noch reduzieren. Therapie. Jedenfalls meinte meine Mutter beim Klavierspielen irgendwann zu mir: „Ich höre dir an, wenn du wütend bist und wenn du ausgeglichen bist. Man erkennt es an der Intensität deines Anschlags.“ Das war einer der Momente, an dem das Musizieren bei mir einen Mehrwert erzeugte. Plötzlich gibt es ein Feedback und dann entsteht die Gewissheit, dass man tatsächlich Leute mit der eigenen Musik erreichen kann. Das ist ein wunderbares Gefühl. Die Essenz des Musikmachens.
(Daniel Vujanic)
Konstantin Gropper wurde mit seinem Musikprojekt Get Well Soon im vergangenen Jahr berühmt. Mit klugen Texten und opulent orchestrierter Musik hat er Melancholie ganz neu inszeniert. Jetzt erscheint sein zweites Album „Vexations“. Wir haben mit dem Mann aus der oberschwäbischen Provinz und heutigen Wahlberliner über ländlichen und urbanen Schwermut gesprochen.
![]()
BLANK: Konstantin, wann warst du das letzte Mal richtig sauer?
KONSTANTIN GROPPER: Als ich das Wahlergebnis von der FDP erfahren habe. Da war ich ein bisschen sauer, aber auch nicht so richtig, das bin ich sehr selten. Ich habe es einfach nicht so ganz verstanden, dass nach all dem Gefluche auf das soziale Gefälle ausgerechnet diese Partei so gut abschneidet.
BLANK: Gibt es denn etwas, das dich in solchen Momenten beruhigt?
KG: Bier hilft immer. Diesen Spruch könnte ich mir auch auf Stoff sticken und übers Bett hängen. In Maßen natürlich, meistens reicht schon eins. In allgemeinen Stresszeiten hilft mir aber auch ein entspanntes Kochen.
BLANK: Dein neues Album „Vexations“/ übersetzt „Ärgernisse“, handelt von Stoikern – zu denen du dich dann wohl nicht zählen würdest, richtig?
KG: Nein, ich würde mich wirklich nicht dazu zählen. Ich finde auch, dass es wenige Dinge gibt, über die es wirklich lohnt, sich aufzuregen. Es gelingt mir immer relativ gut, nicht sauer zu werden. Ich bin eher oft besorgt und gestresst.
BLANK: Trotzdem hast du mal gesagt, du würdest in den neuen Songs auch von deiner „Reibung an der Welt“ singen. Was bedeutet das genau?
KG: Es kam zu dieser Aussage, weil ich die Themen der Songs auf einen Nenner bringen wollte. „Reibung an der Welt“ kann vieles sein. Es können alltägliche Kleinigkeiten sein, die konfliktbeladen sind, wie eine einfache Konversation oder eine Geschäftsbeziehung. Es können aber auch die großen Fragen rund um Zukunftsängste sein. Diese Reibung an der Welt macht einen jedoch nicht zwangsläufig sauer. Sie kann sich auch anders äußern.
BLANK: Wie zum Beispiel?
KG: Sie kann einen auch traurig oder gleichgültig machen.
BLANK: Letztes Jahr erschien dein Debütalbum und du wurdest über Nacht zum Wunderjungen des deutschen Indie-Pop gemacht. Hat dich vielleicht dieser mediale Hype ein bisschen verärgert? Weil man ja weiß, was passieren kann, wenn man jemanden so weit nach oben wirft.
KG: Ich fand es schon sehr vorschnell. Bei Debütalben passiert es sehr oft, dass man einen Hype aufbaut. Jetzt wird das zweite Album am ersten gemessen werden. Es wird kaum jemand über das neue Album sprechen, ohne zu erwähnen, dass das letzte so erfolgreich war und sehr positiv bewertet wurde. Das halte ich selbst gar nicht für nötig.
BLANK: Du bist aus der oberschwäbischen Provinz nach Berlin gezogen. Viele halten dich für ein Aushängeschild der Berliner Musikszene. Fühlst du dich denn überhaupt als Teil einer Szene?
KG: Nicht wirklich. Weder hier in Berlin, noch sonst irgendwo. Es gibt keine Szene, in der ich mich bewege. Klar habe ich Freunde, die auch Musik machen, aber das kann man ja nicht als Szene bezeichnen. Womit ich an der Berliner Musikszene aber schon was anfangen kann, ist dieser DIY-Charakter. Alles wirkt immer noch ein bisschen wie Underground und sehr selbst gemacht. Im Gegensatz zum Beispiel zur Hamburger Musikszene. Die kenne ich zwar nicht so gut, aber ich habe dort das Gefühl, dass alles so professionell ist. Wenn jemand dort Musik macht, hat er auch sofort mit Studiomusikern zu tun.
BLANK: Aber für dein neues Album bist du doch auch raus aus dem Schlafzimmer, wo du für das Debütalbum noch vieles programmiert hattest und rein ins Studio, um dort unter anderem echte Bläser und Streicher aufzunehmen.
KG: Ja, aber ich hab’s mir im Schlafzimmer ausgedacht. Es ist für mich nicht die Idealvorstellung, alles von dort aus zu machen, das muss für mich nicht ewig so bleiben. Aber es ist etwas, mit dem ich mich identifizieren kann: zu versuchen, alleine und aus eigener Kraft etwas zu machen.
BLANK: Die neuen Lieder tragen wieder viel Melancholie in sich. Die meisten sollen in deiner Heimat entstanden sein. Ist das Dorf der bessere Nährboden, um melancholische Stücke zu schreiben?
KG: Das elementare Gerüst für dieses Album ist in der Provinz entstanden. Die Ausarbeitung passierte dann in Berlin. Die Großstadtmelancholie und die Provinzmelancholie sind natürlich zwei verschiedene Sachen. Zum Beispiel die Pariser Großstadtmelancholie bei Rilke, die ich auch mit auf dem Album verarbeitet habe, lebt ja eher davon, dass viel um einen herum passiert und man darin ein bisschen verloren geht. In der Provinz ist man melancholisch, weil eben gerade nichts passiert.
BLANK: Ist die Melancholie in der Provinz dann stärker?
KG: Man kann sich stärker darauf einlassen. Mir fällt es in der Provinz aus dem ganz praktischen Grund leichter zu schrei-ben, weil man da einfach nicht so sehr abgelenkt wird.
BLANK: Kannst du dir aus künstlerischer Sicht vorstellen, zurück aufs Dorf zu ziehen?
KG: Aus künstlerischer Sicht – weiß ich nicht. Ich behaupte ja, dass es keinen so großen Effekt auf mein künstlerisches Tun hat, wo ich gerade bin. Wenn es in Berlin die Möglichkeit gibt, komplett abgeschottet zu arbeiten, funktioniert das für mich auch. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, wieder auf dem Land zu leben.
BLANK: Kapieren die Leute bei dir zu Hause auf dem Land denn deine Musik?
KG: Keine Ahnung, aber ich weiß auch nicht, ob irgendjemand die Musik so kapiert, wie ich mir das wünsche. Außerdem weiß ich gar nicht, ob man sich wünschen sollte, dass die Musik kapiert wird. Das heißt, wie und warum sich Menschen in dieser Musik wieder finden, sollte ich ihnen nicht vorschreiben. Wenn jemand auf dem Land denkt, Scooter seien elektronische Musik und Techno, weiß es wahrscheinlich jemand besser, der in Berlin lebt. Das ist so eine gewisse Szene-Kompetenz, die man für meine Musik aber nicht braucht.
(Text: Erik Brandt-Höge / Fotografie: Ben Fuchs)

Hot Hot Heat sind wieder da. Im Zuge der Jägermeister Rock:Liga werden die Jungs aus Kanada im Februar für fünf heißersehnte Gigs zusammen mit The Teenagers und Offical Secrets Act endlich einmal wieder über deutsche Bühnen rocken. Bei dem ansteckend quirligen Indierock des Quartetts um Sänger Steve Bays ist es gar nicht mal unwahrscheinlich, dass sie es bis ins Finale nach Berlin schaffen werden. Ein relaxter und gesprächiger Bays stand mir im frisch errichteten Hot Hot Heat Studio Rede und Antwort.
![]()
BLANK: Hot Hot Heat sind mittlerweile schon seit über 10 Jahren unterwegs. Was dürfen wir denn die nächsten 10 Jahre von Euch erwarten?
STEVE BAYS: Definitiv mehr Experimente. Wir haben uns in Laufe der letzten Jahre ein Studio gebaut und eingerichtet. Nun können wir unabhängiger als zuvor an unserem Gesamtsound feilen. Ohne Fremdeinwirkung, Zeitdruck oder einem Konsensproduzenten. Vorab erscheint jetzt erst einmal ein neuer Hot Hot Heat-Song auf einer Compilation, und ich denke mal, das Album dürfte auch in ein paar Monaten fertig sein. Ich bin in dieser Hinsicht optimistisch und ziemlich aufgeregt. Es wird unser bisher bestes Album - anders, aber auch dreckiger denn je. Wir arbeiten gerade Tag und Nacht daran. Nebenbei habe ich noch ein neues, bisher namenloses (Solo-)Projekt am laufen. Das Debutalbum ist inzwischen fast fertig.
BLANK: Apropos Alben. Hattest du 2009 irgendwelche Lieblingstonträger?
SB: Da gab es vieles. Was mich aber am meisten beeindruckt hat, war das letzte Phoenix Album. In Sachen Produktion und Songwriting war es mein persönliches Highlight des letzten Jahres. Es ist einfach nur unglaublich gut. Wie aus einem Guss.
BLANK: Ihr seid im Februar im Rahmen der Jägermeister Rock:Liga endlich wieder live in Deutschland zu sehen. Was machst du, um dem tristen Touralltag entgegenzuwirken?
SB: Ich versuche, so viel wie nur irgend möglich von den Städten aufzusaugen, in denen ich bin. Ich laufe beispielsweise gerne durch die Gegend und lasse die Eindrücke auf mich wirken. Oder rede mit den „Locals“. Das hilft eigentlich ganz gut gegen den repetativen Touralltag und man lernt tatsächlich auch die untypischen Seiten einer Stadt kennen.
BLANK: Und direkt vor euren Konzerten? Viele Bands stimmen sich vor ihren Auftritten gemeinsam auf ihre Show ein. Wie ist das bei euch?
SB: Wir als Band genehmigen uns vor einem Gig gern mal eine Runde Jägermeister. Das ist fast schon so etwas wie ein kleines Ritual geworden. Soll ja schließlich - sprichwörtlich - die Stimmbänder einölen. Was mir als Sänger natürlich zu Gute kommt.
BLANK: Letzte Frage – was ist deiner Meinung nach die beste kanadische Band aller Zeiten?
SB: NoMeansNo. Ohne Frage.
BLANK: Haha. Wäre erstaunlicherweise auch meine erste Wahl gewesen. Danke und viel Spaß bei der Rock:Liga.
(Interview: Daniel Vujanic / Fotografie: Joshua Peter Grafstein & Kevin Lewandowski for thefuturists.ca
)

„Jein“ war Mitte der Neunziger eine der Nummern, die man eigentlich scheiße finden wollte als Pubertierender. Aber man kam doch nicht drumrum, mitzuwippen und zu -nicken. Genau wie bei „Pushed Again“ von den Hosen. Jeder, der irgendwo irgendwie dazu gehören wollte – und darum geht es ja trotz fortwährender Beteuerung des Gegenteil in der Pubertät – musste irgendwie den Refrain mitstottern und sei es nur fragmentarisch. Die Mädels mochten es und die anderen haben mitgemacht. Oder fanden es welche sogar gut? Muss wohl so gewesen sein. Ich nicht – aber sie hieß Veronika. Also fragte ich mich auch – „Soll ichs wirklich machen oder lass´ ichs lieber sein?“ Aus Veronika und mir wurde nichts, aus Fettes Brot schon. Die haben über die Jahre immer mal wieder – geben wir es zu: in schöner Regelmäßigkeit – einen Hit gelandet und sind neben den Vier Stuttgartern mittlerweile die deutschen Sprechgesang-Dinos. Und in diesem Jahr schließt sich dann auch wieder der Kreis, denn den Broten gehen die Ideen aus die Brote schließen einen Kreis und haben dieses Jahr „Jein“ in neuem Gewand digital released. Ob Pubertäts-Deutschland auch 15 Jahre später wieder zu Kopfnick-Deutschland wird, können wir in Kürze dank T-Mobile in Berlin beobachten. ![]()
Die holen die drei Jungs aus Hamburg im Rahmen ihrer Streetgigs am 24. Februar für Lutsche ins ehemalige DDR-Funkhaus Nalepastraße. Wer sich eines der letzten Tickets für dieses Event sichern möchte, sollte sich schleunigst mal auf www.t-mobile-streetgigs.de umsehen.

Immer mehr Nordlichter verirren sich in die deutsche Hauptstadt, leben und arbeiten hier, machen Musik und machen natürlich auch Party. Wurde höchste Zeit für eine Partyreihe namens „Nordic By Nature“. Am 18. Februar ist es dann soweit und es gibt das hochoffizielle Opening im Kreuzberger SO 36. Also wer auf skandinavischen Musikgeschmack vertraut, kann hier eine neue Heimat finden. Zum Auftakt hat man übrigens Exploding Heart zum Aufspielen bestellt. ![]()
Termin:
18.02.2010 SO 36, Berlin
Live: Exploding Heart (Stockholm), DJs: Shibie & Justlikesnow
www.myspace.com/nordicbynatureberlin
Zum Technischen: Auf zwei CDs (Lucent/Embrace) findet sich ein okayer, stellenweise etwas statischer „wir-erleben-einen-verhuschten-tag/eine-durchzechte-nacht“ - Mix von Moonbootica´s KoweSix samt den üblichen (Disco-)Verdächtigen einerseits, aber auch - netterweise -, den dazu kompatiblen Indiepathosschlurfis wie Elliot Smith, Soap & Skin oder Fink als moody Mixalternative. So weit so nett. ![]()
Ganz unterhaltsam aber eben ohne größeres Überraschungsmomentum. Es ist halt nur ein zweimaliger und funktionaler DJ - Mix. Musikalisches Handwerkszeug, welches im Club mit adäquatem Alkohol/Leute/Lautstärkepegel bestimmt besser funktioniert als daheim. Das mitgelieferte Brimborium mit dem sich die Modeschöpferin (und Achtung! Qualitätskriterium!) Schülerin von Vivienne Westwood, Silke Wilhelm aber meint einen „Audiovisual Couture“ Überbau für ihre Mode schaffen zu müssen, ist hingegen einfach nur peinlich blasiert. Sorry, aber einen Bezug (bzw. eine Entsprechung) von Lifestyle, Urban Couture und zeitgemäßer Konsensraum/Kopfbeschallung mittels Duftpröbchen in Samtverpackung unter der Zuhilfenahme einer Doppel-Mix-CD eines vielbeschäftigten DJs zu finden, und das Ergebnis den Kunden auch noch als „besondere Sache“ andrehen zu wollen ist prätentiöser Schrott. Einfach nur hirnverzehrend opportunistischer Mist, der das Ausmaß der jahrelangen Musik- und Modeinflation erahnen lässt. Der Kassettenmix eines Teenagers hat bei weitem mehr Style. Im Vergleich dazu geht das hier einfach nur nach hinten los, obwohl das Gehörte strengenommen eigentlich völlig in Ordnung ist. Es ist halt nur die Art und Weise wie hier Allianzen geschmiedet werden die einfach nur wütend machen, verständlich - ob der jahrelang andauernden Invasion des Marketings und der ganzen ästhetischen Belanglosigkeiten.
Die komplette DJ-Mix-CD Schiene ist bei intensiverer Betrachtung sowas von Neunziger und bis zur Leichenstarre anachronistisch. Wann kam die erste Kruder&Dorfmeister DJ-Kicks auf K7 raus? 1996? Gratulation. Fashion und Fortschritt sind demnach antagonistische Waisenkinder. Weltfremd und etwas behindert. Wieso wird Mode 2010 immer noch mit Lounge/Club gleichgesetzt? Wo bleibt das verdammte Wagnis? Das Risiko? Die Subversion? das „Wir-Gegen-Den-Rest“ Gefühl? Leute, rafft euch endlich mal und sucht nach neuen Strategien für euren ranzigen Modevampirismus, vielleicht mal jenseits der symbiotischen Beziehung von Gala-Horizont, Latte Macchiato Melancholie und gähnigen 4/4-Standardclubsounds. Da draußen geht so viel mehr. Das hier braucht kein Mensch. Dead Time For Dead Fashion.
Silke Wilhelm 1: Audiovisual Couture Vol.1 by KoweSix erscheint am 15.02. bei Conte De Conteur
(Daniel Vujanic)
Mit seinem letzten Album schaffte es der einstige Frontmann der Stuttgarter Hip-Hop-Formation Freundeskreis vor vier Jahren an die Spitze der Charts und auch sein neues Album „Ein geschenkter Tag“ kletterte auf Anhieb in die Top Ten. Was das an absoluten Verkaufszahlen bedeutet, ist dabei vielleicht nicht ganz so wichtig, wie der Umstand, dass für die anstehende Tour bereits Zusatzkonzerte anberaumt wurden. Für einen, der sein neues Album in nur einer Woche mit Band im Studio live eingespielt hat und sich vielleicht endgültig entfernt hat von Beats, Samples und Loops, ist das Musik machen wahrscheinlich auch spannender als der Blick auf Chartlisten. ![]()
Nachdem Herre zwei Jahre mit sich und Gitarre an neuen Songs geschrieben hatte, teils auch mit Unterstützung alter Bekannter wie Sekou Neblett oder Clueso, wurde „Ein geschenkter Tag“ im März diesen Jahres mit Roberto Di Gioia (Piano), Frank Kuruc (Gitarre), Christian Diener (Bass) und Earl Harvin (Schlagzeug) in nur einer Woche live im Studio in Berlin aufgenommen. Und so klingt es auch: warm und echt, verspielt, vorsichtig und zart federführend.
Max Herre ist dem Hip-Hop entwachsen, ohne ihn zu verleugnen. So ist das mit Jugendkulturen, sie prägen, bleiben Teil und sind oftmals Grundlage für mehr. Im Falle von Max Herre ist das, ähnlich, nur anders geartet als beim Hamburger Kollegen Jan Delay, auf jeden Fall eine gewisse Stilsicherheit. Zu seinem neuen Album inszeniert er sich als Songwriter alter Schule in schwarz/weiss-Ästhetik, irgendwo zwischen Dylan, der bündischen Jugend, Rio Reiser und dem eigenen Verständnis von reduktiver, aber engagierter Lebensführung. Das wirkt vertraut und doch artifiziell und Herre erreicht damit eine gewisse Unnahbarkeit, die nur selten bröckelt, ein bisschen vielleicht, wenn er und seine Band auf der großen Studio-Bühne von TV Total ganz eng zusammenrücken. Da werden sie dann plötzlich deutlich, die Notwendigkeiten, die Ab- und Spielarten von Werbung, Eigenwerbung und Selbst-Bleiben. Da kommt keiner mehr drum herum. Das ist die Zeit. Das sind die veränderten Vorzeichen. Wie soll sich da ein Songwriter noch ernsthaft politisch fühlen. Verständlich, dass der Rolling Stone nichts besseres zu tun hat, als dem Heft einen Live-Mitschnitt auf CD von Neu-Liebling Gisbert zu Knyphausen beizulegen, aufgenommen bei einem Konzert im elterlichen Weingut Baron Knyphausen. Mehr Revolution geht nicht. Da ändern auch neue Platten von den Goldenen Zitronen oder Ja, Panik! nicht viel. Man muss sich ganz schön viel einfallen lassen, um die aktuelle deutsche Musiklandschaft als aufbegehrerisch, politisch oder zumindest mal kritisch zu beschreiben.
Max Herre nimmt sich da bewusst aus. Ging es in den Anfangstagen deutschen Hip-Hops noch um aufklärerische Momente („Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“), geht es in Herres Liedern heute um Selbstverständnis des Künstlers, um Momentaufnahmen eines Lebens, um die Liebe, um das Weitermachen: „Du kommst raus, der Tag ist hell, blickst nach vorn, versuchst ihn scharf zu stellen“. Max Herre stellt sich suchend, ist aber trotzdem irgendwie und irgendwo schon angekommen. Er nimmt sich nicht zu ernst. Er macht Musik. Er singt. Und er wird weitermachen. Das kann man spüren. Max Herre ist jetzt ein Songwriter.
(Text Johannes Finke Fotografie Cem Guenes)

