STORIESJUNI 2009
von Boris Guschlbauer
Da stand ich nun, berauscht vom Kif, am Fuße einer gigantischen Düne, im Irgendwo der marokkanischen Wüste. Der heiße Sand brannte unter meinen wund gelaufenen Füßen. Jedes Sandkorn barg ein komplettes Universum in sich. Und so schleppte ich mich bergauf, von Universum zu Universum, rutschte zurück, drei Schritte waren einer in diesem Treibsand der Sphären.
Auf halber Strecke hielt ich inne, drehte mich hin zum Tal und blickte zurück in das ganz eigene Universum Wüstenoase und sah durch die Hitze verschwommene Lehmhäuser am Horizont und die männlichen, bärtigen Einwohner in der Teestube sitzen und Domino spielen, die Frauen wuschen die Wäsche in Zubern rein und huschten wie scheue Rehe in die dunkle Geborgenheit ihres Eigenheims wenn sich ein männlicher Fremder ihnen näherte, und der Fremde warf verstohlene Blicke durch den kleinen Spalt der Türen, dunkle Augen blitzten ihm entgegen und der Fremde rieb sich nachdenklich am bärtigen Kinn und fragte sich, was sich hinter diesen funkelnden Augen verbarg, welche Träume geträumt wurden, welche Sehnsüchte diese Frauen trieb, gab es Gedanken an Flucht, oder nur Zufriedenheit im Hier und Jetzt?
Immer steiler ging es hinauf, der Gipfel der Düne musste mein neues Zuhause werden – dort wollte ich leben, für ein paar Sekunden wenigstens, oder gar Minuten, auf immer und ewig, jedenfalls bis zum Ende der Nacht.
Schweißtropfen fielen mir wie Fliegerbomben von der Stirn, tropften in den Sand, versickerten, zeichneten dunkel meinen Laufweg nach und als ich im Schweiße meines Angesichts all diese Tropfen sah, die sich über die ganze weite Welt erstreckten, wusste ich genau, dass ich den richtigen, meinen ganz eigenen Weg des Lebens eingeschlagen hatte. Viel Schweiß, Blut und Tränen waren unter unendlichen Qualen literweise auf diesem schweren Weg geflossen, aber das war es alles allemal wert. Auch, wenn zu oft das Gefühl aufkam, sich in einer Einbahnstraße mit einer Sackgasse am Ende zu befinden, für diesen Weg lohnte es sich, mit wehenden, bunten Fahnen unterzugehen. Das war Leidenschaft. Wie viele suchten vergeblich nach ihr und fanden sie nicht, mir war sie ganz leicht und zart mit weißen Taubenflügeln zugeflogen. Einfach so.
Der gigantische Rundumblick von der Düne ließ alle Qualen der Welt vergessen. Ich schwankte vor Freude wie ein Schiff in Seenot, hyperventilierte, hielt mich aber wacker im Kampf gegen den Gegner Ohnmacht an den Planken fest. Mein Blick schweifte über den riesigen Sandkasten und am Ende der ausgedörrten Ebene im Osten sah ich die algerische Grenze, mit dunkelbraunen Teleskop-Kaleidoskopaugen tat ich einen zaghaften Blick nach Algier und ein stumpfsinniger Selbstmordattentäter sprengte sich dort aus falscher Freude und Erwartung in die Luft. Zwanzig unschuldige Menschen wurden mit in den hämisch grinsenden Tod gezwungen, ihre Eingeweide zerfetzt und dampfend auf dem heißen Asphalt, der Drang nach einem erfüllten Leben für immer verloren. Die 72 hässlichsten Jungfrauen sollen dem Märtyrer die Impotenz lehren.
