KOLUMNEAPRIL 2009
Ja, kritisch müsste er sein, der Text. Am besten aktuelle Probleme behandeln. Aber versuchen, sie nicht zu allgemein zu halten, denn das hatten wir schon. Man muss Probleme heutzutage präzise benennen, sonst wird die Kritik daran zu allgemein. Ich muss mir also etwas Superspezifisches raussuchen, bei dem ich sicher sein kann, dass es so gut wie nie seine Aktualität einbüßt, denn mal im Ernst: Wie erbärmlich sind gedruckte Texte, die ihr Mindesthaltbarkeitsdatum schon überschritten haben? Eben. Der eine große Text für die Ewigkeit soll das werden. Nicht mehr und nicht weniger. Damit kann man, ähnlich der Herangehensweise von Kandidaten bei „Wer wird Millionär“, schon mal gewisse Dinge ausschließen. Wahljahr ‘09 zum Beispiel. Ein Text dazu wäre spätestens einen Tag nach der Wahl ein uninteressanter Brei. Lassen wir das also lieber. Zeitlos soll er sein. Probleme behandeln, die es anscheinend immer gibt. Zum Beispiel Menschen auf Flohmärkten, die immer viel zu langsam vor einem gehen. Aber, ach, aber. Dann wird es wieder so trivial. Zu dem Thema gibt es ja schon 24 Facebook-Gruppen, wen sollte das also noch interessieren?
Du bist wirklich eine Pfeife, Bokelberg. Was jammerst du hier so rum, nicht mal auf besonders hohem Niveau? Schreib jetzt endlich, du Sackgesicht, sonst mach ich dir Beine!
Nanu? Wo kommt denn diese Stimme her? Und wer zum Teufel bist du eigentlich?
Ich bin dein Unterbewusstsein und ich habe die Schnauze gestrichen voll. Immer wieder überlegst du, was du schreiben sollst, was es deiner Meinung nach wert ist, gedruckt zu werden, und was nicht. Das ist doch Stuss. Du sollst schreiben, nicht meinen!
Super. Damit erweist du mir natürlich einen Bärendienst, wie soll ich denn jetzt hier noch einen vernünftigen Text hinkriegen, wenn du dich da so reindrängst. Und überhaupt: Selbstreferentielle Texte über das keinen-Text-zu-Stande-kriegen sind ja mal so was von 2002. Adaptation anyone? (Und der war nicht mal sonderlich gut...)
Ich wusste, dass du das sagen würdest. Naja, ich sitz ja schließlich auch in deinem Kopf. Nun gut, dann lass uns doch mal ein bisschen wühlen, bis wir das Thema gefunden haben, um das es heute gehen soll. Ah, hier hab ich was Schönes: Als du im Alter von 15 mit deinen Klassenkameraden in Freiburg zelten gegangen bist und ihr das erste Mal für euch selbst verantwortlich wart. Das ist so Coming of Age, das mögen die Leute. Da können die auch ihre eigenen Erinnerungen mit abgleichen. Kollektive Erinnerungen funktionieren immer besonders gut. Wenn du jetzt noch von „Spaß am Dienstag“ schreibst, von Zini dem Wuslon, meinetwegen auch noch vom Kinderferienprogramm im ZDF und von deinen „Masters of the Universe“-Figuren…
Ach hör doch auf. Das ist doch billiges Applausfischen. Das muss nun wirklich nicht sein.
Ja, aber dann könntest du noch erzählen, wie du immer mit den Masters-Figuren gespielt hast, da war doch diese gelbe Schlangenfrau, die Helferin von Skeletor und die hast du doch dann He-Man hypnotisieren und in Skeletors Schloss locken lassen, wo sie He-Man dann immer zum Sex verführt hat und du dann ihre gelben Plastikbeine gespreizt und sie dem Helden aufs Gesicht gesetzt hast.
Also Moment mal! Das gehört nun wirklich nicht hier her!
Oder wie du dir immer heimlich die Penthouse von deinem großen Bruder geklaut hast, weil da diese supersexy Bilderstrecke war, von Leuten die Sex hatten während der Französischen Revolution, in diesen schicken Kostümen und die Frauen mit der heißen Wäsche unter den voluminösen Kleidern.
