STORIESAPRIL 2010
von Boris Guschlbauer
Im Jahre 1979 begann das Abenteuer der Rallye Paris – Dakar. Die längste und härteste Rallye der Welt wurde zum Sinnbild des Draufgängertums schlechthin und viele Hobbyrennfahrer wünschten sich nichts sehnlicher, als nur einmal an dieser Herausforderung teilzunehmen.
Doch nachdem 2008 Terroristen Angriffe auf die Rallye in Mauretanien angekündigt und kurz darauf vier Franzosen und drei Soldaten getötet hatten, wurde das wahr, was niemand zu denken wagte. Die Rallye wurde abgesagt und mittlerweile zum zweiten Mal nach Südamerika verlegt. Der Name blieb bestehen, doch die Rallye hat für viele, wie auch für mich, an Reiz verloren. Aus diesem Grund schien es selbstverständlich, mich auf den Weg zu machen, um die Wüste auf eigene Faust zu durchqueren. Da ich jedoch keinen 4-Wheeler mein Eigen nennen kann, und ich den Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer eingebüßt habe, war es klar, sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis nach Dakar durchzuschlagen zu müssen.
So nahm ich den Billig-Flieger von Berlin nach Südspanien, um den europäischen Kontinent so schnell wie möglich hinter mich zu bringen und meinen Reisegefährten Alex zu treffen, der sich dieses Abenteuer nicht entgehen lassen wollte. Nach einem hervorragenden Fisch in Málaga ging es weiter nach Algeciras, von wo aus die Fähren nach Tanger, Marokko starten und in den Hafenspelunken das San Miguel fröhlich fließt. Betrunken taumelten wir durch die regnerische Nacht, um sehnsüchtig auf das nur 15 Kilometer entfernte Afrika und seine Lichter zu blicken. Mit einem höllischen Kater betrat ich die Fähre und musste dank des starken Wellengangs ordentlich Tribut zollen. Mit fahlem Gesicht über die Toilettenschüssel gebeugt, schien es mir wie eine Katharsis, alles musste raus bevor ich diesen mir unbekannten Kontinent betreten durfte. Dementsprechend körperlich geliefert, schleppte ich mich später durch die engen Gässchen der Medina von Tanger, die Interzone, wie sie der Schriftsteller William S. Burroughs in „Naked Lunch“ einst beschrieben hatte, und wehrte die vielen Checker ab, die mir „good stuff“ verkaufen wollten – in diesem Zustand der Sieche fühlte ich mich aber wirklich nicht nach Hasch oder Opium, was egal war, später auf der Reise sollte ich es sowieso zu genüge konsumieren.
Mit dem Zug ging es durch überschwemmtes Gebiet nach Rabat, der Hauptstadt von Marokko. Hier wollten wir das mauretanische Visum beantragen, was sich als große Geduldsprobe herausstellen sollte. Die unfähigen Botschafter besaßen keinen Sinn von Ordnung und brummten sich dadurch selbst unzählige Überstunden auf, die armen Schweine. Vier Tage später, irgendwann mitten in der Nacht, hielten wir dann doch den Reisepass samt Visum in den Händen. Der Weiterreise stand also nichts mehr im Wege.