Sido überall. Nächstes Jahr sogar im Kino. „Der Goldjunge“ moderiert den Comet, sitzt stirnbietend bei Friedman, in der Popstars-Jury oder in einem Wok, lässt sich von PRO7 als Vorbild für die wahlmüde Jugend beim Gang zur Bundestagswahl begleiten und veröffentlicht mit der Single „Hey Du“, aus seinem neuen Album „Aggro Berlin“, mal eben so, passend zum 20jährigen Jubiläum des Mauerfalls, seine eigene Version deutsch-deutscher Befindlichkeit. Wer hätte ihm das zugetraut? Von 0 auf 4 ging der Song in den Charts. Besser geht’s nicht. Könnte man meinen. Doch trotz Dauerpräsenz in der Öffentlichkeit – eins ist Paul Würdig bestimmt nicht: in seinem Leben als Popstar angekommen. Den Traum von Charterfolgen, ausverkauften Konzerten und dem großen Geld hat er sich erfüllt, doch jetzt muss Luxus neu definiert werden: Kaffetrinken bei Mama, Chillen auf der Couch, ein klein bisschen Anonymität. Also, goldene Nase hin oder her, Sido wohnt zwar nicht mehr im Block, hat aber ganz bestimmt nicht vergessen, wo er herkommt. Im Gegenteil. Zumindest meint das unsere Musikredakteurin Teresa Mohr, die ihm zwischen Breitling-Uhr ersteigern und Shooting mit BLANK-Fotograf Cem Guenes ein paar Fragen stellte. ![]()
BLANK: Dein neues Album ist ja recht vielfältig. Sogar ein Reggae-Song ist mit auf der Platte – woher kam die Inspiration dazu?
SIDO: Speziell zu „Marie und Jana“, dem Reggae-Track, hat mich Samy Deluxe mit seinem Song „Bis die Sonne rauskommt“ inspiriert.
BLANK: Was ziemlich erstaunlich ist, schließlich gab es immer Stress zwischen Berlinern und Hamburgern.
SIDO: Das gab es mal, ja. Ich weiß auch eigentlich nicht, wie das entstanden ist. Wenn wir mal ehrlich sind, war das doch alles bloß so, weil die Hamburger die bekanntesten unter uns Rappern waren. Als Samy und ich uns das erste Mal bei einem Event, das war The Dome oder der Bundesvision Songcontest, über den Weg gelaufen sind, hat man aber schon gemerkt, dass er mir nicht allzu froh gesonnen ist, so kam mir das jedenfalls vor. Obwohl er versucht hat, sich das nicht anmerken zu lassen.
BLANK: Irgendwie hast du ihn ja anscheinend doch rumgekriegt und ihn zu einer Kollaboration bewegt.
SIDO: Ich hab einfach lange genug gefragt. Seit dem zweiten Album habe ich versucht, mit Samy Deluxe zusammenzuarbeiten. Und jetzt hat es endlich mal geklappt.
BLANK: „Aggro Berlin“ ist, anders als die Alben zuvor, weniger vergangenheitsorientiert. Man hat das Gefühl, dass du dich, abgesehen von „Hey Du!“, eher damit beschäftigst, wie deine aktuelle Lebenssituation dich beeinflusst. Auch wenn es bei dir schon länger so aussieht – wie ist es, vom Chiller zum Macher zu werden?
SIDO: Es ist anstrengend. Ich habe Gastritis. Aber das macht natürlich auch Spaß, und ist mir wichtig. Weil es was bringt. Ich habe damals schon zehn Jahre lang rumgelungert, wenn ich jetzt noch mal zehn Jahre lang rumgelungert hätte, hätte mir das nicht gut getan. Und weil ich weiß, dass es sich lohnt, ziehe ich die Sache durch. In den letzten Jahren habe ich einfach gemerkt, dass es etwas bringt, fleißig zu sein. Und in meinem Falle bringt es ja auch noch viel.
BLANK: Kohle und Spaß.
SIDO: Genau. Und wenn ich die Sache noch ein wenig länger machen möchte, und nicht verlieren will, was ich jetzt habe, dann sollte ich daran arbeiten.
BLANK: Gab es Momente, in denen du dachtest „Jetzt hab’ ich darauf keinen Bock mehr!“ ?
SIDO: Klar. Zuletzt heute morgen. Und gestern Abend. Am Tag drei Mal, ungefähr.
BLANK: Bist du mittlerweile so beschäftigt, dass es unmöglich ist, mal einen Tag vor dem Fernseher rumzuhängen und beispielsweise „Two And Half Men“ zu gucken?
SIDO: Wenn ich das könnte, würde ich auf jeden Fall die Cosbys gucken. Und nein, das kann ich nicht. Momentan habe ich keine freie Minute. Und wenn ich eine Minute habe, die nichts mit Arbeit zu tun hat, dann habe ich im privaten Bereich sehr viel nachzuholen. Diesen Moment, dass ich auf der Couch die Füße hochlegen kann, den habe ich leider sehr selten. Spärlich gesät.
BLANK: Vor allem, wenn gerade ein Album raus ist, und die Tour ansteht.
SIDO: Ja, das nimmt ungeheuer viel Zeit in Anspruch, seit einem halben Jahr ist die Hölle los. Tourproben, dann die Tour durchziehen, nach der Tour kommt noch mehr...jetzt hast du mich ja schön wieder daran erinnert. Toll!
BLANK: Dann wieder zu den schönen Dingen des Lebens. Wenn du mit deinen Atzen abhängst, ist das dann wie früher? Könnt ihr die gleichen Dinge machen?
SIDO: Nein, wenn wir chillen, dann noch viel besser als damals. Wenn ich Zeit habe, dann miete ich uns allen eine Villa in der Türkei, lade die Jungs ein und dann hängen wir an unserem eigenen Pool ab. Das ist eine ganz andere Liga, früher mussten wir im Block auf der Treppe sitzen und frieren, weil es keinen Platz zum rumhängen gab. Das ist jetzt auf jeden Fall besser. Aber immer noch zu wenig.
BLANK: Wie lief das mit dem Ende von Aggro für dich ab? Ist das in allseitigem Einverständnis entschieden worden oder kam Specter an und hat euch damit konfrontiert, dass es mit Aggro aus ist?
SIDO: Es wäre schön gewesen, wenn er angekommen wäre. Aber so lief das nicht ab. Obwohl ich mir auch schon vorher denken konnte, dass es vorbei ist. Mein Anwalt hatte mich schon darauf vorbereitet. Wir wussten eigentlich alle, dass es vorbei ist, von daher gab es keine vollendeten Tatsachen. Aber die Art und Weise, wie da dichtgemacht wurde, war eklig.
BLANK: Dürfte man dazu mehr erfahren?
SIDO: Es brennt mir immer auf der Zunge, darüber zu reden. Aber ich möchte keine schmutzige Wäsche waschen, ich möchte dass die Leute Aggro Berlin als guten Namen in Erinnerung behalten. Wenn ich jetzt auspacken würde, dann würde es dazu beitragen, dass Aggro ganz anders aussähe. Und das muss nicht sein.
BLANK: Aggro ist tot, es leben die Sekte – ihr habt ein neues Album draußen.
SIDO: Ja, es ist auch echt super, dass mein Album und die Sekten-Platte am selben Tag rausgekommen sind. Weil die Leute, denen mein neuer Style nicht so gefällt, dafür an dem Sekten-Album ihre Freude haben dürften.
BLANK: Das könnte aufgrund der Party-Beats auch live ein echter Spaß werden.
SIDO: Auf jeden Fall. Aber ich denke, da kommt keiner. Das Live-Business ist zur Zeit echt im Arsch.
BLANK: Das ist ja erstaunlich. Eigentlich ist es doch mittlerweile so, dass ein Großteil der Einnahmen im Musikbiz durch Ticketverkäufe generiert werden.
SIDO: Nicht bei mir. Ich verdiene das meiste Geld mit den Platten, die ich verkaufe. Bei der Sekte ist das natürlich nicht so.
BLANK: Das Geld, was du damit verdienst, ermöglicht dir einen ganz anderen Lebensstil als damals zu Sekten-Zeiten. Was bedeutet Luxus für dich?
SIDO: Ganz besondere Momente sind für mich solche, die ich mit meiner Familie oder meinen Freunden teilen kann. Ich bin nicht besonders anspruchsvoll – Luxus bedeutet für mich, tun und lassen zu können, was und wann ich will. Ich hab echt keine hohen Ansprüche. Meine Wohnung ist sehr spartanisch eingerichtet, als vermessen würde ich mich auch nicht gerade bezeichnen. Aber ich gucke eben, dass ich immer zufrieden bin, wozu auch gehört, dass ich mir kleine oder größere Wünsche erfülle. Letztens habe ich eine neue PSP in der Werbung gesehen, hab mir das Ding gleich im Internet bestellt und am nächsten Morgen war es mit dem Overnight-Kurier da. Das bedeutet für mich Luxus, kein goldener Kronleuchter oder sonstiges.
BLANK: Kannst du eigentlich noch die Straße überqueren, ohne dass du als Sido der Popstar entlarvt wirst?
SIDO: Nein, diese Zeit ist leider auch schon vorbei. Aber irgendwann wird das vorübergehen. Und nur weil ich das weiß, kann ich damit leben.
BLANK: Was wird die zweite Singleauskopplung von „Aggro Berlin“?
SIDO: „Geburtstag“– dazu haben wir auch gerade das Video gedreht und es erscheint auch zu meinem Geburtstag. Das ist tatsächlich ein wichtiges Thema für mich, nicht weil es um Geschenke geht, so wie in der Kindheit, sondern weil ich es wichtig finde, dass meine Leute an mich denken. Ich sorge sehr für mein Umfeld und meine Liebsten und erwarte nichts von denen, keine Geschenke, ich erwarte nur, dass sie an diesem einen Tag an mich denken. Nicht umsonst habe ich mir mein Geburtsdatum auf die Hand tätowieren lassen. Meinen diesjährigen Geburtstag werde ich übrigens auf der Bühne feiern, da spiele ich in Luzern.
BLANK: Nach „Ich kiff nicht mehr“ hast du jetzt eine Reggae-Ode ans Kiffen verfasst. „Marie und Jana“ lassen dich nicht los, kann das sein?
SIDO: Man könnte jetzt natürlich aufhören, zu kiffen.Aber ich warte auf den Moment, in dem mir das Schicksal sagt, dass es vorbei ist. Und bis jetzt hat der Moment noch nicht stattgefunden.
BLANK: Steht dir dieses Hobby manchmal im Weg?
SIDO: Nö. Ich bin tatsächlich einer von den Kiffern, die nicht faul werden, wenn sie einen rauchen. Das liegt aber vielleicht daran, dass ich hyperaktiv bin. Bei mir sorgt ein Joint eher dafür, dass ich auf ein normales Level komme. Ich dann mich dann besser fokussieren, klare Gedanken fassen. Als kleiner Junge habe ich deshalb auch gestottert. Man stottert ja oft, weil man schneller denkt, als man sprechen kann. Im Kopf ist man also schon drei Wörter weiter und weil nicht alles auf die Zunge passt, bildet sich ein Stau und man stottert. Als mir mein Arzt das damals so erklärt hat, war das Stottern weg, weil ich wusste, wie ich damit umgehen muss.
BLANK: Zwei Berliner Originale machen gemeinsame Sache – wie kam es dazu, dass du Kurt Krömer für die Skits verpflichten konntest?
SIDO: Ich war damals zu Gast in seiner Sendung, die war sehr lustig und wir haben uns gut verstanden, uns ab und zu mal wiedergetroffen... ich weiß nicht, wie so was entsteht. Dann rufen sich die Managements gegenseitig an, und so weiter.
BLANK: Das war aber schon deine Idee?
SIDO: Ja, so wie auch alle „All Eyes On“-Trailer auf MTV. Ich werde auch an einer seiner Live-Shows mitwirken. Die letzte Show seiner Tour macht er in Berlin, und da möchte er etwas Besonderes machen.
BLANK: Wie ist das „All Eyes On“ mit den amerikanischen Pennern entstanden?
SIDO: Als ich in L.A. mein Album aufgenommen habe.
BLANK: Wieso hast du in den USA aufgenommen und nicht in der Heimat?
SIDO: Weil ich grundsätzlich nicht in Berlin bin, wenn ich an einem Album arbeite. Aufnehmen könnte ich auch zu Hause, aber es geht ums Schreiben. Das geht in Berlin nicht. Ich muss mich dafür immer abkapseln, sonst werde ich abgelenkt. In einem Monat L.A. habe ich fünfzehn Lieder geschrieben, das würde zu Hause nicht klappen. Obwohl ich die Ideen natürlich vorher dort sammle.
BLANK: Kurt Krömer, Sido, Peter Fox. Ihr seid alle Berliner Künstler, die mit ihrer Kunst ein persönliches Bild von der Stadt zeichnen. Meinst du, dass das Bild, das Peter Fox kreiert hat, wirklich Berlin repräsentiert?
SIDO: Er repräsentiert das Szene-Berlin. Das ist so richtig Friedrichshain oder das neue Kreuzberg. Jedenfalls nicht der Berliner Durchschnitt. Trotzdem ist das sehr gute Musik.
BLANK: Du erlebst gerade einen erneuten Karrierehöhepunkt. Kann da noch was kommen?
SIDO: Oh ja, im nächsten Jahr kommt noch so einiges. Ich werde in einem Film mitspielen und spiele jemanden, der mir sehr ähnlich ist, auch aus dem Märkischen Viertel kommt und Rapper ist. Und ich mache nächstes Jahr ein MTV Unplugged. Dafür befinden wir uns schon mitten in den Proben.
BLANK: In welchem Rahmen wird das stattfinden?
SIDO: Das wird ein MTV Unplugged live aus dem Märkischen Viertel.
Es findet in einer Veranstaltungshalle, dem Fontanehaus, statt. Die Bühne wird aber aussehen, als wäre es draußen. Man muss beim Unplugged sitzen, das ist eine Auflage. Deshalb sieht die Bühne aus, wie das MV. Und ich sitze dort auf der Lehne einer Parkbank. Vor meinem Block.
(Teresa Mohr)