Um den Tod aus den Gedanken zu streichen, starrte ich wie im Film Pi mit weit aufgerissenen Augen in die roten Strahlen der untergehenden Sonne. Diese konnte man nicht sprengen, sie schmunzelte nur über die dämliche Unwissenheit der Menschheit und zog sich unter den Horizont zurück, um uns allein zu lassen, damit wir in der Dunkelheit etwas über uns selbst nachdenken konnten. Und der Himmel und eine einsame Wolke färbten sich blutrot und das Blut tropfte in den Sand und auch dieser färbte sich rot, dann beige, braun, grau, orange, gelb, schwarz, weiß... Die Farben der Welt verwirrten Sinne, entlockten Tränen der Freude, kitzelten die Netzhaut und Synapsen, ich fühlte mich groß und klein zugleich.
Der erste Stern erschien als kleiner Brunnen mit verrosteter Winde am Nachthimmel und ich sah diese weich geschwungenen Konturen der Dünen unter diesem einen lachenden Stern in der Dunkelheit. Von irgendwo her hatte ich exakt dieses Bild dieser Landschaft schon einmal gesehen, hatte es in einer weit entfernten Ecke des Gehirns abgespeichert. Nun kam die Erinnerung zurück, ich war mir sicher. Ich hatte exakt dieses Bild der schönsten und traurigsten Landschaft der Welt in einem Buch entdeckt, ein Mann hatte genau diese Dünen mit dem Stern auf die vorletzte Seite gezeichnet. Und als ein kleines lachendes Kind mit goldenem Haar die Düne entlang auf mich zugelaufen kam und ich es fragte: „Aber... was machst denn du da?“ und es antwortete nicht, von diesem Augenblick an gab es keinen geringsten Zweifel mehr. Augenblicklich zückte ich mein Notizbuch, riss eine Seite heraus und schrieb diesen kurzen Brief:
Lieber Herr Saint-Exupery!
Wie geht es Ihnen?
Bin gerade in der Sahara unterwegs. Ich habe Ihr Bild erkannt. Ich bin genau dort, unter dem einen Stern, mit diesen Dünen. Und tatsächlich kam mir auch ein lachendes Kind mit goldenem Haar entgegen. Ich habe tatsächlich den kleinen Prinz getroffen!
Ich wollte nur, dass Sie dies wissen. Bitte seien Sie nicht länger traurig. Wir sehen uns irgendwann in Frankreich oder zuhause.
Bis dann,
Ihr Boris Guschlbauer
Es war nichts als ein gelber Blitz bei seinem Knöchel. Er blieb einen Augenblick reglos. Er schrie nicht. Er fiel sachte, wie ein Baum fällt. Ohne das leiseste Geräusch fiel er in den Sand.
Eine Stille setzte ein. Absolute Stille. Der Tod. Ich war wieder alleine, ganz alleine in der Wüste, der einzige Mensch auf Gottes Erdboden. Einsamkeit überrollte mich wie eine Dampfwalze mit Plutoniumantrieb. Ich legte mich zurück in den weichen, heißen Sand und blickte hinauf in den Sternenhimmel, verlor mich in der unendlichen Weite des Alls und fand kein Ende. Ich versuchte, das große Ganze zu verstehen, das All mit dem Verstand zu begreifen, es zu vermessen – ein Akt der Unmöglichkeit. Meinen kompletten Geist zog es in eines dieser Schwarzen Löcher, wurde in die Länge gezogen, deformierte sich und eine andere, ganz weit entfernte Dimension erfasste mein Bewusstsein. In diesem Moment war ich nicht mehr ich selbst, auch niemand Anderes, nur ein kleines Stück formloser Materie in dieser endlosen Zeit seit Anbeginn der Existenz. Nichts war mehr greifbar, real und von Belang. Alles war das Nichts, und ich mir dessen gänzlich bewusst, obwohl „Ich“ aus dem Wortschatz gestrichen war und das Wort „Wortschatz“ gar nicht mehr existierte, weil das „Wort“ nur eine Erfindung der Menschheit war und an diesem weit entfernten Ort völlig bedeutungslos...
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