Entschuldige mal. Auch wenn man noch kein optimales Thema gefunden hat, sollte man ja wohl nicht so billig sein und auf erotische Fantasien und Vorlagen aus der Pubertät zurückgreifen. Das muss ja nun wirklich nicht sein. Das will doch keiner lesen!
Und wie du dich immer gefreut hast, wenn auf RTL plus auf deinem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher am Samstagabend „Black Emanuelle“ kam. Den fandest du doch so wahnsinnig aufregend! Da musst du dich doch dran erinnern!
Der Frühling ist da! Endlich scheint die Sonne wieder, endlich kann man wieder draußen sitzen und das Leben genießen. Es ist wieder Zeit, auf Flohmärkte zu gehen, süßen Mädchen in Röcken hinterher zu gucken und endlich, endlich wieder Eis zu essen. Wenn man morgens aus dem Club fällt, ist es schon hell und man hört ein regelrechtes Zwitscherkonzert in der noch schlafenden Stadt. Und wenn man mit Jacke und T-Shirt rausgeht, kann man nichts verkehrt machen.
Ich verstehe. Du versuchst, mich jetzt zu ignorieren und etwas möglichst schönes und harmloses zu schreiben. Ich bitte dich. Du versuchst so, dein eigenes Unterbewusstsein zu verarschen? Für wen hältst du dich? Rasmussen? Und diese harmlose Blümchenscheiße, das interessiert doch keine Sau. Die Leute wollen was Handfestes lesen. Erzähl doch mal wie du mit diesem Kumpel einmal in diesem Leipziger Nachtclub gelandet bist. Wie hieß der noch gleich? Pigalle oder so? Und wie ihr da…
…Also DAS gehört nun wirklich nicht hierher. Entschuldige mal. Das war ein ganz langweiliger Abend und diese Gähn-Anekdoten, die schreibt man doch nicht in einem seriösen Magazin.
…reingegangen seid, und die erstmal die Stripperinnen geweckt haben, die in den Sitzecken gepennt haben, mangels Kundschaft. Und wie dann die eine einen Poledance gemacht hat und dabei die ganze Zeit gähnen musste und ihr wolltet nur ein Bierchen trinken, aber ein paar Ladies haben sich sofort zu euch gesetzt und ihr habt euch unterhalten. Und dann hat doch dein Kumpel gefragt, wie denn jetzt noch die Perspektiven wären…
Hab ich euch eigentlich schon erzählt, was mir zuletzt passiert ist? Ich gehe gemütlich aus dem Haus, weil ich mir ein neues Buch kaufen möchte, da geht doch plötzlich ein Regenschauer los, den ich noch nie erlebt habe. Die Wolken tun sich auf und schütten wirklich literweise Wasser auf die Erde. Und ich nur in einer dünnen Strickjacke bekleidet…
…und da hat dem doch die eine der Frauen, ganz tief und ernst in die Augen geguckt und mit trockener Stimme gesagt: „Hier gibt es keine Perspektive.“ Daran musst du dich doch erinnern! Das war doch ein ganz bitterer Moment!
Außerdem flirte ich im Moment immer mit meiner Supermarktkassiererin. Da macht das Einkaufen doch gleich zehn Mal soviel Spaß. Wenn ich den Supermarkt betrete, gucke ich immer schon, ob sie da ist und stelle mich genau an ihrer Kasse an, egal wie voll oder leer die anderen sind. Ich weiß noch, wie ich sie das erste Mal sah. Ich stand an einer Kasse, war gerade dran und sie saß fünf Kassen weiter. Dann haben sich wirklich zufällig unsere Blicke getroffen und wir konnten beide nicht mehr weggucken. Alles um uns herum schien sich auszublenden, die Spots waren nur noch auf sie und mich gerichtet. Der Mann, den sie gerade abkassierte, fragte höflich, aber bestimmt nach, was er denn nun zu zahlen hätte. Wohingegen die Kassiererin an der Kasse, an der ich gerade stand, bestimmt fünf Mal wiederholen musste, wie viel ich denn nun zu zahlen hätte. Ich habe sie einfach nicht gehört. Kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.