Es hätte auch ganz anders kommen können, die Gedanken und Melodien in Fitzsimmons Kopf hätten zwischen Wartezimmer und Behandlungsliege zerstäuben können und „die Welt da draußen“ wäre nie in den Genuss seiner vor Ehrlichkeit und Nähe schmerzenden Texte und Melodien gekommen. Nun schafft es Fitzsimmons Musik und seine Leidenschaft zur Analyse der menschlichen Seele auf wundervolle Weise zu verbinden. Das Ergebnis gibt es auf den letzten Konzerten seiner aktuellen Tour im Dezember zu bewundern.
![]()
Termine:
03.12. Münster, Gleis 22
17.12. Hamburg, Übel & Gefährlich
18.12. Kiel, Weltruf

Der Songwriter William Fitzsimmons ist auch Seelenklempner. Seinem neuen Album „The Sparrow And The Crow“ hört man das deutlich an, denn auf diesem widmet er sich der Analyse des Niederganges seiner Ehe. So präzise und ehrlich, dass einem beim Hören wahlweise die Schamesröte ins Gesicht steigt oder Tränen in die Augen schießen. Doch genau so muss es sein. Und Fitzsimmons, der alte Schlaumeier, weiß eines ganz genau: die Hoffnung stirbt zuletzt. ![]()
BLANK: Die erste Zeile in deiner Biographie lautet „William Fitzsimmons ist eine der seltsamsten Personen, die du jemals treffen wirst.“ Wieso?
William Fitzsimmons: Ich fühle mich anderen gegenüber immer so, als wäre ich ein komischer Kauz. Die einzigen, die mich an Seltsamkeit noch übertreffen, sind die Patienten, mit denen ich arbeite.
BLANK: Apropos Patienten – wann wusstest du, dass du Psychotherapeut werden möchtest?
WF: Das liegt wohl an meiner Kindheit. Meine Familie hat harte Zeiten durchgemacht, so wie es viele Familien tun. Und ich mochte die Vorstellung, solche Dinge wieder in Ordnung zu bringen. An der Uni war Psychologie eine meiner ersten Vorlesungen, und ich habe mich vollkommen in dieses Thema verliebt. Es hat einfach etwas, den Kopf jemand anderes zu erforschen. Aber im Grunde genommen ging es mir wahrscheinlich nur darum, mich selbst zu therapieren.
BLANK: Was man ja grundsätzlich allen nachsagt, die Therapeuten sind.
WF: Ja, nicht ohne Grund. Aber das ist ja okay, weil sie schon mal realisiert haben, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Die Menschen, vor denen man Angst haben sollte, sind diejenigen, denen nicht bewusst ist, dass sie Probleme haben.
BLANK: Hast du jemals Musik für therapeutische Zwecke eingesetzt?
WF: Ja, jeden Tag. Um mich zu therapieren, bei Patienten nicht. Aber auch durch meine Musik lasse ich den Leuten, die sie hören, so etwas wie eine musikalische Therapie zukommen.
BLANK: Du bist dabei sehr, sehr ehrlich, was deine Gefühle anbelangt. Ist es nicht ganz schön heftig, solch intime Gedanken einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen?
WF: Das wäre es gewesen, bevor ich als Therapeut gearbeitet habe. Aber ich finde das wichtig und bin auch in gewisser Weise stolz darauf, dass ich das kann, meine Gefühle so offen teilen. Wenn man jahrelang mit Menschen gearbeitet hat, die vor einem sitzen, und Dinge sagen wie „Das Einzige, was ich jetzt möchte, ist, mir das Leben zu nehmen.“, dann ändert das die Perspektive auf Ehrlichkeit und Offenheit im Umgang mit Gefühlen. Zu erfahren, dass Menschen sich von allem entledigen, was in ihnen ist – und es ihnen, wenn alles gut läuft, im Nachhinein besser geht. Wenn man so etwas erfahren hat, ist es keine große Sache, ein Album zu schreiben, in dem, wie bei mir, die Scheidung thematisiert wird.
BLANK: Das Album heißt „The Sparrow And The Crow“. Wer besetzt im Konflikt welche Position?
WF: Ich habe mich mit der Symbolik dieser Vögel beschäftigt. Der Spatz ist das liebende, ehrliche, zugewandte Individuum und die Krähe ist die teuflische, dunkle, böse Person. Ich kann dir nicht genau sagen, wer die Krähe ist… aber ich denke, es ist ein Mann mit Rauschebart. Es gehören immer zwei zu einer Beziehung, aber in diesem Fall habe ich es versaut.
BLANK: Trotzdem gelingt es dir auch in deinen Songs, immer Hoffnung mitschwingen zu lassen.
WF: Nicht jeder hört das auf der Platte. Aber es ist so. Ich hatte keine Wahl, ich musste mich an die Hoffnung klammern. In dieser Situation ging es mir sehr schlecht, aber da muss man durch, um wieder bei null anfangen zu können. Das ist Karma.
(Text: Teresa Mohr/Fotografie: Tim Gaylord)

Am Montag, den 14.12.2009, präsentiert BLANK den Kick-Off-Event für Andre Hellers Projekt DIE TURNSCHUHKLAPPE, ein unkompliziertes 'von den einen nehmen und den anderen geben'. In diesem Fall Turnschuhe von den Firmen nehmen und sozial schwächeren Kindern und Jugendlichen geben. In Kooperation mit dem Kinderprojekt Arche. Zu diesem Anlass haben sich ein paar namhafte Musikschaffende bereit erklärt ein paar Klänge für den guten Zweck zu generieren. Also, Partyalarm! Und nicht vergessen: Dresscode Turnschuh. ![]()
Die Turnschuhklappe mit PRINZ PI, NICO SUAVE, LEXY, SVEN VAN THOM, NILZ BOKELBERG u.a.
14.12.2009 Rodeo Berlin, Auguststr. 5, 2000h

Das deutsche Popfirmament ist am leuchten und glitzern. Die Sterne weisen längst nicht mehr nur den Hamburger Nordlichtern ihren Weg, sondern verteilen sich über die ganze Republik. Verteilen ist wohl etwas übertrieben, vielmehr pilgern sie alle gen Osten, nach Berlin, wo die Wiesen noch grün und die Ohren der Fangemeinde jungfräulich sind. Das dachten sich Virginia Jetzt! vor einigen Jahren auch und besingen eben dieses Gefühl in ihrem neuen Album „Blühende Landschaften“. Nachdem ihr letztes Album „Land unter“ nicht den ersehnten Erfolg brachte, erlebt die Band nun eben doch erst mit ihrem dritten Album ihren zweiten Frühling. „Verschwende deine Jugend“-Regisseur Benjamin Quabeck liefert das passende Video zur ersten Singleauskopplung „Dieses Ende wird ein Anfang sein“.In unserem Sommershooting haben die vier Jungs bewiesen, dass sie ganz getreu dem Motto „Laissez Faire“ genießen können – mit drei Models am Spreeufer, na wenn das nicht mal ein Anfang ist!
![]()
Termine:
15.10.09 - Leipzig, Werk 2 (Halle A)
16.10. Köln, Gebäude 9
17.10. Dortmund, FZW/Freizeitzentrum West
22.10. Berlin, Postbahnhof
23.10. Rostock, Mau Club
24.10. Hamburg, Grünspan
05.11. Stuttgart, Röhre
06.11. Frankfurt/Main, Nachtleben
07.11. Münster, Gleis 22
12.11. Nürnberg, Hirsch
14.11. A-Innsbruck, Weekender Club
15.11. A-Graz, Orpheum
17.11. A-Wien, Flex
19.11. Würzburg, Posthalle
20.11. Weinheim, Café Central
21.11. Erfurt, Centrum
21.11. Erfurt, Centrum Erfurt
24.11. Magdeburg, Projekt 7 e.V.
26.11. Hannover, MusikZentrum
27.11. Magdeburg, Projekt 7 e.V.
28.11. Dresden, Scheune

Es scheint eine feste Institution zu werden, dieser musikalische Wettstreit im Zeichen des Hirschs, in dem sich Rock und Fußball so nahe kommen, wie sonst selten. Nachdem in den letzten Jahren publikumsgeliebte Bands wie Deichkind, Mediengruppe Telekommander, Clawfinger und zuletzt die Partykönige von Friska Viljor das Rennen um die begehrte Meisterschale für sich entscheiden konnten, versuchen in diesem Jahr The Films aus South Carolina, die Silversun Pickups aus Los Angeles und die Briten von Amusement Parks On Fire die erste Gruppenphase zu überstehen. Angetreten wird in dieser Gruppe mit Gitarre, soviel sei versprochen. Mal mehr, mal weniger rockig oder Indie oder lärmend, verspielt, straight oder tight. Nur eines ist sicher: einfach wird es das Publikum nicht haben. Die weiteren zwei Gruppen werden übrigens im Herbst bekannt gegeben, doch wahrscheinlich wird man sich nicht lumpen lassen. Seit man die Lemonheads zumindest bereits mal ankündigen konnte, braucht diese Veranstaltung keine Credibility mehr. Institutionen sind nun mal Institutionen.
![]()
Termine:
16.11.2009 Frankfurt, Batschkapp
17.11.2009 Stuttgart, Longhorn
18.11.2009 München, Backstage Werk
19.11.2009 Hannover, Faust
20.11.2009 Rostock, Mau Club

Sein Name mag nicht besonders werbewirksam sein, zumal der Zweitname „Hrafn“ erstens ein echter Zungenbrecher ist und zweitens in seiner Muttersprache Isländisch „Rabe“ bedeutet. Was trotzdem nicht bedeuten muss, das Helgi Jonsson wie einer krächzen würde. Ganz im Gegenteil. Er hat eine wunderschöne, sanfte, androgyne Stimme. Seine Musik ist verspielt und doch klassisch. Singer-Songwriterstoff, der beherrscht wird von Gitarre und Stimme. Der sanft berührt und tief sticht. Und ab und zu mit Streichern und Mitmachmelodien ein zartes Band zwischen Folk und Pop knüpft.
Als wäre das nicht schon erfreulich genug, sieht Jonsson auch noch unverschämt gut aus. Man wundert sich, das der Wahl-Wiener zwar schon im Rahmen seines Engagements beim „Icelandic Folk Ensemble“ mit Sigur Rós auf Tour, dafür aber noch nicht in Advertorials für namhafte Designer zu sehen war. Eigentlich schade.
Aber in Anbetracht des zweiten Albums „For The Rest Of
My Childhood“ durchaus zu verschmerzen. Selbiges stellt Helgi Jonsson im Rahmen des „Nordrid Iceland Express Musik Klub“, der schon Gus Gus in unsere Heimat verschiffte, vor, und wärmt uns das novemberkalte Herz mit seiner sanften Stimme und seinem elfenbeinfarbenen Gesicht.
![]()
Termine:
25.11. München, 59:1
27.11. Köln, Studio 672
28.11. Hamburg, Prinzenbar
29.11. Berlin, Admiralspalast 101

Die World Cup Skateboarding Tour dürfte nicht nur dem aufmerksamen Extremsportbegeisterten eine wohlbekannte Veranstaltung sein.
In diesem Jahr wird das Finale des Rollbrett-Kräftemessens im Rahmen der T-Mobile Extreme Playgrounds im Berliner Velodrom ausgetragen. Mit dabei sind neben anderen Spitzenfahrern der letztjährige Street Session-Gewinner Rodolfo Ramos (Brasilien) sowie der mehrfache X Games-Gewinner und Titelverteidiger Pierre-Luc Gagnon aus Kanada. Als Live-Act wurden neben Deichkind jetzt auch noch die großartigen Puppetmasters bestätigt, es wird also nicht nur die Pipe, sondern auch die Bühne gerockt. Und wer nicht schon beim Zuschauen ins Schwitzen gekommen ist, wird es spätestens tun, wenn sein Körper von fetten Beats hin- und hergeschüttelt wird.
![]()
Termin:
06.12. im Berliner Velodrom
Für die Veranstaltung verlost BLANK 1x2 Tickets. Schickt dazu einfach bis zum 30. November eine Mail an verlosung(at)blank-magazin.de. Weitere Informationen und Tickets gibt’s unter www.t-mobile-playgrounds.de!

Juliette Lewis hat eine neue Platte gemacht. Eigentlich schreibt sie aber schon an den Songs für eine neue. Es kommen auch ein paar Filme mit ihr. ![]()
In „Betty Anne Waters“ spielt sie eine kleine Rolle neben Hillary Swank. In „Whip It“, dem neuen Film von und mit Drew Barrymore spielt sie auch mit. Ebenfalls in „Sympathy For Delicious“, an der Seite von Orlando Bloom, und in „The Aster“, einer neuen Komödie mit Jennifer Aniston.
Und dann hat sie noch Synchro für einen animierten Film namens „Metropia“ gemacht, weiß aber nicht mehr genau, ob es ein schwedischer war, und darauf angesprochen weiß sie auch nicht mehr darüber zu berichten. Eigentlich schade, so lassen Namen von Schauspielkollegen wie Vincent Gallo, Udo Kier und Stellan und Alexander Skarsgard, die ebenfalls ihre Stimmen für diesen Film hergaben, eigentlich ein ambitioniertes und spannendes Projekt vermuten. Doch heute geht es auch mehr um die Musik von Frau Juliette Lewis und ihrer neuen Band, den New Romantics. Das ist verständlicherweise alles etwas langweilig, bedenkt man, dass wir, laut Aussage der begleitenden PR-Frau, bereits das zehnte Interview an diesem Tag sind, es ist ganz sicher auch nicht befriedigend. Die Antworten, das Lächeln. Das hat zwar was, sorgt sogar für Assoziationen und sich aus der eigenen Sozialisation ergebende Sentimentalitäten und für zeitliche Winzigkeiten hat man sogar den Eindruck, tatsächlich eine Art von Interesse in ihren Augen aufblitzen zu sehen. Doch man kann sich auch täuschen.
Juliette Lewis spielt ihre Rolle der abgefuckten Musikerin par exellence, vielleicht muss sie sich auch nicht besonders anstrengen um das Bild herbei zu bemühen, welches sie gerne von sich etabliert hätte. Doch wie Teresa Mohr in unserer letzten Ausgabe bereits über „Terra Incognita“, der aktuellen Platte von Juliette Lewis and The New Romantics, zu schreiben wusste: „Trotz des Mutes, des guten Vorhabens und einiger schön verspielt-verpeilter Songs klingt das Album ab und an nach jemandem, der zu viel The Doors gehört und sich dazu Tool-Videos reingezogen hat. Ein bisschen gewollt.“
Bleibt zu hoffen, dass Juliette Lewis demnächst wieder das einlöst, was man sich von ihr versprochen hatte: eine der begnadetsten Schauspielerinnen ihrer Generation zu sein.
(Johannes Finke)

Die Männer aus dem Märchenwald sind zurück. Nachdem sie die kindliche Kaiserin aus dem Elfenbeinturm befreit haben, treten Polarkreis 18 nun erneut an, um das Publikum mit ihrem Sound irgendwo zwischen Aha und Unendliche Geschichte zu beglücken. Frontmann Felix Räuber wird diesmal nicht barfuß über die Bühne tänzeln, während der Rest der Band ihren hymnenhaften Gänsehaut-Sound übers Volk streut wie glitzernden Schnee. Denn im Rahmen der T-Mobile Street Gigs spielt die Band, die mit ihrem zweiten Album „The Color Of Snow“ Platz 14 in den deutschen Charts erstürmte, thematisch passend in einem Eislaufstadium. ![]()
Termin:
03.11. auf der Kunsteisbahn der Eissporthalle Frankfurt

„Burma“ bedeutet „Be Undressed and Ready My Angel“ und war eine bei amerikansichen Soldaten im 2. Weltkrieg gern verwendete Grußformel für Ansichtskarten. Songwriter Björn Kleinhenz hat seine neue Platte so betitelt. Passt irgendwie immer alles zusammen bei dem symphatischen, feinfühligen Musiker mit Gänsehaut-Garantie. Passt auch live. ![]()
Termin:
24.09. Hamburg, Hasenschaukel „About Songs / Reeperbahnfestival“
25.09. Hannover, Nice Nice Gallery
26.09. Münster, Amp
27.09. Bielefeld, Kamp w/ Windmill, The Black Atlantic
28.09. Kassel, Rotopol Gallery
29.09. Göttingen, Blooming Bar
30.09. Köln, Stereo Wonderland
01.10. Solingen, Cobra
03.10. Frankfurt, Klappergasse 16
05.10. Trier, Cafe Lübke
07.10. CH-Basel, Parterre
08.10. CH-Rorschach, Mariaberg w/ Windmill, The Black Atlantic
09.10. CH-Sursee, Kulturwerk 118 w/ Windmill, The Black Atlantic
10.10. CH-Zürich, tba.
11.10. CH-Bern, House Show
12.10. CH-Genf, Tikis Pub
17.10. A-Wien, VSA @ Gasthaus Vorstadt
20.10. Görlitz, Stille Post
21.10. Berlin, Intersoup
22.10. Berlin, Schokoladen
23.10. Leipzig, Ilses Erika
24.10. Erlangen, House Show
27.10. Dresden, AZ Conni