Mit einem kleinen Umweg über Marrakech, Königsstadt und Aushängeschild Marokkos, und mit einer riesigen Medina, in der man sich unweigerlich wie in einem Labyrinth verläuft, erreichten wir von Bus- und Taxifahrer abgezockt das Urlaubsdomizil Agadir. In diesem Sündenbabel wollten wir ein letztes Mal billig saufen, den Huren im Nebenhaus bei ihrer Arbeit zuhören und später den Bus durch die West-Sahara nehmen, die seit 1976 von Marokko besetzt wird. Eine Fahrt von 22 Stunden durch endlose Wüste, nur ab und zu sah man die Wellen des Atlantiks, ein paar Fischerhütten und die Kotze meines Hintermannes durch den Bus schwappen. Die blutrote Sonne erlosch im Meer und der Sand färbte sich orange und violett. Der Halbmond mit unzähligen Sternen erschien am Firmament, ich sah sie alle aus meinem Busfenster, komisch verdreht lag ich auf zwei Sitzen gleichzeitig und spürte die bittere Kälte der Wüstennacht, das Brummen des Motors und die unendliche Straße sich unter mir abrollen. Am frühen Morgen, nach unzähligen Militärkontrollen, deren Soldaten ich meinen Beruf erklären musste (Kopfgeldjäger), erreichten wir schließlich Dakhla, die letzte Stadt vor Mauretanien und das scheinbare Ende der Welt – Wüstenfuchs und Dromedar sagen sich hier gute Nacht. In den Straßen verrottet der Müll, Ziegen und Esel fressen den Müll, der Müll brennt, der Müll stinkt, der Müll wird aufgesammelt und in Autos eingebaut. Hier war erst einmal Schluss mit lustig, keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren über die ungefähr 300 Kilometer entfernte Grenze. Eine Woche mussten wir deshalb im Zimmer neben dem Lautsprecher ausharren, der das Allahu Akbar direkt in unsere Ohren verstärkte, bis wir zufälligerweise auf Lene und An-dreas trafen, ein Pärchen aus dem Schwabenland, die im Hippiebus unterwegs waren und uns anboten mitfahren zu können. Endlich ging es weiter voran, trotz meines ordentlichen Dünnschiss, den ich mir durch die kaputte Sahne in einem Törtchen eingefangen hatte. Also warf ich mich auf die Rückbank des Mercedes und Paracetamol in den Schlund – wie in Trance erlebte ich die Fahrt durch den endlosen Sand. Der marokkanische Zöllner wuchtete den Ausreisestempel in den Pass und wünschte uns viel Glück auf dem Weg durch das verminte Niemandsland, das die West-Sahara von Mauretanien trennt. Hier wird die Endzeit zur Realität. Überall liegt Müll, teilweise versperren Stacheldrahtverhaue den Weg, ausgeweidete Autowracks stehen im Nichts. Geklaute Karren, teilweise mit deutschem Kennzeichen, wurden hier ihrem Schicksal überlassen, mancher Fahrer hatte die nicht ganz offensichtliche Piste zu weit verlassen und war auf eine Mine gefahren und explodiert. Ein wahr gewordenes Mad Max, das jeder Reisende so schnell wie möglich verlassen will, viele aber an den lustlosen Grenzern scheiterten und die Nacht unter freiem Himmel zwischen Minen und Mördern verbringen mussten. Glücklicherweise waren wir unter den letzten, die die Grenze nach Mauretanien passieren durften.
Das Auswärtige Amt warnt dringendst vor einer Reise durch die islamische Republik Mauretanien. Erst vor kurzem wurden ein italienisches Pärchen und zwei spanische Entwicklungshelfer Opfer von Entführern. Für das Leben der Spanier wird 7 Millionen Euro Lösegeld gefordert und die Freilassung von Al-Qaida Mitgliedern. Kein Wunder also, dass man dieses Land mit einigen Ängsten und Vorurteilen betritt. Doch Ängste und Vorurteile können nicht abgebaut oder bestätigt werden, trifft man auf niemanden. Der absolute Großteil dieses riesigen Landes scheint ausschließlich aus Sand und sonst nichts zu bestehen. Kein Leben weit und breit, endlos und meditativ war deshalb die Fahrt immer nur geradeaus durch die Ödnis. Bis in die Hauptstadt Nouakchott, in der alle alten Mercedes Benz ein neues Zuhause gefunden zu haben scheinen und die Menschen weitaus andere Probleme hatten, als uns zu entführen.