Super Idee. Das ist es. Flirten mit Supermarktkassiererinnen. Das wollen die Menschen lesen. Du Hirni. Was kommt als nächstes? Erzählst du uns, wie du zum ersten Mal den Glücksbärchis-Film gesehen hast?
Ach, halt doch die Klappe. Du magst eine gewisse Macht über mich haben, liebes Unterbewusstsein, aber von Liebe verstehst du mal überhaupt nichts. Du hast keine Ahnung, was im Hier und Jetzt passiert. Klar, du kannst dir tolle Träume ausdenken und so was, aber wenn es darum geht, glücklich zu sein, dann berufe ich mich doch lieber auf das Bewusstsein. Es ist doch so, du bist ein Showeffekt. Man braucht dich für Hypnose-Aktionen, bei denen Menschen plötzlich steif wie ein Brett werden und Joy Fleming sich auf sie setzen kann. Oder um Sachen zu machen, die man gar nicht kontrollieren will. Aber Herzensangelegenheiten, die macht man doch immer noch am besten mit sich selbst aus.
Aber, aber... ich habe doch auch Gefühle! Wie kannst du nur darauf rumtrampeln? Du brauchst mich doch! Ohne mich bist du nichts!
Das gilt aber umgekehrt umso mehr. Ich kann vielleicht gerade noch so auf dich verzichten, aber ohne mich würdest du nicht mal existieren.
So hab ich das noch gar nicht gesehen. Verdammt. Dann schreib doch was du willst, ich wollte dir ja nur helfen.
Du? Mir? Helfen? Dass ich nicht lache. Ich weiß gar nicht, wie oft du mich schon in die Bredouille gebracht hast. Ich erinnere mich an Nächte, in denen ich mit Mädchen zusammengesessen habe, die ganze Nacht gequatscht, wir wurden immer müder und müder und plötzlich sagt man Sachen, die man gar nicht mitbekommt. Man spricht und wacht kurz danach auf und merkt erst, das man gerade was gesagt hat. Übrigens gerne auch erst auf Nachfrage des Gesprächpartners.
Hihi, ja, ich erinnere mich, das war wirklich lustig.
Siehst du? Unser Humor ist nicht kompatibel. Du bist böse. Du willst mich bloßstellen, einen Affen aus mir machen. Deswegen habe ich keinen Bock auf dich.
Aber ich versuche auch ganz oft, dich zu warnen. Wenn du dich verliebst, ohne verliebt zu sein, nur um dich zu verlieben!
Das passiert mir nie!
Das ist das, was du glaubst, aber dem ist nicht so. Erinnerst du dich an das Mädchen im Sommer? Ich habe so laut geschrien wie ich nur konnte, aber du hast nicht gehört und dich trotzdem darauf eingelassen. Und irgendwann gemerkt, dass sie es doch nicht ist. Du hast ihr also unnötig wehgetan. Und dir eigentlich auch.
Ach, sei doch still, du hast doch keine Ahnung von so diffizilen und komplexen Problematiken wie dem Verknallen.
Wenn du das schon „Problematik“ nennst, dann viel Spaß noch in deinem weiteren Liebesleben.
Ach du. Was weißt du denn schon?
Ein bewusster Dialog mit dem Unterbewusstsein. Genau. Wer‘s glaubt.
Wer bist du denn?
Ich bin dein unbewusstes Unterbewusstsein.
Jetzt reicht‘s.
KOLUMNE NOVEMBER/DEZEMBER 2009

Das neue BLANK kommt. Unsere Tinte gewordenen Gedanken, Hoffnungen und Meinungen. Diskordianisch nicht, aber Diskurs immer. Gesellschaft, Diskurs, Disko – zum Anfassen, Blättern, Freuen und vielleicht sich ärgern.


Die Texthölle: Geschichten unserer Autoren über alles was wichtig und richtig, schön und hässlich, gut und schlecht ist. ![]()

Der BLANK-Blick auf die Welt von An-, Aus- und Umziehen. Oder Verkleiden. ![]()

Eine Kolumne von Roman Libbertz. ![]()

Die etwas andere Kolumne von Nilz Bokelberg. ![]()

Zuweilen sind wir Sneaker-Affin.
Nicht erst
seit dem
Hilfsprojekt „Turnschuh-klappe“,
bei dem wir zu Weihnachten Turnschuhe gesammelt und dem Kinderhilfsprojekt ARCHE e.V. geschenkt haben. Auch ASICS hatte das Projekt mit Schuhen unterstützt und so ein paar Jugendliche und Kinder glücklich gemacht. Hilfe kann manchmal ganz schön einfach sein.![]()