Wieso redet eigentlich niemand über die völlige Homogenisiereung der Musiklandschaft? Über die sich immer mehr – in Erscheinungsbild und Inhalt – angleichenden Printmedien. Über die perfide Ästhetik des Konsens. Darüber das ALLE immer ALLES hörenswert oder irgendwie toll finden. Was ist der Sinn von konstruktiver Kritik, wenn man auch die unterdurchschnittlichsten Acts immer irgendwie o.k. finden muss? Aus welchen Gründen auch immer: Wegen der PETA Credibility, der bewegten Lebensgeschichte des Sängers, den Bonusverrechnungen wegen eines halben Hits von vorletztem Jahr, wegen der tollen Ex-Band des zweiten Gitarristen, wegen der bisexuellen Keyboarderin, wegen der schicken Fotostrecke in einem Magazin, oder aber aus Mitleid. Es muss doch irgendwann einmal mit dieser Almosenmentalität reichen. ![]()
Sag NEIN zur Musik die dich nicht überzeugt. Bei den Hunderten von Albumveröffentlichungen pro Monat kann man inzwischen getrost davon ausgehen, dass neben den 10 irgendwie besonderen, weil strangen (also nicht gleich faßbaren) Platten und den 20 (zumindest anfänglich) hörenswerten, nichts weiter spannendes dabei ist. Das ist mein völliger Ernst. Denkt euch den Prozentsatz. Der erschreckende Großteil dieser Flut, wird nämlich von absolut mediokren Interpreten, Stumpfbirnen und frisch frisierten Copycats ausgemacht, deren Pressewaschzettel sich zwar vordergründig interessant anhören mögen, deren musikalischer Inhalt sich dann aber lustig diametral zur honigsüssen Promo verhält. Definitorisch heißt das dann, glaube ich, Mogelpackung. Von den Best Of´s, Chartssellern, genrespezifischen Frankensteins, Trance-Compilations und Reissues rede ich gar nicht. Eher von aktuellen „Artists“, wie es so schön heißt. Also in diesen spezifischen Fall: Indierock-. Punkrock-. Electronica- und Pop-Produktionen. Auch von deutschen Bands.
Ich mag eigentlich gar nicht über Musik kotzen. Ehrlich gesagt ist mir dafür die Zeit zu schade, doch wenn ich mir „Blühende Landschaften“ von VIRGINIA JETZT! zu Gemüte führe, komme ich einfach nicht umhin, über die ganze bigotte Lächerlichkeit zu schmunzeln, die vielen zeitgenössische deutschen, wie auch deutschsprachigen Bands innewohnt. Auch als popkultureller Witz, als zwinkerndes Zitat, als abgeschmackte Indiesubversion wäre „Blühende Landschaften“ ein Schuss in den berühmten Ofen. Die meinen das jedoch absolut ernst. Damit beginnt auch die eigentliche Tragödie. Wie viel überzuckerten Herzschmalz kann eine Band eigentlich auf Polybicarbonat pressen? Anscheinend so viel das sich nach spätestens drei Songs bereits Metastasen an/in den Ohren bilden. Zucker als Treibstoff für Krebszellen. Macht hier auch durchaus Sinn. Die Seichtheit, mit der hier vorgegangen wird, mit den Werken der MÜNCHNER FREIHEIT zu vergleichen, ist so uncool wie vollidiotenkonsenssicher, klar. Da kann mann jetzt natürlich mit der Popgeschichtetrumpfkarte wedeln. Damit tut man aber den Münchnern und ihrem flauschigen Achtzigersound bestimmt keinen Gefallen. Die Jungs um Sänger Stefan Zauner waren damals einfach nur ein harmloser Dieter Thomas Heck-Hitparadenakt. Romantisch verklärt und dem Vollkitsch verpflichtet. Und als solches wollten sie ja schließlich nicht die Beatles sein und auch noch die gefärbten-Pony-tragende Indiecrowd für sich gewinnen. Und die Styler. Und die Mädels. Alle Mädels. Und die Kritiker. Und den Bundesvisionsongcontest. Die oberen Chartsregionen. Number One!
Die Hölle bricht unvermittelt los.
Gleich der Opener weckt unangenehme Assoziationen an entblößten Schulbandpathos samt schmierigen Keyboards, unappetitlich verträumten Vocals und standartisierten Gitarren. Fremdschämen geht genau so. Wie es klingt? In etwa die Billoversion der ohnehin schon schlimmen Escobar. Und es wird im weiteren Verlauf bestimmt nicht besser. Allerorts Midtempo, Scheissreime, flirrende Achtel. Die Söhne Mannheims des Herzschmerzindie. Teenage Fanclub in der teutonischen Wattebauschvariante ohne einen einzigen (!) zwingenden Moment. Nichtssagend und blutleer tuckern sich VIRGINIA JETZT! durch einen aufgeblähte Galaxie des Wohlklangs, an ranziger Radiofreundlichkeit kaum zu übertreffen und immer zielsicher die nächste Jauchegrube ansteuernd. Nicht ein einziger, irrlichtender Funken Energie. So was Totes habe ich seit letztens Michael Jackson nicht mehr gehört. Selbst das neue PUR-Album hat irgendwie mehr Drive. Textlich, wie auch (rein funktionell betrachtet) musikalisch, ist das Gehörte mindestens ebenso irrelevant wie auch arrogant tönend. Sterbenslangweiliger, statischer und auf Connaiseur machender Seelenbalsam. Trotz zünftigem Streicherbeschuss, runder Produktion und nach „Hookline“ schreienden, nun ja, „Hooklines“, bleibt das Werk zu Teeniesäuselei vergorene musikalische Grillsoße. ECHT haben das vor zig Jahren um einiges besser hinbekommen. Sorry. Da kann man als Band noch so inspiriert sein, und sich mal für ein Jahr einschließen um ein Meisterwerk abzuliefern. Ihr könntet euch jetzt einfach auch mal ruhig für zehn Jahre wegschließen um euch mit dem nächsten Meisterwerk die Weltherschaft zu sichern. Zitat aus „Hollywood“: „Es tut noch weh....“. Jungs, wenn ihr wüßtet wie recht ihr damit habt.
TELE sind immer eine dieser soliden Steely Dan-Coolness vor sich hertragenden Weichspüler gewesen, die man nie wirklich schlecht finden konnte. Dafür wusste die Band einfach zu viel von geschmäcklerischem Songwriting, phänomenologischen Wortgeschöpfen und ornamentaler Melancholie. „Jedes Tier“ nimmt dass subtile Jazzelement aus dem bandeigenden Sound und erweitert den Klangraum stattdessen etwas um englischsprachige Slogans, Duran Duran bzw. Maroon 5-Tanzbarkeit, Kifferatmosphärik, Slapbass und Radioschmonzetten. Wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Die Neuerungen sind fast allesamt ziemlich redundant und machen so manches mal eine eigentliche sympatische Band dann mitunter mal eher unsympatisch. Francesco als Simon Le Bon? Lass mal. Da fehlt der Glamour und das Koks. Das sorgt zuweilen für eine funkige Hüftsteifheit, die sehr schön aufzeigt, dass jedes System seine Grenzen hat, aber nicht unbedingt kennen muß. Alles in allem befinden sich die Ex - Freiburger aber mit ein paar schönen Songs auf der sicheren Seite. Was auch immer das bedeuten mag. Zumindest kann man das Album auzugsweise anhören ohne gleich vor Fremdscham zu sterben.
Das passiert dann spätestens bei Muskelschwund, ich meine natürlich: KARPATENHUND. Die Band um Sängerin Claire überzeugt mit absolut lausigen Loops, ooops, ich meine natürlich Songs, die sich so was von auf dem zeitgenössischem Rockfriedhof zusammengeklaubt anhören: keine Melodie, kein Beat, kein Schläfenpochen, kein übermannt werden vom Glück, an einem universellen Gefühl namens POPSONG zu partizipieren. Nur tote Zitate in einer in fetttriefend nach Credibility und Electronica schreienden Produktion (Peter Deimel, Tony Doogan! Peter Katis!!) und absolut vorhersehbaren Songs, die sooooo gerne die inzestuösen Kinder von The Cure, Killers, Interpol und Joy Division, etc. wären. Und weil der Sound absolut NICHTS transportiert, müssen dann eben die Titel das Melancholiekontingent, also die (leider immer noch) trendige New Wave/New Romantic Stigmatisierung vor sich her tragen wie einen Sack voll ausgeblichener Knochen: Wald. Rorschach. Boden. Hahahaha. Huch, sind wir aber weit vorn.
Über den furcheinflößend ton- und emotionslosen Gesang muss und sollte man ebenfalls keine Worte verlieren...aber weil´s so Spass macht: Die Frontfrau scheint eine weitere der unzähligen Damen zu sein, die ihre (Kopf-)Stimme einfach nur als Mädchenhauchen stilisiert hat, ohne auch nur einen einzigen Ton auszusingen. Energie? Fehlanzeige. Es nervt, wirkt absolut gewollt lasziv und ist bestimmt nicht sexy. Die einzige hervorzuhebende Leistung der Sängerin ist es jedoch, absolut souverän ein knappes Dutzend Stücke lang in ein-und dererselben Tonlage, auf einer handvoll Tönen rumzureiten. Wow. Davon abgesehen sollte eine Stimme authentisch sein. Die hier ist´s nicht. Dieses verhuschte, aber nach vorne gemischte Etwas, ist ja nicht mal in den sterbenslangweiligen Songs verankert. Das wirkt wie ein Sahnehäubchen aus Labial- und Diphtonglauten auf einer Torte aus Secondhand-Preset-Schrott. Was soll das? Wenn Muskelschwundhund es tatsächlich schaffen sollten mit „Der Name Dieser Band Ist...“ Geld und Fans hinzuzugewinnen, werde ich in Zukunft nur noch JENNIFER ROSTOCK hören. Versprochen.
„Der Film“ ist zumindest der Versuch, ein großes Poprockfaß aufzumachen. Nichts mehr mit Indie. Eher Großraumrockdisse mit einem Merchandisestand, der mindestens so groß ist wie der Schuppen, in dem du mit deiner Band letztens mal gespielt hast. Trotz großflächiger Halstattoos der notorisch überdrehten Frontfrau, ist das hier der scheissfreundliche aber immerhin angenehm hibbelige Status Quo der deutschen Radio- und Festivalpoprocklandschaft. Balladen, Uptemposongs, lustige Screamoeinsprengsel, viel NDW-Gezicke, Raised-Fist-Stadionkompatibilität und Kraftmeierei. Echt sympathisch. Die besseren Silbermond. Die punkrockigeren Juli. Es darf dann auch ruhig mal über sich selbst und das alberne Anything-Goes-Gepose des Albums gelacht werden („Nenn mich nicht Jenny“). Das Booklet, das dummdreist und auf´s plakativste mit Filmfiguren und Settings spielt, spricht da Hochglanzbände. Insgesamt also eine absolut hassenswerte Angelegenheit aber eigentlich natürlich voll in Ordnung. .Musik zum Jeans verkaufen. Damit die Boutiquen nicht immer nur „Heavy Cross“ von THE GOSSIP spielen müssen.
(Daniel Vujanic)

So mancher hat sich auf das Erscheinen von Peaches‘ neuem Album in diesem Sommer sehr gefreut.
War ja auch schön. Die Auseinandersetzung mit der Künstlerin eher weniger. Denn Miss „Fuck The Pain Away“ hat
zwar jede Menge zu erzählen – doch wie, ist eine andere Frage. ![]()
Für viele verkörpert Musik etwas, das über den Dingen steht. Etwas Göttliches. Vielleicht sind viele von diesen Vielen auch deshalb versucht, die Interpreten dieser oder jener Musik auf einem unsichtbaren Thron aus Zucker und Gold zu platzieren. Und auch ich bin nicht davor gefeit. Vielleicht sitzt Peaches nicht auf einem Thron aus Zuckerzeug und glitzerndem Edelmetall, aber zumindest schaue ich zu ihr auf. Halte sie für eine Galionsfigur in Sachen Feminismus und Auflösung festgefahrener Geschlechterrollen. Aber, wie sagt man so schön und abgeschmackt: Irren ist menschlich. Und wie.
Meriil Nisker, wie die Erfinderin des Electroclash mit bürgerlichem Namen heißt, hat in den letzten zehn Jahren eine ziemlich starke Performance hingelegt, wenn es darum geht, den Mann aus der Frau herausbrechen zu lassen und frei Schnauze übers Ficken zu sprechen. Performance... Dem Grund dafür möchte ich in einem Gespräch nachgehen.
Nachdem sie in der letzten Nacht aus Japan in ihre Wahlheimat Berlin zurückgekehrt ist, hat sie nur noch Zeit für ein Last-Minute-Telefoninterview. Schade, habe ich mir doch ein, wie mir gesagt wird, mutiges Thema für das Gespräch mit der Kanadierin zurechtgelegt. Heute soll nicht ihr neues Album „I Feel Cream“ im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, sondern die Person hinter dem auf der Bühne den Dildo wie ein Schlachtschwert schwingendem, sein androgynes Auftreten zelebrierendem Weibsbild named Peaches.
Doch schon die erste Frage zum Thema Stoffwechselendprodukte und deren Thematisierung in der Öffentlichkeit stößt auf - formulieren wir es schmeichelhaft - Ablehnung. Der Jetlag scheint Peaches die Grundlagen des menschlichen Miteinanders vergessen zu lassen. Sie wüsste gar nicht, was ich da reden würde, sagt sie. Und verschreckt mich. Wer hätte gedacht, dass eine Frau, die sonst scheinbar über den Dingen steht, sich von solch einer harmlosen Frage so auf die Palme bringen lässt?
Ungeachtet dessen frage ich todesmutig nach dem Grund für die Tatsache, dass das Gender-Thema ihr gesamtes kreatives Schaffen beherrscht und erfahre, dass eine transsexuelle Sandkastenfreundin und deren damit einhergehende Leidensgeschichte Merill schwer beeinflusste.
Ein paar Minuten später dann die entscheidende Frage nach dem Ich hinter der Kunstfigur Peaches und die fast schon vorhersehbare Antwort: „That’s nobody’s business.“ So tough, wie das Image der mittlerweile nicht mehr ganz so jungen Dame auch sein mag – sie ist es nicht.
(Teresa Mohr)

Das hatten wir ja schon seit Surrogat nicht mehr – noisy Deutschpunk mit poetischem Anspruch. Bei SAFI gibt’s dank einer Frontfrau, die mehr Power als ein Duracell-Häschen hat und lieber schreit, was sie fühlt, anstatt bloß lieblich zu säuseln, noch das feministische Sahnehäubchen obendrauf. Süß ist da trotzdem nichts. Schon auf Platte zerrt einem das Debut „Kalt“ an Trommelfell und Herz, und live gibt es so richtig auf die Fresse. Klar, dass BLANK die Tour präsentiert. ![]()
Tourdaten:
14.08. Fulda, Kreuz
18.09. Negenborn, Kanapee
19.09. Warburg, Kuba

Die 80er sind nicht nur modisch sowas von zurück. Auch musikalisch
erlebt die Zeit der Schulterpolster und der mega-tighten Röhrenjeans
eine Renaissance. Und so ist es doch mehr als erfreulich, auch noch
Künstler zu Gesicht beziehungsweise Ohren zu bekommen, die schon bei
der ersten Auflage der 80's mitgemischt haben. A Flock Of Seagulls
gelten mit ihren Hits, wie „I Ran (so far away)“ als Mitbegründer des
New Romantic und werden bei ihrem Gig am 10. September nicht nur das Rad der
Zeit zurückdrehen, sondern die Wurzeln heutiger Popmusik offenlegen.
Denn additiv um Live-Konzert wird der Abend im Dot Club von DJ's
begleitet, die den Bogen von New Wave über New Romantic bis Electropop
à la La Roux spannen. ![]()
Tourdaten:
10.09. live @ Dot Club Berlin

Das Bell Orchestre aus Kanada ist eine außergewöhnliche musikalischen Perle. Das ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, wer hinter diesem Projekt steckt – Mit Richard Reed Parry und Sarah Neufeld haben nämlich Arcade Fire ihr Händchen mit im Spiel.
Die Band verzichtet weitgehend auf Gesang, setzt voll auf die Instrumente. Die wiederum sind recht vielfältig und nicht gerade alltäglich besetzt. Kontrabass, Geige, Horn, Trompete, Schlagzeug, Harmonika, Glöckchen, elektronische Klänge und Samples ergeben ein faszinierendes orchestral-symbiotisches Klangbild.
Kammermusikalischer, beinahe sakraler Post-Rock vom Feinsten, ein wahrer Genuss auf höchstem musikalischen Niveau. ![]()
BLANK präsentiert das Konzert am 15.09. im Kesselhaus Berlin. Los geht es um 21 Uhr.