Die erste Nacht unter dem Moskitonetz, dann weiter Richtung Süden. Und es ist unglaublich, wie sehr man sich über die erste verdörrte Vegetation freuen kann nach langen Tagen ohne das kleinste Gestrüpp. Im Süden Mauretaniens, der Sahelzone, entdeckten wir endlich wieder Bäume und die Farbe Grün. Die Kleider der Frauen wurden farbenfroh, die Kinder lachten von Herzen und winkten uns zu, und die mit Turbanen vermummten Militärposten verlangten ihre Cadeaux (Geschenke), Bestechungsgüter, die die Weiterfahrt um einiges beschleunigte. Zum Glück fuhren wir seit geraumer Zeit im Konvoi, Armin aus der Nähe von Stuttgart fuhr Hilfsgüter in ein Buschkrankenhaus in Liberia und verteilte ordentlich die Cadeaux médicaments (Arzneimittelgeschenke) an das Militär. Wir fragten uns ernsthaft, ob er jemals mit irgendwelchen Medikamenten Hilfsbedürftige in Liberia erreichen wird.
Der Höhepunkt der Bestechung war schließlich an der senegalesischen Grenze. Die Zöllner weigerten sich partout, uns passieren zu lassen, sie befürchteten, Armin könnte die Medikamente teuer in ihrem Land verkaufen. Doch nach mehreren Stunden Diskussion löste sich alles in urplötzlichem Wohlgefallen auf, als die Hände der gierigen Zöllner ordentlich mit Medikamenten und Verbandszeug gefüllt wurden. So einfach konnte es gehen, ich zweifelte an der Menschheit und verdammte den Egoismus.
So erreichten wir die Stadt Saint-Louis im Norden des Senegal, die erste französische Niederlassung überhaupt in Afrika. Alex und ich checkten in die Jugendherberge ein, sahen im Innenhof das langweilige Endspiel des Afrika Cups, schlenderten durch die kaputten Straßen mit den alten Kolonialbauten, tranken ordentlich bière de gazelle und bestaunten die hübschen Frauen. Wir beobachteten die vielen Kinder, die tatsächlich mit Murmeln spielten und zusammengenähte Stoffreste mit Schaumstoff füllten und dies als Fußball benutzten. Tagsüber wehrten wir die vielen Bittsteller ab und badeten im Senegalfluss. Nachts funkelten wir hell in den unbeleuchteten, aber vom Vollmond beschienenen Straßen.
Knappe fünf Wochen waren nun vergangen, als ich schließlich lebendig, aber noch immer vom Durchfall geplagt, das Ziel der Schlussetappe nach Dakar erreichte. Das Zentrum der Drei-Millionen-Metropole scheint von Chaos, Gewalt und der Hitze übermannt, weshalb wir im ruhigeren Vorort Ngor blieben. Und kaum beim ersten Bier in der Strandbar „Black President“, mit dem idyllischen Blick auf die Insel Ile de Ngor, auf der der Finanzminister seinen durch Korruption finanzierten Luxuspalast ganz ungeniert zur Schau stellt, lief zufälligerweise Helge Timmerberg, mein Favorit der deutschen Reiseschriftsteller, den Strand entlang. Ich wollte meinen Augen nicht trauen und rannte auf ihn zu. Nach einem kurzen Smalltalk gesellte er sich zu Alex und mir an den Tresen und gemeinsam schütteten wir Unmengen an bière de gazelle in uns hinein und tanzten und tranken uns zum Klang von Trommeln in Trance. Alex und ich flirteten mit den Nutten an der Bar, die dann aber stocksauer wurden und uns wütend anbrüllten, weil wir nicht mit ihnen ficken wollten. Also tranken wir noch mehr Bier, um den Stress zu vergessen, das Ende zu feiern und ins Koma zu fallen.
Natürlich wird man auf solch einer Reise vom Reisefieber übermannt und ich überlegte mir ernsthaft, mich weiter nach Bamako, der Hauptstadt von Mali durchzuschlagen. Aber auch der Alkohol hatte die Amöben im Darm nicht töten können, und außerdem war der Endpunkt der Rallye in Dakar und nicht in Bamako. Zudem sollte man immer aufhören wenn es am schönsten ist, und so nahm ich den Flieger zurück ins kalte Deutschland. Schneestürme hüllten mich ein und ich erfror elendig. Doch sollte die Rallye Dakar nächstes Jahr wieder in Südamerika stattfinden und die Wiedergeburt wahr werden, weiß ich genau, wer sich wider aller Drohungen durch die Sahara schlagen wird.
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