Diese Jungs sind in aller Munde: „Der unerhörte Einfallsreichtum und die comichaften, grotesk übersteigerten Alphatier-Lyrics bleiben eine Offenbarung“, kann man zum Beispiel auf Spiegelonline über das neue Album „Sexismus gegen Rechts“ lesen. Vielleicht ist das so ein Phänomen, dass man bei Verlust von Verständnis die Coolheit und das vermeintlich anarchische und freche herbeibemüht, um nicht alleine dastehen zu müssen. BLANK möchte hier nicht bewerten, keine Feminismus- oder Anti-Nazi-Debatte losbrechen, sich nicht in die Wirren der politischen Korrektness begeben. BLANK wollte einfach nur mal nachfragen. ![]()
BLANK: Wie ist es bei euch mit dem Begriff Politik? Arbeitet ihr darauf hin, dass euer Album am Ende eine gewisse Grundhaltung ausdrücken soll?
DJ Craft: Man ist automatisch politisch wenn man über so etwas spricht. Aber es ist nicht so, dass wir es darauf anlegen.
Maxim: Nein, das entsteht aus sich heraus. Man sollte auch in erster Hinsicht darauf konzentriert sein, entweder das eine oder das andere zu machen. Sonst wird beim Musik machen der künstlerische Aspekt in den Hintergrund gedrängt. Man kann jedenfalls nicht sagen: „Ich mach’ jetzt mal ein SPD-Album.“
BLANK: Wenn beim Aufnahmeprozess gewisse Themen textlich verarbeitet werden, ist es dann so, dass innerhalb der Band ein politischer Diskurs stattfindet?
DJ Craft: Ja, aber das passiert auch ohne eine Zeile aus einem Song. Wir lesen ja auch Zeitung – und dann fällt einem eine Schlagzeile auf, man liest das dann den anderen vor und es wird darüber gesprochen.
BLANK: Es geht um den Moment, in dem einer mit einer Zeile kommt und die anderen sagen: „Hey das können wir nicht machen!“
Maxim: Natürlich gibt es das. Unsere Sprache soll ja schon vertreten, was wir denken.
BLANK: Das hat ja viel mit Verantwortung zu tun.
Maxim: Nein, eigentlich nicht. Aber Tarek hatte beispielsweise so eine Zeile: „Wenn ich Promo brauch’, leugne ich den Holocaust...“ da ist schon die Frage aufgekommen, ob das deutlich genug die Sache verarscht. Es ist schon so, dass es uns wichtig ist, dass man merkt, ob wir uns von einer Sache distanzieren oder nicht.
BLANK: Es ist ja schon so, dass man sich im Prozess ein wenig einigelt und dann die Gefahr besteht, dass jemand, der die Tage im Studio, in denen ihr diskutiert und abwägt, nicht mitbekommt und die Aussage in den falschen Hals bekommt.
Maxim: So krass ist das glücklicherweise noch nie vorgekommen, aber wir sind ja auch vier Leute und beschäftigen uns damit. Wir reden viel über das, was wir schreiben und schreiben auch viel zusammen, von daher haben wir eine ganz gute Selbstkontrolle.
BLANK: Wie lange habt ihr am Album gearbeitet?
Maxim: Ein halbes Jahr.
BLANK: Am Ende wolltet ihr auch recht schnell auf den Punkt kommen, oder?
Maxim: Wir haben uns sehr lange Zeit gelassen, sind eben viel getourt und waren auch ein bisschen faul...
Tarek: Wir hatten schon immer was zu tun, haben Eindrücke gesammelt oder was auch immer. Es ist definitiv so, dass wir nicht faul waren.
Maxim: ...auf jeden Fall haben wir erst sehr spät angefangen, wirklich zu arbeiten.
Tarek: Wir arbeiten vor allem sehr hart an unseren Körpern... Das muss man unseren Körpern lassen.
Maxim: Es gibt nur drei Angelpunkte in unserem Leben: Bodybuilding, Religion und Autos.
BLANK: Inwieweit ist das noch Hip Hop, was ihr da gerade macht?
Maxim: Wir sind der Hip Hop. Das ist ja das Problem, die anderen bewegen sich gerade weg von dem, was wir machen und werden demzufolge weniger Hip Hop.
Tarek: Wir sind die Hüter und Wächter des Hip Hop.
BLANK: Berlin ist ja gerade sowieso ein Knackpunkt, oder? Aggro ist tot und SIDO macht Schlager. Hat euch irgendwas davon beeinflusst?
Tarek: Naja, wir machen auch Schlager. Uns beeinflussen eher solche Sachen wie der Holzklotzkiller von der Autobahnbrücke oder der Holocaust-Leugner. Man kommt jedenfalls nicht von ganz allein auf solche Sachen. Das ist schon so ein Endzeit-Album.
DJ Craft: Deshalb haben wir auch die Finanzkrise initiiert.
Maxim: Das ist so ein Promotool von uns.
DJ Craft: Wir machen eigentlich nur und beeinflussen alle um uns herum.
Maxim: Wie man eine Wirtschaftskrise herbeiführt, das kann man in „Obelix & Co Kg“ lernen. Da versuchen nämlich die Römer, Gallien zu übernehmen, indem sie dort den Kapitalismus einführen. Das ist die Wiedergutmachung für Tim & Struppi.
Tarek: Ich verstehe auch nicht, warum Tim & Struppi nicht auf dem Index landet, dafür aber „Porno-Party“ von Frauenarzt.
BLANK: Wer kam auf diese All Eyes On KIZ-Geschichte?
DJ Craft: Das war relativ kurzfristig, wir standen mit dem Kamerateam da, und mussten sehr schnell agieren – das war aus dem Bauch heraus.
Tarek: Wir hatten auch noch einen Clip von mir, der ist dann allerdings zensiert worden.
Maxim: Tarek scheißt ein Hakenkreuz, zündet es an und spült es die Toilette runter. Es gibt wohl einen Beschluss, der besagt, dass man ein Hakenkreuz zeigen darf, wenn es klar antifaschistisch verwendet wird. Klarer geht es doch gar nicht. Es wurde trotzdem nicht erlaubt.
DJ Craft: Ich denke, es wurde verboten, weil wir das Medium Kacke verwendet haben.
Maxim: Schnee und Kacke, das geht nicht bei MTV.
BLANK: Woher kommt bei euch eigentlich die Affinität zur linken Kultur?
Maxim: Das kommt von den Nazis.
DJ Craft: Mein Vater beispielsweise hat früher in Punkbands gespielt. Unsere Erziehung spielt schon eine große Rolle – ich bin in Kreuzberg geboren und aufgewachsen. Für mich war es immer normal, dass auf der Straße jedes Gesicht, dem ich begegnet bin, eine andere Hautfarbe hatte. Das lässt sich schwer beschreiben, aber wäre ich in einem bayrischen Dorf aufgewachsen, würde ich sicherlich anders ticken.
BLANK: Es ist ja schon sehr anarchisch, was ihr macht. Es geht ja nicht darum, Haltung zu bewahren und sich darzustellen, wie bei anderen Hip Hop-Protagonisten. Beispielsweise das All Eyes On Me – Ding – ihr nehmt euch nicht todernst.
Maxim: Das kann man ja aber auch inszenieren.
BLANK: Ja, aber da gibt es schon Parallelen zur Punk-Kultur.
Maxim: Es kommt sicher durch meine Eltern, auch wenn ich in einem bayrischen Dorf aufgewachsen wäre – dann wäre ich jetzt vielleicht ein bisschen belesener. Aber für mich war das schon immer das einzig Vernünftige. Ich hab’ mich auch immer engagiert, nicht bei irgendwelchen Hardcore-Antifagruppen, ich habe aber politisches Theater gespielt. Das ist einfach das normale Kreuzberger Umfeld.
BLANK: Ist das mehr Kreuzberg oder generell Berlin, habt ihr das Gefühl, dass eure Platte nach eurem Umfeld klingt? Peter Fox wird ja auch nachgesagt, dass er das Berliner Lebensgefühl mit seinen Texten repräsentiert.
Maxim: Es ist schon sehr gut, was er macht. Aber gleichzeitig machen sich die Leute anhand der Texte trotzdem ihr eigenes Bild von der Stadt, sehen das, was sie sich vorstellen wollen. Wenn die Zitty so etwas schreibt, dann schreiben die das, weil das vielleicht das ist, was sie sich darunter vorstellen. Man könnte auch behaupten, Bushido transportiert in seinen Texten das wahre Berliner Lebensgefühl. Aber das gefällt eben der Zitty nicht. Wir haben uns auch nicht vorgenommen, Berlin zu repräsentieren. Das ist nicht unser Ziel.
BLANK: Seid ihr Lokalpatrioten?
Maxim: Eigentlich nicht. Jedenfalls nicht so, wie man sich das vielleicht vorstellen möchte.
DJ Craft: Es ist schon so, dass ich mich sehr freue, wenn ich in Österreich bei meinen Verwandten sitze, Herr Lehmann schaue und dabei mir bekannte Kreuzberger Ecken sehe.
Maxim: Aber ich würde nicht mit irgendwelchen „Welcome To Kreuzberg“-T-Shirts mit dem Schlagring herumrennen.
TAREK: Kreuzberg ist auf jeden Fall der bekannteste Bezirk Deutschlands.
BLANK: Und Prenzlauer Berg mittlerweile der teuerste Bezirk Berlins.
Maxim: Apropos: ich hatte leider keinen Fotoapparat dabei, aber was ich letztens gesehen habe, fand ich schon sehr witzig. Ich war letztens an einer Eisdiele und da war ein Schild von einem Makler. Jedenfalls gab es dort Villen, die dann durch mehrere Eckdaten klassifiziert wurden: „Prominente Nachbarn“ war eine Rubrik und die krasseste Rubrik war „Nächster sozialer Brennpunkt“ mit den Kilometerangaben, damit die ganzen Bonzen schauen können, ob ihnen das auch alles weit genug entfernt ist.
BLANK: Apropos Brennpunkt – es ist interessant zu sehen, wie Leute wie Frauenarzt von der Presse dargestellt werden. Über den etwas zu lesen, bis man ihn live sieht, ist ähnlich wie über die Bösen Onkelz zu lesen. Wie seht ihr das?
Tarek: Es ist schon sehr dreist, wie sich die Leute manche Berichte zusammenschneiden. Wir wurden auch mal von Focus-TV interviewt und haben, da wir ja wussten, wie diese Reportagen meist ausfallen, richtig brutale Antworten gegeben, zwei Tage später haben sich die Leute gemeldet und gesagt, dass man das nicht ausstrahlen könne. Sieg!
Maxim: Wir haben das auch so kurz gehalten, dass man garantiert nichts harmloses herausschneiden kann, um es doch noch zu verwenden. Das war echt anstrengend.
Tarek: Wir haben den Bericht im Nachhinein auch noch gesehen und es war genauso wie erwartet. Man hat die Sache so wie meistens in den Dreck gezogen.
BLANK: Nochmal zurück zu Frauenarzt – Gibt es da nicht eine gewisse Problematik, weil er tatsächlich größtenteils Menschen anspricht, die das, was er proklamiert, also Feiern, arbeitslos und glücklich damit sein, völlig unverdaut schlucken?
Maxim: Die Leute müssen ja auch irgendwelche Musik hören. Und es gibt auch genug Deppen, die unsere Musik hören, was ich völlig in Ordnung finde.
BLANK: Meint ihr nicht, dass ihr gerade dadurch, wie ihr eure Aussagen verpackt, solche Hörer herausfiltert?
Maxim: Das mag schon so sein, dadurch trennen wir die Spreu vom Weizen. Trotzdem denke ich, dass das nicht die Pflicht eines Musikers ist.
Tarek: Eigentlich ist das doch aber auch egal, wenn die Leute ihren Spaß haben und das abfeiern wollen, sei ihnen das doch gegönnt. Frauenarzt sagt ja auch ganz klar, dass er Partymusik macht.
BLANK: Es ist ja aber schon so, dass ihr da einen ganz anderen Ansatz verfolgt. Man könnte das eben in eine ähnliche Gleichung setzen wie Frauenarzt und Deichkind. Ihr wärt dann eher Deichkind – Party mit einem gewissen künstlerischen Anspruch.
KIZ: Aaaahhh...! Damit möchten wir nicht in Verbindung gebracht werden!
Tarek: Das einzige, was Deichkind vielleicht mit uns verbindet, ist der Anspruch, etwas Eigenes zu machen.
Maxim: Deichkind haben einen sehr eigenen Sound, eine Live-Show, die gut ist. Das mag uns verbinden. Aber ansonsten haben wir nicht viel mit Deichkind gemeinsam.
Tarek: Kein bisschen...mit denen. Vor allem textlich nicht, ich bitte euch! Es ist bei uns auch nicht so, dass wir sagen, wir wollen Kunst machen. Das klingt irgendwie hochtrabend.
Nico: Ich würde den Kunstanspruch, was das optische von Deichkind angeht, nicht mit unserem textlichen Anspruch gleichsetzen. Es ist so, dass, wenn wir ein politisches Statement in unseren Texten haben, wir einfach eine politische Aussage machen wollen. Da würde ich eher sagen, dass wir den Kunstanspruch durch unser Auftreten oder die Bühnenshow transportieren. Das arbeitet eher auf Kunst hin.
DJ Craft: Wir wollen uns hiermit einfach allgemein von Deichkind distanzieren.
(Elmar Bracht)

Zur neuen Platte von Portugal. The Man und dem Indierock im Allgemeinen. ![]()
„Save Me – I Can´t Be Saved“ tönt es die ersten Sekunden. Wie treffend. Hoffnung und Resignation gehen nun mal Hand in Hand. Prinzipiell, auch im fast komplett homogenisierten Indierock-Genre. Nach einem verspielten Debut, einem progrockigen Zweitwerk, der Beatles-meets-LedZep-Nummer des letzten Albums, ist die Band um Fistelstimme, Songwriter und Gitarrist John Baldwin Gourley nun endgültig im Adult-Orientated-Rock (AOR) angekommen: Manfred Mann, Tom Petty, Billy Joel, Pete Seeger, Chicago und Springsteen. Also so ziemlich alles, was in den Achtzigern uncool war, heute auch noch ist, aber jeden selbsternannten Musikologen dazu veranlasst, mit dem Finger draufzuzeigen und irgendwas von „solidem Songwriting“ zu faseln. Von „zeitlosen Grooves“ und „klassischen Refrains“. Traurig, aber wahr. „The Satanic Satanist“ (hahaha – wie lustig...) bietet sehr viel stockkonservativen Daddelpoprocksound, der weder kickt noch irgendwelche Reibungsflächen oder Überraschungsmomente besitzt. Selbst ein toller Song wie „Lovers In Love“ wirkt in dieser staubigen Ansammlung von Zitaten aus dem musikgeschichtlichen Museum irgendwie deplatziert und seine Wirkung verpufft. Stattdessen gibt es häufig sterbenslangweilige Drumloops im Midtempo zu standardisierten Strophe-Chorus-Strophe-Bridge Homunculi. Wow. Was für eine Leistung. Was für eine Entwicklung. Und ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass es sich bei PTM um totale Kritikerlieblinge handelt. Natürlich ist das Album geschmackvoll produziert, besitzt neben dem bereits erwähnten „Lovers In Love“ auch seine hörenswerten, hellen Momente, in denen so etwas wie Spielfreude oder Enthusiasmus aufblitzt (beispielsweise beim an die Pixies erinnernden „Do You“), jedoch ist der Gesamteindruck irgendwie hohl und ausgebremst. Nur damit wir uns richtig verstehen: „Work All Day“, „The Home“, „The Woods“ oder „Everyone Is Golden“ könnten im Radio auch zwischen Kid Rock, Sade und Three Doors Down laufen. Und das ist jetzt bestimmt nicht als Kompliment zu verstehen. Überhaupt: Was soll die beknackte „Soldier“- Metaphorik in den Songs? Post-Irak Zielgruppenakquise?
Es stellt sich mir langsam die Frage, wie es um die Rezeption der Musik, speziell der des Indierock-Genres steht, wenn die Gesellschaft inzwischen in einer allumfassenden, lichtumkränzten, sich selbst abfeiernden Durchschnittlichkeit angekommen ist, in welcher im Fünf-Minuten-Takt auch die einfältigsten Gurken, die des Zitierens halbwegs mächtig sind, als neue Heilsbringer verehrt werden. Und das ist nicht nur in England so - Stichwort: NME. Nein. Es ist eine Pandemie. Ein unaufhaltsamer Virus. Wie Razorlight. Als ob man als Musikhörer auch den beschissensten Bands dankbar dafür sein müsste, sich – bevor sie ins Studio gehen – mit der Musikgeschichte der letzten Jahre beschäftigt zu haben. Nach dem Motto: „Wir haben viel CAN/Hendrix/Pink Floyd/Beatles/Marvin Gaye/Miles Davis/Phil Collins gehört. Coole Band/Künstler. Das hat uns sehr beeinflusst.“ Geht´s noch? Wenn ich CAN/Hendrix/Pink Floyd/Beatles/Marvin Gaye/Miles Davis/Phil Collins für mich hören und entdecken will, dann mache ich das aus erster Hand. Dafür braucht es dann aber keine stumpfgemorphte Ansammlung von Fanzitaten von einer Band von imagefixierten Copycats, Langweilern, Sexisten, Schülern, Nerds, Metrosexuellen oder Rednecks. Ist das nicht einleuchtend? Was bleibt übrig, wenn der „Hot Shit“ nicht „Hot“ ist? Richtig. Übrig bleibt nur noch „Shit“.
Aber zurück zu PTM: Auch wenn die Band als Hippie-Rampensäue live beim neuen Material wieder einiges wettmachen dürften, bleibt bei „The Satanic Satanist“ ein seltsam fader Nachgeschmack. Und selbst der ist total durchschnittlich. Wie eben dieses gesamte, vierte und bestimmt auch bald erfolgreichste Album dieser Band aus Alaska (inzwischen Oregon).
Es gibt ein Recht auf Schräges, Fantasievolles, Energisches, Futuristisches, Ungewöhnliches, Wahnsinniges und Durchgeknalltes. Eben Sachen, die es mitunter manchmal wert wären, völlig abgefeiert zu werden. Wieso?
Weil die Zukunft verdammt nochmal eben nicht retro ist. Und damit meine ich jetzt nicht nur die Zukunft der Musik.
PS: Wer auf hübsche, farbenfrohe, ausladende und völlig unpraktische CD Verpackungen steht, dürfte bei „The Satanic Satanist“ voll auf seine Kosten kommen. Zumindest in dieser Hinsicht hat sich die Band nicht lumpen lassen. Das spricht – in Anbetracht des durchwachsenen Inhalts – durchaus für sich. Und – Nein! – ich werde mich bestimmt davor hüten, zu dieser Sachlage Baudrillard zu zitieren. Reinhören. Selber machen.
(Daniel Vujanic)

Silvester. Das klingt verheißungsvoll. Nach Feuerwerk und Zukunftsträumen. Auf Pauken und Raketen hat Silvester-Frontfrau und Mastermind Naima Husseini trotzdem keine Lust. Ihr im Alleingang komponiertes Album „Ein Schritt vor“ erscheint diesen Sommer und wartet mit klaren Aussagen und minimalistischem Sound auf. Dabei zieht sich das Motiv des Neustarts wie ein roter Faden durchs Debut. ![]()
Eine in regelmäßigen Abständen laut und herzlich lachende Frau sitzt entspannt vor dem Spiegel. Nebenbei überwacht sie die Maskenbildnerin. Bloß nicht zu viel! Sie möchte natürlich aussehen, eigentlich so wie immer, das ist ihr wichtig. Naima Husseini hat die gesamte Crew innerhalb kürzester Zeit um den Finger gewickelt, so dass zehn Minuten nach ihrem Eintreffen bereits eine entspannte, fast familiäre Atmosphäre in der Maske herrscht. Bei Kaffee und selbstgedrehten Zigaretten werden Anekdoten wie Ping-Pong-Bälle durch den Raum geworfen. Nachdem die minimalen und eigentlichen fast überflüssigen Verschönerungsarbeiten an Gesicht und Haaren abgeschlossen sind, wird es etwas ernster und Naima beginnt zu erzählen – von sich im Allgemeinen und dem Weg zu dem, was sie heute ist und tut.
Mit ihrem ersten Album hat sie sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Viel hat sie dafür gearbeitet, und so eindeutig und vor allem eingängig wie das, was man auf „Ein Schritt vor“ zu hören bekommt, sind die Ergebnisse ihrer ersten Versuche, Musik zu machen, nämlich nicht: Naima, durch ihr Kunststudium in einem sehr experimentellen Kontext verhaftet, und mit einem Vierspurgerät und dadaistischen Gedichten bewaffnet, glaubt, ihre Form des Ausdrucks, ihren Sound, gefunden zu haben, bereit für die erste Platte zu sein. Sie wendet sich an einen Produzenten, kann ihn jedoch mit ihren Soundcollagen und Samples nicht überzeugen. Die Frau, die bei jedem „nicht“, das sie singt, sympathischerweise das „t“ verschluckt, wird regelrecht „auseinandergenommen“ und muss feststellen, dass ihr Gegenüber mit seiner Kritik ins Schwarze getroffen hat. Manch einen hätte dies vielleicht entmutigt, zweifeln lassen. Doch für Naima Husseini fiel in diesem Moment der Startschuss. „Es war eine schmerzhafte Erkenntnis, dass ich so viel Energie und so viele Gefühle in etwas gesteckt habe, das nicht konsequent, nicht wirklich zu Ende gedacht ist. Ich habe mich davor gedrückt, das zu sagen, was ich wirklich sagen wollte. Einen Text so zu schreiben, dass genau das herauskommt, was man ausdrücken möchte, ohne dass es platt wirkt, ist einer der härtesten Prozesse.“, erklärt die Sängerin, während sie sich eine von vielen Zigaretten dreht.
Im letzten Jahr geht Naima zum Schreiben nach Berlin, kapselt sich in ihrer Wohnung von der Außenwelt ab und schreibt und schmeißt um, schreibt und schmeißt um – bis letztendlich das Wesentliche übrig bleibt. Keine Fragezeichen im Kopf sollen Verwirrung stiften und von der Message ablenken. Nachdem das Eremiten-Experiment in Berlin abgeschlossen ist, hat Naima dieses Ziel erreicht. Sie trifft anscheinend den richtigen Ton und findet ihre Sprache – das Demo von „Ein Schritt vor“ schlägt bei den Plattenfirmen ein wie eine Rakete. „Nachdem wir den Song an alle möglichen Labels verschickt hatten, kam eine quälende Weile lang erstmal nichts. Bis wir dann von alle Seiten Reaktionen bekamen – das war wie in einem Märchen, ein regelrechter Flash.“
Allerdings auch kein Wunder, wie sie betont. Denn die 28-jährige hat sich ihr Leben lang mit ihren musikalischen Fähigkeiten auseinandergesetzt, sich ausprobiert, improvisiert. Schon mit vier Jahren erklimmt sie das Klavier der Eltern, um zu klimpern und in einem Alter, in dem bei den meisten Mädels die Barbie noch ganz hoch im Kurs steht, weiß die kleine Hamburger Madame bereits, dass sie sich ernsthaft mit Musik befassen möchte. Auf ihrem Heiligtum, dem Casio-Keyboard („Mann, da war ich tierisch stolz drauf!“) entwickelt sie die ersten eigenen Melodien und stellt fest, dass ein Leben ohne all das unvorstellbar ist: „Ich brauchte dieses Instrument schon damals als Ausgleich zum Leben da draußen.“
Es folgen Bandprojekte, die sie nie wirklich zufrieden stellen und irgendwann, endlich, ihr „erstes ernsthaftes Projekt“ – Silvester. „Nachdem ich mich jahrelang ausgetestet und weiterentwickelt habe, wage ich zu behaupten, dass ich jetzt auf einem Stand bin, den andere Bands erst beim dritten Album erreichen. Ich habe viel Material zurückgehalten, hätte natürlich auch schon im kleinen Rahmen auf einem Indie-Label veröffentlichen können. Aber so konnte das alles noch ausreifen und ich habe mich musikalisch gefunden. Ich habe diesen Entwicklungsprozess, den andere Bands machen, nachdem sie bereits ein Album raus haben, schon durchgemacht, bevor ich jemals etwas veröffentlicht habe.“ So eine gesunde Portion Selbstbewusstsein kann in der bittersüßen Popwelt nur von Vorteil sein. Und eine Frontfrau wie Naima Husseini, die zwar stark, aber nicht so exaltiert wie ihre Kollegin Mieze oder superalternativ wie Judith Holofernes daherkommt, tut zur Abwechslung ganz gut. Keine Imagespielchen, das könnte die 28-jährige auch gar nicht.
Denn eines weiß die Frau aus Hamburg ganz genau. Und zwar, was sie nicht will: „Je konsequenter man sich gewisser Dinge entledigt, desto besser kommt man voran.“ Dieses Credo könnte ergänzend unter dem Albumtitel stehen, denn Ablösungsprozess und Abschied, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, das sind die Themen, die auf dem roten Faden des Albums aufgezogen sind wie bunte Perlen. Ob es „Ein Schritt vor“ selbst ist oder die zweite Singleauskopplung „Wiedersehen“ – es geht darum, sich zu emanzipieren und sich nicht von Menschen und deren Meinungen aufhalten zu lassen.
Vielleicht hat die Band die Sache mit dem Sich-Entledigen aber auch zu ernst genommen und sich im Studio von zuviel angeblichem Ballast befreit, denn ab und zu will man ein klein wenig mehr, als man bei Silvesters Minimal-Pop bekommt. Sympathischerweise bricht die Stimme von Naima aber immer wieder ein kleines bisschen aus, und beugt der Gefahr völlig ecken- und kantenloser Musikstücke vor. Vielleicht sollte Frau Husseini beim nächsten Album doch wieder etwas mutiger werden und ein paar Experimente zulassen. Eigentlich ist sie nämlich ganz und gar nicht risikoscheu, wie sie erzählt, während sie in ihr Abendoutfit, einen schwarzen Seidenoverall aus dem Secondhand-Laden, klettert. Gleich geht es los.
Dahin, wo Naima sich wohlfühlt und hingehört. Auf die Bühne.
(Teresa Mohr)

Am Abgrund zu stehen, muss nicht unbedingt bedeuten, dass man sich fallen lässt. Manchmal reicht es auch, in die Tiefe zu schauen, um festzustellen, dass der Blick nach vorn ein viel schöneres Bild bietet. So in etwa ging es auch Robin Tom Rink – er hat sich ganz genau gemerkt, wie der Abgrund aussah. Auf seinem Album „Le Dilletante“ zeichnet er ihn nach. ![]()
Wenn es nur eine Gänsehaut wäre, die den Körper überfällt, wenn Rink mit Worten Bilder malt. Doch so unkompliziert ist das leider nicht, und ein großer, bitterer Klumpen quillt in der Magengegend auf, während aus den Boxen pechschwarze Zeilen wie „Sugar we‘re going down/Sinking softly down to the ground/Sending bubbles up to the sky/And we laugh/While the bubbles wave goodbye“ tropfen.
Seine wunderschöne Stimme, die sich so unschuldig und knabenhaft anhört, scheint in manchen Moment unter der großen Last der Worte einzubrechen; kriecht durch den Kopf, schnürt die Kehle ab, lässt einen nach Luft ringen, fügt Schmerzen zu.
Dabei wirkt Robin Tom Rink – zumindest heute – gar nicht wie ein Trauerkloß. Vielmehr sieht der 27jährige richtig adrett, fast schon artig aus, und nicht wie jemand, der eine steile Drogenkarriere hinter sich gebracht hat. Hielte man sich an Äußerlichkeiten auf, könnte man also meinen, dass eben diese Vergangenheit schon fast vergessen ist.
Doch heilt die Zeit nicht alle Wunden, und so gesteht Rink, dass er sich zwar immer wieder freut, in der Stadt zu sein, nach spätestens drei Tagen aber die Flucht antreten muss. Das Leben in Berlin brachte viele Verführungen mit sich. Verführungen, die ihn von seinem eigentlichen Vorhaben, nämlich Musik zu machen, mehr als ablenkten. Die ihn krank machten und sich irgendwann in Form eines Weihnachtscocktails aus Koffeintabletten, Alkohol, Ecstasy und Kokain potenzierten. Die daraus resultierende Überdosis verschaffte Robin Tom Rink eine mehr als unsanfte Landung auf dem Boden der Tatsachen: „Ich war 1 ½ Tage wach und habe mir die Frage gestellt, ob ich das Leben, was ich eigentlich immer wahnsinnig geliebt habe, wegschmeiße oder versuche, neu anzufangen.“ Er entschließt sich für den Neuanfang. Rink verlässt daraufhin das babylonische Berlin und geht zurück in seine Heimatstadt Münster, wo er als Gärtner und Briefzusteller arbeitet und merkt, dass ihm das ungefilterte Leben den schönsten Rausch beschert.
Die Kontakte nach Berlin bricht er aus Selbstschutz ab, will der Situation, erneut in Versuchung zu geraten, entgehen. Was ihm gelingt. Bis heute hat Robin Tom Rink seine Nase nicht mehr in die Angelegenheiten gesteckt, die ihn damals zuerst den Verstand kosteten und letztendlich fast des Lebens beraubten. Nach zwei Jahren in Münster zieht es ihn von der Heimat in die unbekannte Ferne: Rink geht nach Paris, wo er endlich zur Ruhe kommen und ganz bei sich sein will. Er knüpft schnell Kontakt zu anderen Künstlern, tauscht sich aus, schreibt und komponiert. Nebenbei wird das Päckchen aus Berlin, welches ihm immer noch anhängt, langsam leichter und handlicher – Musik als Therapie. Rink, der besonders beeindruckt vom „musealen Charme Paris’“ ist, fühlt sich wohl, ist angekommen. Und in der Lobby der kleinen Pension, in der er ein Zimmer bezogen hat, steht ein Klavier an dem er Abend für Abend sitzt und spielt. Ein Drittel der Songs auf „Le Dilletante“ sind Souvenirs, die Robin Tom Rink aus Paris mitgebracht hat.
„Le Dilletante“ – ein Albumtitel, der eine ziemlich negative Selbstwahrnehmung vermuten lässt – „Ich bin Autodidakt und kann eigentlich nur relativ bescheiden Gitarre und Klavier spielen. Irgendwie reicht es ja auch immer aus, aber ich stoße schon an meine Grenzen, das merke ich. Zum Beispiel kann ich keine einzige Note lesen. Es wurde mir auch schon öfter nahegelegt, meine Fähigkeiten ein wenig auszubauen, aber ich weiß einfach nicht, ob sich dann der Prozess des Songschreibens ändert. Und der soll so bleiben, wie er ist.“
Richtig. Für vier Alben steht Robin Tom Rink unter Vertrag. Bei einem so großartigen Debut bleibt nur Eines zu sagen: Bitte mehr davon.
(Teresa Mohr)
Tourdaten:
11.08. Düsseldorf, Damen und Herren
19.08. Darmstadt, Centralstation Darmstadt W/ HEATHER NOVA
22.08. Rottweil, Ferienzauber Festival
23.08. Kaiserslautern, Kammgarn

Ergänzend zum mittlerweile obligatorischen Glitzer-MakeUp für Panoramabar-Besucher beiderlei Geschlechts sollte am nächsten Sonntag auch ein Partyhütchen auf den Häuptern der Feierwütigen thronen.
Denn anlässlich seines 40. Geburtstags und des Erscheinens seiner neuen Platte „The Inner Jukebox“ lädt DJ T in den Garten des „besten Clubs der Welt“ zur elektromusikalischen Tortenschlacht ein. ![]()
Als Gratulanten haben sich Abe Duque feat. Blake Baxter zur Liveperformance, sowie Clé & Terrible und Thomas Schumacher angekündigt, DJ T selbst wird ebenfalls Hand an die Plattenteller legen. Das Gartentor öffnet sich um zwölf Uhr – und zwar schon Mittags, statt erst um Mitternacht. Also, Partyhütchen aufsetzen und die Konfettikanone laden!

Das alte Spiel mit den Gegensätzen ist das alte Spiel mit den Klischees.
Was passiert, wenn kühle E-Musik auf sonnige U-Musik trifft? Wahrscheinlich hängt die Qualität des Ergebnisses allein von den Protagonisten ab. Dabei sorgt bei dem Trioprojekt Whitetree lustigerweise gerade der italienische Komponist – und Schüler von Luciano Berio – Ludovico Einaudi für die Popelemente, während sich die umtriebigen und elektronikpopaffinen Lippok-Brüder Robert und Ronald (of To Rococo Rot fame) um analoge und digitale Abstraktion bemühen. So weit so gut. ![]()
Wie funktioniert die Musik?
Zunächst einmal fällt die Zurückgenommenheit dieser elektro-akustisch glitzernden Musik auf. Die Stücke sind häufig linear und additiv um das raumgreifende und stets tonangebende Piano herum arrangiert, welches romantisch-impressionistische Figuren ins Stereobild streut, die dann wiederum auf sparsame Rhythmen (Schlagzeug, Glockenspiel, prozessierte Becken, Rechnerbeats) und elektronische Texturen/Loops treffen. Das Ergebnis erinnert zuweilen an eine Art cineastisch-melancholische und ziemlich „erwachsen“ tönende Fahrstuhlmusik. Selbst wenn es einmal, und das kommt nicht allzu häufig vor, nach Eruption und emotionaler Verdichtung tönt („Tangerine“), wird elegant die dramaturgische Handbremse angezogen. Was zum einen etwas schade ist, aber eben auch einen Großteil des Charmes der Musik von „Cloudland“ ausmacht. Der köchelnde Ambient-Pop schreit nicht nach Aufmerksamkeit, ist aber auch zu gut und zu detailiert gemacht, um als Loungetapete schnell seine Halbwertszeit zu überschreiten. Was bleibt, ist ein in sich ruhendes, dreiviertelstündiges Instrumentalwerk voller Soundtrackmelancholia à la Craig Armstrong, gepaart mit leisen Glitchmutationen und symmetrischer Minimal-Music-Zeitlichkeit. Und – hey! – es ist in seinem eklektischen, connaiseurhaften Grenzgängertum sogar richtig gut. Wer Probleme hatte, eine Stimmungsmusik zwischen den Arbeiten von Christian Fennesz, den Soundtracks von Philip Glass und Erik Satie´s Pianomeditationen zu finden, wird hier definitiv sein Audioglück finden.
(Daniel Vujanic)

Es stinkt zum Himmel, dass dem dreizehnjährigen Nachwuchsrevoluzzer Millionenseller wie Ärzte oder Tote Hosen als Speerspitze der einschlägigen Musik vorgesetzt werden. „Punk ist nicht tot – Aber er riecht so“ lautet denn auch eine nicht lustige und trotzdem überstrapazierte Weisheit zum Zustand der Jugendkultur in Deutschland. Dabei gibt das Genre „Punkrock“ alles her, was es braucht, um beim Gammelkreis am Bahnhof geschmackssicher punkten zu können. ![]()
Wer erinnert sich an die letzte, im März erschienene Ausgabe des BLANK? Da ging es um die Band Rise Against und vor allen Dingen um die gesellschaftliche und politische Relevanz des Punkrock. Es ging seinerzeit um Themen wie Tierrechte, Innen- und Außenpolitik der USA und vor allem um die Legitimität von Kriegseinsätzen. Und was damals vom Autor kurzerhand und etwas vorschnell zur reinen Lehre des Punk ausgerufen wurde, ist doch nichts weiter als eine der vielen Spielarten des nach wie vor lebendigen Genres „Punkrock“. Und weil BLANK den Scheinwerfer gerne kreisen lässt, ist im Mai das andere Ende des breiten Spektrums dran: Blinker Links, Punkrock aus dem Rheinland. Es muss irgendwann Anfang des Jahres gewesen sein, da erklang aus den Lautsprechern in der Grafikabteilung „Pimmel raus, Mofa fahren“, ein völlig beknackter Song über pubertären Moped-Spaß im mütterlichen Garten. Reime aus der Grundschule, Akkordfolgen für den Gitarrennachwuchs und ein Text, der mit „abstrus“ wohlwollend umschrieben ist. Zusammengefasst: Ein Hit!
Und während der aufrichtige politische Korrektling pflichtschuldig Refrains für den Weltfrieden skandiert, schreiben Blinker Links für ihr Publikum Hymnen der Marke „Blinker Links Ficken Tod“ und drehen dazu auch noch ein herrlich asynchrones Video mit Nichthandlung und gelangweilt dreinblickenden Nebendarstellern. Und damit sind Blinker Links das, was Die Ärzte schon lange nicht mehr sind, sein wollen oder können: Selbstironisch, anarchisch witzig und erfreulich erfolglos. Erfolglos im besten Sinne natürlich. Unkorrumpiert, völlig unverdächtig. Die Band-Webseite ist bestenfalls als „rudimentär“ zu bezeichnen, Gigs finden selten, aber dafür nicht selten in beinahe konspirativem Rahmen statt und Promo passiert in Untergrundpostillen wie dem „Trinker“. In einem Review zur bislang letzten Blinker Links-Scheibe „Der liebe Gott sieht alles“ heißt es reichlich treffend: „Wer also nicht der bierspießige Anti-Punk-Skinhead ist, sollte hier mal eine Prise von nehmen.“ Und obwohl „Anti-Punk-Skinhead“ kein ganz klares Profil der Zielgruppenvertreter zeichnet, wird aus diesem Zitat doch die grundsätzliche Atmosphäre deutlich, die die vier Musiker um Sänger Kollege umgibt: Dadaismus ist Trumpf, Message Ballast und Spaß der König. Hervorgegangen ist die Band um Sänger Kollege aus den in der heimischen Punkszene reichlich wohl gelittenen Chefdenkern, die in den letzten Jahren nicht nur auf dem Force Attack – dem Mekka der Sicherheitsnadeln- und Lederjacken-Szene – reüssierten, sondern sich auch einen Ruf als ironiesichere Wörterschmiede erarbeitet haben.
Mit Texten der Güteklasse „Pimmel fahrn mit Mofa raus – sieht super sexy aus“ wird es BL-Mastermind Kollege, der im vergangenen Jahr aus dem Rheinland nach Berlin übersiedelte, nicht ins Vorprogramm von Bad Religion schaffen. Aber das kann man auch unmöglich wollen. Mögen wir uns nie vorwerfen lassen müssen, Blinker Links in den Mainstream gezerrt zu haben. Aber beruhigen wir uns selber: Das wird nicht passieren.
(Till Erdenberger)

Wenn man Patrick Watson hört, sieht man Elfen tanzen und hört Bäche rauschen. ![]()
BLANK: Es kommt mir vor, als würdest du dich gerne hinwegträumen. Liege ich da richtig?
Patrick Watson: Ja, ich mag es, an andere Orte gebracht zu werden, wenn ich Musik höre. Oder wenn man durch eine Gegend läuft, die man schon hundertmal durchquert hat – sobald man einen Soundtrack dazu hört, sieht alles anders aus. Man sieht Dinge, die man vorher nie bemerkt hat. Das mag ich. Musik kann dich dazu bringen, auf ganz andere Dinge zu fokussieren. Derselbe Ort kann völlig anders aussehen, wenn du einen anderen Soundtrack hörst. Fünf verschiedene Arten von Musik bedeuten auch, dass du fünf unterschiedliche Orte erkunden kannst, dank des jeweiligen „Soundtracks“. Ich bin ja auch viel auf Tour. Und ab und zu bin ich dann ziemlich fertig. Aber ich will mich nicht so fühlen, also höre ich meinen liebsten Bollywood-Soundtrack aus den 60ern, kein Mainstream-Kitsch. Sobald ich das anmache, fühle ich mich wie in Little India – plötzlich habe ich am Flughafen die Zeit meines Lebens. Weil ich mich dann superwach und sehr lebendig fühle.
BLANK: Wie würdest du die Unterschiede vom ersten Album „Close To Paradise“ zu deiner neuen Platte „Wooden Arms“ beschreiben?
PW: Auf jeden Fall weniger Piano. Wir wollten ein „Science Fiction Folk“-Album machen. Nicht im Sinne von Science Fiction, wie man sich das eigentlich vorstellt, man denkt ja gerne an Roboter, sondern eher fantastisch. Science Fiction, das sind für mich Geschichten mit einem seltsamen Twist.
BLANK: Eure Songs nehmen unheimlich viel Raum ein, es gibt lange, lange Intros, viele Spielereien, insgesamt ist das Album sehr unkonventionell, man muss sich Zeit dafür nehmen. Scheint fast ein Statement gegen eine Zeit zu sein, in der alles wahnsinnig schnell geht.
PW: Ich würde es nicht als Statement gegen irgendetwas sehen. Aber es ist so, dass wir uns tatsächlich nicht an aktuellen Strömungen orientieren. Und es war und wird mir auch immer sehr wichtig sein, zur Ruhe zu kommen, die Natur zu genießen. Fernab vom Informationszeitalter.
BLANK: Twitter hat mir gezwitschert, dass du gerade in Island warst. Ein Land, das mit seiner ungewöhnlichen Landschaft die perfekte Umgebung für deine Musik zu sein scheint.
PW: Ja, wir haben dort aufgenommen. Wenn man in Island ist, fühlt man sich immer wie in einem Märchen, alles ist grün. Und da ich ein großer Naturfreund bin, fasziniert mich dieser Ort sehr. Er ist total seltsam – schön und gleichzeitig unheimlich.
BLANK: Ein bisschen so, wie man sich Mittelerde vorstellt.
PW: Tatsächlich sollte „Herr der Ringe“ auch dort gedreht werden, aber sie konnten sich das wohl nicht leisten. Island ist neben seiner zauberhaften Seite aber auch ein Land, wo man seinen Finger in eine blubbernde Flüssigkeit steckt und ihn nie wieder sieht. Eine sehr brutale Landschaft. Irgendwie kann man fühlen, wie die Erde permanent in Bewegung ist.
BLANK: Wenn wir schon gerade bei Naturphänomenen sind – „Down At The Beach“ hört sich nach einem gehörigen Pilztrip an.
PW: Wir haben den Song im Studio improvisiert. Auf Pilzen waren wir nicht, aber ein bisschen betrunken schon. Pilze – das war das letzte Album. „The Storm“ und „Slip Into Your Skin“ haben wir auf Pilzen aufgenommen. Wir haben uns aber nicht ständig zugeknallt – das ist dann doch ein wenig anstrengend. Ein Pliztrip sollte etwas Besonderes bleiben. Etwas, das man nicht jeden Tag macht, und wenn, dann in Begleitung wichtiger Menschen.
BLANK: Was ist die „Machinery Of The Heavens“?
PW: Den Titel für den Song hatte ich schon vorher. Und den Song habe ich in der Nacht geschrieben, in der mein Baby geboren wurde. Die Fruchtblase meiner Frau platzte, und wir haben im Krankenhaus gewartet – dabei habe ich den Chorus geschrieben. Es machte Sinn, den Song so zu nennen.
(Teresa Mohr)

Was passiert, wenn Indie-Herzschmerzästhetik auf Episodenfilmstruktur trifft? Die Kollaboration der Band Naked Lunch und des Regisseurs Thomas Woschnitz versucht sich an einem elliptischen Gleiten durchs Ungewisse. Die Bilder propagieren hierbei eine Art Kameratourismus der stoisch köchelnden Stimmungen und sich intuitiv auffaltenden Ahnungen, während der mixtapeartige und häufig schrammelige Sound für die rezeptorische Bodenhaftung sorgt. ![]()
Alles fängt mit einem schlagenden Herzen an und hört mit einem in der Zeit eingeschlossenen Bernsteinmoment auf. Nicht nur in der Intro und Outro bildenden Episode zwischen Rashid und Julie im lichtumkränzten Marseille. Auch das männliche Paar in Luxembourg erlebt diesen speziellen, alles übermannenden Bernsteinmoment in einem menschenleeren Hallenbad, wenn auch unter Wasser und wahrscheinlich „nur“ als re-animierte Erinnerung eines Liebhabers. Man kann zwar aus dem stets viel zu großen Spiel der Liebe aussteigen, aber das traurige Echo auf vielen, alltäglichen Bedeutungsebenen bleibt und das emotionale Verebben besitzt nun mal seine eigene, unkalkulierbare Zeitlichkeit. Das zeigt „Universalove“ mit jeder verstreichenden Minute.
Die Stärken des Films, also die lose durch melancholische Musikstücke und verlorene Stimmungen miteinander verwobenen Episoden, sind aber auch gleichzeitig sein größtes Problem. Die strukturelle, erzählerische Diskontinuität erlaubt dem Zuschauer zwar, seine eigene Assoziationsmaschine anzuwerfen, sorgt aber auch für eine gewisse Beliebigkeit beim Spurenlesen. Somit leidet die Dramaturgie des Films manches Mal eben auch an der einbalsamierenden Freiheit der Lesbarkeit ihrer Bilder, ganz nach dem Motto: Es soll für jeden was dabei sein. Da kann dann die Kraft der Symbole zum Ausgleich mal noch so eindeutig sein.
Was aber an „Universalove“ zuallererst auffällt, ist diese verschobene emotionale Natur: Eine fatalistische Einbahnstraße, in welcher sich alle Protagonisten der verschiedenen Episoden zu befinden scheinen. Das sorgt für eine stilbildende Statik; eine scheinbare Ausweglosigkeit bis hin zur Selbstaufgabe, die höchstens von der Unvorhersehbarkeit des Zufalls unterbrochen und auch umgelenkt werden kann und werden will. Ironischerweise sind es dabei gerade die alltagserleichternden Kommunikationsmedien und -instrumente (Handy, Computer, TV), die in ihrem (dys-)funktionalen Determinismus die Umschwünge und Wendungen herbeizitieren. Der kaputte Fernseher, der in den Slums von Rio de Janeiro eben NICHT für einen Telenovela bedingten, kurzzeitigen Eskapismus sorgt, der abgestürzte Rechner, der als eine Art Datenfriedhof mit all seinen verborgenen Dateien das Liebesleben eines Computerfachmanns in Tokio völlig aus der Bahn zu werfen droht, oder die zu spät abgehörte Mailbox eines Mobiltelefons in Belgrad, die einen Knoten nach 15 Jahren unausgeglichener Beziehung zum Platzen bringt. Die scheinbaren Unfälle sorgen für das Tempo und für die Handlungsschübe. Es ist das Ausbremsen, Vertrösten, das einseitige Hoffen und Warten, was aus den Poren von „Universalove“ sickert und was aber auch einen Großteil des Charmes der fünfundsiebzig Minuten ausmacht. Die Musik von Österreichs wohl einflussreichster Indieband passt somit ebenfalls wie der berühmte „Eimer auf den Arsch“. Naked Lunch hatten sich in ihrer inzwischen fast zwanzigjährigen Karriere ebenfalls dem Aufschieben, Warten und Vertrösten verschrieben, emotional – in ihrer Musik, wie auch veröffentlichungstechnisch – zwischen „The Next Big Thing“-Hype und völlig in der Versenkung verschwundenen Alben, nach denen kein Hahn mehr krähen wollte. Und das, obwohl sie eigentlich stets die besseren, weil weniger prätentiös elektronisch tönenden Notwist sind und immer schon waren. Für das Feuilleton wäre ihr in Indierockbratzigkeit gegossenes, weltumarmendes Lennon/McCartney-tum eh zu anachronistisch. Für „Universalove“ erweiterte das Trio aus Klagenfurt ihr unterschwellig immer schon etwas der verdrogten Flaming Lips-Glückseligkeit zusprechendes Repertoire, noch um tongewordene Tom-Waits-Hobo-Kirmes, universelle Dylanismen und ein paar mutierte Casiobeats, die in ihrer beliebigen Schrulligkeit überall auf der Welt als „I‘m-So-Lonesome-I-Could-Cry“-Loner-Sound identifiziert werden können. Was soll‘s. Jedenfalls lebt und zehrt der Film von der speziellen und durchaus funktionalen Verwebung zwischen Naked Lunch‘s sonischer Indie-Tristesse und Thomas Woschnitz‘ ätherischen Bildern – und das einem Musikvideo gar nicht so unähnlich. Manchmal kommen Dinge, die zueinander passen, eben auch zusammen und sind dann mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile. Love is universal. Ziemlich einfach, oder?
Was bleibt also am Ende, außer dem, in sich zusammengezogenen, verdichten wollenden Titel „Universalove“? Vielleicht das wunde Gefühl, wenn es nicht ums „Sich-fallen-lassen-können“ oder um die Heilsamkeit der universellen Liebe geht, sondern um eine prinzipielle Zerrissenheit und die gebetsmühlenartige Suche nach etwas Besserem, einem lebenswerteren Gefühl, untermalt von schaurig-stimmigen Bildern einsamer Fußmärsche, voyeuristischer Inselungen unpersönlicher Imbissbuden/Wettbüros und Menschen entzweiender öffentlicher Räume. Die wenigen besänftigenden, oder eben auch mal die Dramaturgie vorantreibenden Ausnahmen sind schön positioniert und cinematographisch wohl irgendwo zwischen Jarmusch, Wenders und Kusturica anzusiedeln. Es bleibt aber glücklicherweise nicht nur der Eindruck eines mit europäischen Fördergeldern gesegneten Zitatenkinos mit Arte-Anspruch, sondern einfach nur ein ruhiger, statischer Film über die Variablen, Codes und Wechselwirkungen der Liebe. Das ist schon mal ziemlich viel.
(Daniel Vujanic)

Maximilian Hecker macht Kuschelrock. Weil er es muss; weil er es kann.
Und ehrlich – da stehen wir drauf. ![]()
Ich nehme lieber eine neue Flasche Wasser. Bei der angefangenen hat doch bestimmt schon jemand dran rumgeschnuddelt.“ – man könnte Maximilian Hecker eine gewisse pedantische Schrulligkeit vorwerfen, während er sich mit mir an der Bar der Location fürs Fotoshooting bedient. Wenn das denn wirklich schlimm wäre. Tatsächlich ist der in Heidenheim geborene und als „Berlin Mittes Lieblingsadoptivsohn“ bezeichnete Hecker aber ein sehr angenehmer Zeitgenosse. Ruhig, zurückhaltend. Trotzdem bestimmt.
Und zielstrebig: als er auf Berliner Straßen steht und Coverversionen spielt, um endlich entdeckt zu werden, hat er Glück. Sein erster Fan ist Ex-Lassie-Singer Almut Klotz. Sie gründet mit Jim Avignon die Band „Maxi (unter Menschen)“, in der Hecker Schlagzeug spielen soll. Bald aber reifen die ersten Songs und das Bedürfnis nach musikalischer Selbständigkeit heran – Maximilian Hecker unterschreibt bei Kitty Yo seinen ersten Plattenvertrag und produziert in den darauffolgenden Jahren Alben am laufenden Band. Alben, die von grenzenloser Romantik, manch böse Zunge möchte das als Kitsch bezeichnen, geprägt sind und in dem Land, in dem die Romantik das Licht der Welt erblickte, ein großes Medieninteresse hervorrufen. Denn obwohl man sich im ersten Augenblick noch über Maximilian Heckers große Gefühle lustig machen möchte – immun ist man gegen seine hochkultivierten Herzschmerzballaden nicht, ertappt sich, wie man auf dramatischen Melodiebögen und tieftraurigen, zu peinlicher Ehrlichkeit verdichteten Textzeilen wie „Where are the days when I was young?/Now I’ve got to face reality/I’ve got to face the pain“ davon treibt. Heckers große Stärke ist gleichzeitig seine größte Schwäche: Das Sich-Bekennen zu „romantischen, schwelgerischen Gefühlen“, wie er das nennt. Die Presse, die ist deshalb am Ende eben doch immer auf seiner Seite. Und das Goethe-Institut, das schickt ihn 2003 zur Verbreitung seiner Verse mit Barbara Morgenstern auf Welttournee. Schwelgen ist ein für ihn unbedingt notwendiger Ausgleich, erklärt Hecker und nimmt einen Schluck Wasser: „Ich selbst bin sehr streng mit mir, sehr gefühlsreduziert im Alltag. Durch meine Musik finde ich einen Weg, Gefühle zuzulassen und auszuleben.“
Anlässlich der Veröffentlichung seines sechsten Albums „One Day“ sitzen wir hier an weiß lasierten Holztischen auf schwedischen Kissen, in einer zum In-Restaurant aufgestylten ehemaligen Fleischerei. Hecker ist erkältet und zieht gerade um – das verwirrt ihn sichtlich, er kann sich schwer konzentrieren: „Überall in der Wohnung diese Unordnung... wenn nur schon geputzt wäre. Alles ist staubig, das macht mich kirre. Ich bin schon ziemlich ordentlich.“
Während er in Deutschland „indie“ ist, spielt der schmalbrüstige Hecker, der in Jogginghose und Schlabberpulli vor mir sitzt, in Asien einer ganz anderen Liga. Dort – genauer in Taiwan, Korea, China und Hong Kong – ist er ein Popstar: „Die Band „Air“ hat mal gesagt: ‚In Japan fühlen wir uns regelmäßig wie die Beatles.’ und ich glaube, das beschreibt das Gefühl, in Asien aufzutreten, ganz gut. Die Menschen sind sehr viel euphorischer. Sie haben ihre Idole und ich bin eben auch so ein Idol für meine Fans. Es herrscht eine gewisse Hysterie und die Leute sind sehr aufgeregt, wenn sie mich dann nach dem Konzert beim Autogramme schreiben sehen.“
Und das, obwohl oder gerade weil Hecker so gar nicht dem Bild entspricht, das asiatische Popstars sonst abgeben: „Männliche asiatische Popsänger singen wie soulartig trainierte Boybandmitglieder. Hauptsächlich. In Asien wird das Beherrschen von Technik und Virtuosität ganz groß geschrieben – so wie wir das hier aus dem Mainstream-Popgeschäft auch kennen. Ich stelle dann dort natürlich eine gewisse Ausnahme dar – auch dadurch, dass ich äußerlich ganz anders erscheine, ein ganz anderes Männerbild verkörpere. Und dadurch, dass ich nicht Musik mache, um mein technisches Können zu beweisen. Vielleicht merken die, dass es tatsächlich darum geht, das da jemand Musik macht, ohne an Technik zu denken, sondern seine Gefühle durch das Singen ausdrückt.“
Dass Hecker so erfolgreich ist, hat viel mit der asiatischen Mentalität zu tun. Die Leistungsgesellschaft fordert persönliche Zurücknahme zugunsten des Kollektivs, ähnlich wie der Künstler selbst schaffen sich die Asiaten mit Hilfe der Hecker‘schen Melodien die Möglichkeit, zu kompensieren: „Wenn man sich die Popmusik in Asien anschaut, sieht man, dass 70 bis 80 Prozent der Lieder romantische Balladen sind. Wir würden das erstmal gemeinhin als Kitsch bezeichnen. Aber das ist vorschnell geurteilt. Denn ich glaube, der Stellenwert von romantischen Gefühlen und Schwelgereien, ist ein ganz anderer als bei uns in Europa. Hier gelte ich als uncool. Dort fragen die sich gar nicht, ob das cool oder uncool ist, sondern sie merken: die Musik handelt von Gefühlen. Und die Musik gibt ihnen die Möglichkeit, zum Beispiel für die Dauer eines Konzertes, ihre Strenge und die Anforderungen der Gesellschaft und ihrer Eltern über Bord zu werfen.“
Trotz aller Anerkennung – der Rummel um seine Person ist Maximilian Hecker unheimlich: „Das ist nicht leicht für mich, weil ich dann immer denke: ‚Ihr kennt mich doch gar nicht.’ – es handelt sich nicht wirklich um mich als Person. Es verwirrt mich und es macht mich unsicher. Mancher würde jetzt denken, ich würde mich in dem Moment, in dem ich bewundert werde, schön und stolz fühlen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Ich fühle mich meistens hässlich und unliebenswert. Ob man einen Vortrag hält oder was auch immer, durch das Bewusstsein, dass jemand anders einen ansieht, verändert sich auch der Blick, den man auf sich selbst hat. Man versucht dann, sich in den Augen des Anderen zu sehen, achtet mehr auf sein Äußeres, seine Schwächen, will möglichen Erwartungen gerecht werden. Man wird nervöser und pingeliger und neurotischer.“
Lieber ist ihm da noch die Straßenmusik mit ihrem gewissen Zauber, der dadurch entsteht, dass „keiner zuhört“. – „Das ist wunderbar. Es ist so schön, man merkt, dass es ausschließlich um die Musik geht. Selbst wenn mich keiner hören würde, könnte ich immer noch Straßenmusik machen. Das ist so ein halb öffentlicher Raum, anders, als wenn man auf der Bühne steht, und anders, als wenn man ganz für sich allein spielt. Es klingt einfach anders, die Wahrnehmung der eigenen Musik verändert sich.“
Trotzdem, beim anschließenden Fotoshooting macht er ganz und gar nicht den Eindruck, als wäre ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit unangenehm, Maximilian Hecker scheint sich wohl zu fühlen in seinem selbstgewählten Outfit aus Jogginghose, Pelzmütze, pelzigem Oberkörper und posiert geduldig, aber nicht ewig. Denn er hat noch eine private Mission zu erfüllen: Parkettreiniger kaufen, um die neue Wohnung endlich zu wischen und seinen Frieden zu finden. Bevor er geht, trinkt er schnell noch sein Glas Wasser aus. Ordnung muss sein.
(Teresa Mohr)

„Escape Plans Make It Hard To wait For Success/ Neuhass“ heißt die neue Platte der steirischen Formation um Sänger Wolfgang Möstl und seinen Mitstreitern Mario Loder und Stefan Christiandl. Eine klare Ansage. „Wir stehen uns selbst im Weg, auf die meisten Menschen machen wir den Eindruck von Geisteskranken, Heulsusen oder einfach nur Deppen. Das kann auch der Grund sein, warum wir noch immer keine Ferraris fahren!“. Eine großartige Band. Live ein absolutes Muss. Nicht viele Bands laden eine Bühne dermaßen auf und hinterlassen erstarrtes Erstaunen. Diese Band schafft es: brachial und zuckersüß, charmant und dreckig. Ein weiterer Hoffnungsschimmer am Austro-Indie-Himmel. ![]()
Tourdaten:
02.04.09 Berlin, Lokal
03.04.09 Rostock, Mau
04.04.09 Leipzig, Ilses Erika
05.04.09 Chemnitz, Weltecho
06.04.09 Dresden, Ost-Pol
18.04.09 Utrecht, db's
19.04.09 Siegen, Veb
21.04.09 Hamburg, Astra Stube
22.04.09 Greifswald, Klex
23.04.09 Bielefeld, F'Dom
24.04.09 Münster, Amp
25.04.09 Schnaitsee, Club Leonard
09.05.09 Oslip, Cselley Muehle

Die Berliner Band Klez.e veröffentlicht dieser Tage ihr Masterpiece „Vom Feuer der Gaben“. Somit hat der kalte Winter seine Berechtigung und Bestimmung gefunden, denn warm um's Herz wird einem mit dieser wundervollen Indie-Pathos-Rock-Scheibe mit Sicherheit. ![]()
Gut Ding will Weile haben, vielleicht hat es deshalb zwei Jahre gedauert, bis das neue Album der Berliner Band Klez.e um Mastermind Tobias Siebert fertig war. Vielleicht spielt Zeit auch keine wesentliche Rolle, wenn es darum geht, etwas zu erschaffen, was die Chance besitzt, als zeitlos funktionierendes Abbild einer Generation, einer Stadt, einer Szene, einer Stimmung oder zumindest eines Momentes zu überleben. Und Klez.e versuchen diesen Eindruck zu verfestigen und zu ergänzen. So gibt es zu jedem der zwölf Songs ein Bild, eine Assoziationsfläche, einen Denkanstoß, eine Anregung; gemalt von verschiedenen Künstlern, die sich der verschiedenen Stücke mal mehr, mal weniger direkt annehmen und sich auf den von der Band bereiteten Boden einlassen. Dual Sessions nennt die Band diese Verbindung von Kunst und Musik. Lisa von Bilerbeck ist dabei, ebenso Jan Kruse von der Designschmiede Human Empire, Paul Holland, Michael Wutz, Daniel Lange, Rene Arbeithuber oder Andy Potts, der den Titeltrack illustrierte.
Klez.e bündeln, sammeln, archivieren sich, Musik und Aussage, geben sich frei und nennen das „Die große Einfachheit“ oder „Wir ziehen die Zeit“. Das hat alles Hand und Fuß, aber in erster Linie viel Herz. Auch andere haben früher schon diese magischen Musik-Momente mit Siebert und seinen Mitstreitern Christian Schöfer, Patrick Vollberg, Daniel Moheit und Filip Pampuch erlebt, so zum Beispiel unser Autor und Siluh-Label-Betreiber Robert Stadlober, der dies bereits im letzten Jahr in einem langen Text, in Gänze nachzulesen auf unserem Blog, über den Musiker und Produzenten Tobias Siebert, beschrieb: „An dem Abend in Leipzig war der erste Satz, den Tobias sprach, als er die Bühne betrat: „Hallo, wir sind Klez.e und wir machen hier heute alles kaputt.“ Und sie taten es dann auch. Mit teilweise drei Gitarren bauten sie solch flirrende Gewittertürme auf, dass einem das Getränk überschwappte. Schrill schnitten einem Feedbackpeitschen und Computerkäfertöne zwischen die Augen, aber dann wurde man sofort wieder warm und wohlig vom Gesang eingefangen. Einem Gesang, der wunderbar haltlose Melodien trug, Wörter, kaum greifbar, aber irgendwo kongruent mit eigenem Unformuliertem. Danach rannte ich raus, in die Leipziger Nacht, eine Schaufensterpuppe hinter mir her ziehend und kurz hatte ich endlich wieder einmal das befreiende Gefühl, alles wäre positiv kaputt. Alles wäre möglich!“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. „Vom Feuer der Gaben“ erlaubt große Gefühle, erscheint dieser Tage bei Loobmusik/Universal und wird sich in den nächsten Monaten bei den Anwärtern zur Platte des Jahres einreihen.
Mehr zu Klez.e und diesem Album demnächst in BLANK.
(Elmar Bracht)

Das kann durchaus passieren, wenn Klez.e diesen Monat mit ihrem neuen, dem mittlerweile dritten Album auf Tour gehen. ![]()
Kettcar-Produzent Tobias Siebert kann nicht nur Knöpchen drehen, sondern auch selber pompösen Indierock spielen. Ein Orchester werden die Mannen um den Mastermind wahrscheinlich nicht dabei haben, dafür ein Sammelsurium an Instrumenten und guten Ideen. Und wer darauf hofft, dass die Band an den Abenden alles kaputt macht, befindet sich in guter Gesellschaft. Wenn die Band gegen Ende des Sets rethorisch fragen wird, ob das alles ist, werden die Besucher pflichtschuldig und zustimmend nicken müssen. Mehr geht nicht! Wer das Glück hatte, die fünf Berliner Ende Januar bei der inoffiziellen BLANK-Release-Party gesehen zu haben, weiß, wovon die Rede ist. Und dass unser Chefredakteur auf den ersten fünf Terminen das Vorprogramm bestreitet, soll hier nicht mehr als eine Fußnote sein.
Klez.e auf Tour:
01.03.09 Wien, B 72
02.03.09 Regensburg, Heimat
03.03.09 Reutlingen, franz.K
04.03.09 Konstanz, Kulturladen
06.03.09 Halle, Objekt 5
07.03.09 Leipzig, UT Connewitz
09.03.09 Hamburg, Knust
10.03.09 Berlin, Lido
11.03.09 Münster, Amp
12.03.09 Köln, Kulturbunker
14.03.09 München, Orangehouse

„If I had known this before“ – acht Jahre ist es her, dass das Konterfei von Jonas Poppe und Sebastian Dasse, die damals noch zu zweit waren, bei VIVA über den Bildschirm flimmerte.
Damals lieferten sie zu einem Woody-Track die Vocals und schafften die dunkle Diskohymne der 2000er Ecstasy-Generation. Am Freitag, dem 13. März, erscheint „Rubber&Meat“, das dritte, großartige, angenehm ungewöhnliche Album der Berliner Soundtüftler von Kissogram.
Ab dem 12. März supporten die „Kissos“ Franz Ferdinand auf Europa-Tour. ![]()
BLANK: Würdet ihr „Rubber&Meat“ als Großstadtalbum bezeichnen? Wenn nein, was ist es dann?
KISSOGRAM: Es ist ein futuristisches, surrealistisches, autistisches, schnelles und langsames, provinziell-metropolitisches, schlechtes und gutes, passioniert-lakonisches, leicht bekleidetes, undiplomatisches offensiv-melancholisches
ganz und gar nicht vernünftiges Pop-Album von drei Männern mit drei Wodkagläsern und drei Zigaretten, auf drei Ohrensesseln in drei Strohhäusern, wartend, bis der Wolf kommt und pustet.
BLANK: Worum geht es in dem Song, der euer Album betitelt?
K: „Rubber and Meat“ handelt von einem Mädchen, das in einer Fleischfabrik arbeitet, morgens um sechs aufsteht, den ganzen Tag nur Fleisch und ihre Gummihandschuhe sieht und abends zu müde ist, um von einer für sie besseren Welt zu träumen.
BLANK: Im Kontrast dazu befasst ihr euch textlich sehr stark mit, man nenne es salopp „Berlin-Mitte-Thematiken“. Wie wirkt diese Szene auf euch? Tatsächlich scheint ihr euch eher abgestoßen zu fühlen.
K: Das muss nicht wirklich Berlin sein, es kann auch London, Kopenhagen oder was auch immer sein. Aber du hast Recht, diese Szene, die wir beschreiben, kann manchmal sehr abstoßend sein, man kann sich aber auch gut darüber amüsieren. Natürlich ist Berlin nicht mehr das Berlin der Neunziger Jahre und in einigen Straßen, über die ich früher schlenderte, fühle ich mich heute eher fremd. Das ist aber eine normale, aber manchmal beunruhigende Stadtentwicklung. Wie ein Mädchen, das sich immer mehr, immer stärker schminkt, bis sie irgendwann kaum mehr zu erkennen ist, und wir, ihre alten Freunde möchten ihr manchmal nicht mehr die Hand geben, weil sie sich so entfremdet und weil wir sie vermissen, wie wir sie kennen.
BLANK: Was wünscht ihr euch für den Frühling/Sommer 2009?
K: Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas mal sage, aber zuerst brauchen wir alle Geld. Sonst müssen wir eben in einer Fleischfabrik arbeiten. Außerdem wünschen wir uns eine schöne Tour im Mai; Festivals im Sommer, Sonne, Meer, Berge, und dass wir nach dem ganzen Tour- und Saufinferno im Frühling überhaupt noch zurechnungsfähig sind.
(Teresa Mohr)


Die Texthölle: Geschichten unserer Autoren über alles was wichtig und richtig, schön und hässlich, gut und schlecht ist. ![]()

Der BLANK-Blick auf die Welt von An-, Aus- und Umziehen. Oder Verkleiden. ![]()

Eine Kolumne von Roman Libbertz. ![]()

Die etwas andere Kolumne von Nilz Bokelberg. ![]()

Blau ist das neue Grün oder zumindest das neue Gelb. Auf jeden Fall ist blau meer. ![]()

Der Begriff vom „Herrenpils“" ist dabei sich aus unserem Bewußtsein zu verabschieden. Nicht ohne Grund, denn auch Bier orientiert sich am Zeitgeist und da ist eine neue Männlichkeit einfach mehr gefragt als Herrenhaftigkeit. ![]()

Sommer, Sonne, Sonnenschein. Zeig Haut, Baby! Wir verlosen diesen Bikini von BENCH 3 mal, in den Größen S, M und L, also eigentlich für jeden, der am Strand, im DC10, beim Beachvolleyball oder beim Open-Air-Rave glänzen möchte. ![]()

Seit 1935 sind die von John Sperry designten Schuhe von den Booten dieser Welt nicht mehr wegzudenken. Doch mittlerweile sind diese Schuhe nicht mehr nur auf dem Wasser zu finden, heute trägt man Schuhe von Sperry Top Sider auch auf der Straße.![]()
Danke! Deine Nachricht wurde gesendet.